Wie kann man Mitglieder halten und neue dazugewinnen? Diese Frage beschäftigt den Chorverband Otto Elben. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Traditionelle Gesangsvereine sterben oder kämpfen ums Überleben. Der Chorverband Otto Elben im Kreis Böblingen holt sich Ideen zur Mitgliederwerbung – aus teils überraschenden Richtungen.

Das Jahr 2024 hat nicht gut angefangen für die Chorvielfalt im Kreis Böblingen. Mit dem Liederkranz Aidlingen und dem Gesangsverein Affstätt standen im Januar gleich zwei Männerensembles vor dem Aus. Schon im letzten Jahr haben der Liederkranz Schönaich und der Liederkranz Sindelfingen ihre Auflösung beschlossen. Das waren allesamt Traditionsensembles mit teils mehr als 170-jähriger Geschichte. Das Problem ist überall dasselbe: Überalterung und damit einhergehend ein drastischer Mitgliederrückgang. Nachwuchs? Fehlanzeige!

Herkömmliche Gesangsvereine, insbesondere die mit reiner Männerbesetzung, tun sich offenbar schwer damit, neue und jüngere Mitglieder zu gewinnen. Beim Chorverband Otto Elben (COE), unter dessen Dach im Kreis Böblingen über 2000 Sängerinnen und Sänger in mehr als 70 Chören und Gruppierungen in 46 Vereinen organisiert sind, will man diese Entwicklung nicht länger hinnehmen. „Wir hatten deshalb bei unserer letzten Vorständetagung das Thema Mitgliedergewinnung auf die Tagesordnung genommen“, berichtet Siegfried Schneider, der Präsident des Chorverbands Otto Elben.

Rund 60 Vereine und überall dieselben Sorgen

60 Ehrenamtliche, die in ihren jeweiligen Chören an verantwortlicher Position aktiv sind, waren Anfang Februar zu der Tagung ins Nebringer Aramis-Hotel gekommen. Durch eine Neuorganisation und die Einbeziehung benachbarter Vereine (darunter vom Chorverband Johannes Kepler) wächst der COE von bisher 46 auf rund 60 Mitgliedervereine an.

Für den COE-Präsidenten Siegfried Schneider bedeutet dies noch mehr Verantwortung für noch mehr Vereine, die zum Großteil dieselben Sorgen umtreiben: Wie gelingt es, Chornachwuchs zu rekrutieren? Wie gelingt es, motivierte Menschen für die Vorstandsarbeit zu finden beziehungsweise bei der Stange zu halten? Wie gelingt es, Menschen in einer immer enger getakteten Arbeitswelt dazu zu bringen, ihre kostbare Freizeit zu opfern?

Nützliche Antworten darauf gab es bei der Tagung. Regina Ritter, eine Dozentin beim Schwäbischen Chorverband, fragte zum Beispiel in ihrem Vortrag, warum Menschen sich überhaupt ehrenamtlich engagieren. Die Wirtschaftspsychologin und Mediatorin zog dabei Parallelen zur Mitarbeitermotivation in der Arbeitswelt. Laut der Referentin wollen Menschen im Ehrenamt mindestens eines von drei psychologischen Grundbedürfnissen erfüllt haben: Sie wollen eigenständig sein, sie wollen kompetent sein (oder sich Kompetenz erwerben) und sie wollen dazugehören.

Es geht immer auch um Wertschätzung

Je besser diese Bedürfnisse erfüllt sind, desto motivierter, kreativer und durchhaltewilliger sind laut Ritter die Vereinsmitglieder. In der konkreten Vereinsarbeit heiße das zum Beispiel, die richtigen Leute – ob mit oder ohne festes Amt – an der richtigen Stelle und entsprechend ihrer Interessen und Fähigkeiten einzusetzen. Also zum Beispiel Bankkaufleute für die Kasse oder die IT-Fachkraft im Verein für die Homepage verantwortlich zu machen. Im Umkehrschluss heißt das, wie Verbandspräsident Siegfried Schneider bei dem Vortrag gelernt hat, „dass man auch Aufgaben loslassen und verteilen muss.“ Aber genau damit tue sich so mancher Vorstand eben schwer. Bei allem gehe es immer auch um Wertschätzung – und die könne auch die Frau oder der Mann an der Spitze gut gebrauchen. „Wer lobt eigentlich den Vorstand?“, greift Schneider einen Punkt aus Ritters Vortrag auf.

Ein zweiter Vortrag zum Thema Mitgliedergewinnung kam von Führungskräfte-Coachin Isabelle Arnold. Sie ging noch etwas konkreter auf die Situation von Chören und Gesangsvereinen ein und stellte dabei einige sehr grundsätzliche Fragen wie etwa nach der Identität und Außenwirkung eines Vereins. Was macht den Chor aus? Welchen musikalischen Schwerpunkt setzt man? Auf welchem Niveau bewegen sich Probenarbeit und Chorleitung? Was hat der Verein neben der Musik noch zu bieten? „Es geht darum, dass ich selbst von meinem Chor überzeugt bin“, fasst Siegfried Schneider zusammen.

Mit einer Frage traf die Referentin offenbar einen Nerv. Hier ging es darum, wie es um die Willkommenskultur im Verein bestellt ist. Schließlich sende eine Begrüßung wie „Da hockt der Karle scho’ seit 20 Johr’, da hocksch du die net na“, doch eher das falsche Signal an Neumitglieder, greift Schneider diesen Aspekt humorvoll auf.

Nach dem Motto „erfolgreiche Mitgliedergewinnung beginnt im Kopf“ hatte Isabelle Arnold noch weitere nützliche Tipps im Gepäck, darunter niederschwellige und unverbindliche Schnupperangebote, eine möglichst breite Literaturauswahl oder den Einsatz von Social Media. Außerdem schlug sie vor, die Mitglieder selbst in die Anwerbung neuer Interessenten einzubinden, indem man sie beispielsweise ermuntert, den Partner in die Probe mitzubringen.

Die wöchentliche Singstunde muss nicht mehr sein

„Da ist viel bei den Leuten hängen geblieben“, ist COE-Chef Schneider vom Nutzen der Vorträge überzeugt. Er selbst hält es für wichtig, mit der Zeit zu gehen und wandlungsfähig zu sein: zum Beispiel über die zeitlich überschaubare Arbeit in Projektchören und den Verzicht auf die wöchentliche Singstunde. „Manche Chöre proben nur einmal im Monat – das funktioniert“, sagt Schneider. „Da verschickt der Chorleiter digitale Soundfiles per Mail und die Leute üben ihren Part bis zur nächsten Probe einfach zu Hause“, erklärt er.

Für manche Vereine im Kreis kommen solche Erkenntnisse aber wohl zu spät. „Die Vereine, die jetzt sterben, haben diese Entwicklungen schon vor Jahren versäumt“, sagt COE-Präsident Siegfried Schneider. Oder sie hatten schlichtweg zu sehr an ihrer eigenen Tradition festgehalten – so wie die reinen Männerensembles, denen nach und nach die Sänger weggestorben sind. „Diese ganze Männerherrlichkeit rächt sich eben jetzt“, meint Schneider.

Der Chorverband Otto Elben

Neuordnung
 Im Chorverband Otto Elben (COE) waren bisher Vereine aus dem Raum Böblingen und Herrenberg organisiert. Da der im Altkreis Leonberg verwurzelte Chorverband Johannes Kepler (CVJK) seine Selbstständigkeit aufgibt, gehen mehr als die Hälfte der 21 CVJK-Vereine in den COE über. Mit den bisher im Filder-Chorverband organisierten Vereinen in Waldenbuch und Steinenbronn sowie dem Liederkranz Dachtel (bisher Hermann-Hesse-Chorverband Calw) wächst der COE von 46 auf rund 60 Vereine an.

Zugehörigkeit
Dachorganisation ist der Schwäbische Chorverband. Mit 1 500 Vereinen und Ensembles ist er einer der größten Amateurmusikverbände Deutschlands.