Nach Aussagen von Ärzten ist der Herbst der beste Zeitpunkt für die Impfung gegen das Coronavirus. Foto: Kay Nietfeld/dpa/Kay Nietfeld

Ab September gibt es neue Corona-Impfstoffe. Doch braucht es überhaupt noch eine Immunisierung? Wie gefährlich Corona überhaupt noch ist und was Experten dazu sagen.

Die Pandemie ist überwunden und im Alltag spielt das Coronavirus bei vielen Menschen kaum noch eine Rolle: Zwar steigen die Fallzahlen seit rund einem Monat wieder an. Doch insgesamt wird dies vom Robert-Koch-Institut (RKI) als nicht besorgniserregend eingestuft. Gleichzeitig sind die Impfstoffhersteller gerade dabei, die neuen angepassten Vakzine auf den Markt zu bringen: So hat der Mainzer Hersteller Biontech angekündigt, dass ab September Einzeldosen des Vakzins vorbehaltlich der behördlichen Zulassung hierzulande ausgeliefert werden können. Auch die US-Hersteller Moderna und Novavax wollen im Herbst einen angepassten Impfstoff auf den Markt bringen. Als „wichtigen Schritt“ bezeichnet dies Jan Steffen Jürgensen, Facharzt für Innere Medizin und Vorstandschef des Klinikums Stuttgart. „Auffrischimpfungen gegen das Sars-CoV-2-Virus sind für einen Teil der Bevölkerung ein wichtiger Schutz, ebenso wie beispielsweise die Grippeschutzimpfung.“

Wie gefährlich kann eine Infektion mit den neuen Varianten werden?

Derzeit sind zwei Virusvarianten seitens der Gesundheitsexperten von Interesse: Die in Europa und auf dem amerikanischen Kontinent stark verbreitete Variante EG.5, Eris genannt, aber auch die Variante FL.1.5.1. „Bisher gibt es aber keine Anhaltspunkte, dass diese Varianten besonders schwere Erkrankungen auslösen und infektiöser als die bekannten wären“, sagt Jan Steffen Jürgensen. Auch ist die Immunität in der Bevölkerung gut, der Anteil der Geimpften sehr hoch und die Mehrzahl der Menschen hat auch nach durchgemachten Infektionen einen gewissen Schutz vor schweren Verläufen.

Wie wirksam sind die Impfstoffe?

Vor allem Eris aber auch FL.1.5.1 stammen von derselben Omikron-Virusvariante aus der XBB-Linie ab und haben daher fast identische Spike-Proteine. Gegen diese XBB-Linie wurden die aktuellen Impfstoffe sowohl von Biontech als auch Moderna entwickelt, deren Zulassung bei der europäischen Arzneimittelbehörde beantragt wurde. Die Bildung von wirksamen Antikörpern gegen die nach Angaben des Robert-Koch-Instituts auch in Deutschland zunehmend verbreiteten Varianten konnte in experimentellen Analysen gezeigt werden. Auch Novavax hat einen seinen Impfstoff auf die Variante XBB.1.5 angepasst.

Wer sollte sich impfen lassen?

Die Ständige Impfkommission (Stiko), die beim RKI angesiedelt ist, empfiehlt die Komplettierung des Impfschutzes für alle Erwachsenen durch drei Antigenkontakte, davon mindestens zwei durch eine Impfung und eine durch eine weitere Impfung oder einer durchgemachten Infektion. Diese drei Antigenkontakte haben die meisten bereits. „Für Menschen im Alter über 60 oder bei chronischen Krankheiten mit erhöhtem Risiko für komplizierte Verläufe ist jedoch eine jährliche Auffrischimpfung empfohlen“, sagt Jürgensen. Ebenso für Beschäftigte mit Patientenkontakt im Gesundheitswesen oder Bewohner von Pflegeheimen.

Jan Steffen Jürgensen, Vorstandschef des Klinikums Stuttgart Foto: Lichtgut/Max Kovalenko/Lichtgut/Max Kovalenko

Brauchen auch Kinder und Jugendliche eine Auffrischung?

Gesunden Kindern und Jugendlichen wird keine Impfung empfohlen. Das liegt daran, dass eine Erkrankung in ihrem Fall nur sehr geringe Risiken mit sich bringt und die Immunitätslage der Bevölkerung insgesamt als gut eingestuft wurde. Hinzu kommt, dass auch eine Impfung unerwünschte Nebenwirkungen mit sich bringen kann – wie etwa dem sehr niedrigen Risiko einer Entzündung des Herzmuskels, medizinisch Myokarditis genannt. „Für Kinder mit relevanten Vorerkrankungen kann eine Impfung allerdings hilfreich sein“, sagt Jürgensen.

Wann ist der beste Zeitpunkt für eine Impfung?

Auch wenn die Zahlen bereits jetzt steigen und zum Beispiel in der Altersgruppe über 80 in Deutschland in der letzten Woche eine klare Tendenz zu sehen war, ist der Herbst der beste Zeitpunkt für die Impfung, sagt Jan Steffen Jürgensen. „Die Infektsaison erwarten wir im Winterhalbjahr und der Anstieg der schützenden Antikörper entwickelt sich in den folgenden Wochen, ehe es später wieder zu einem langsamen Abfall kommt.“

Sind unerwünschte Nebenwirkungen der Impfung zu erwarten?

Jan Steffen Jürgensen rechnet mit einer in der Regel guten Verträglichkeit: „Nebenwirkungen dürften erneut Schmerzen an der Einstichstelle, Muskelschmerzen oder kurze Phasen von Symptomen sein, die einem grippalen Infekt gleichen. Zu den sehr seltenen aber gravierenden Nebenwirkungen wie beispielsweise Herzmuskelentzündungen ist mit einer ähnlichen, extrem niedrigen Rate zu rechnen.“