Die Betten sind gerichtet: Das Aufnahmezentrum des Landkreises in der Zeppelinstraße soll als erste Anlaufstelle für Geflüchtete aus der Ukraine dienen. Foto: Roberto Bulgrin

Im ehemaligen Impfzentrum in der Esslinger Zeppelinstraße entsteht eine erste Anlaufstelle für Geflüchtete aus der Ukraine. Zunächst können hier rund 100 Menschen unterkommen, langfristig könnten es bis zu 400 sein.

Kreis Esslingen - Vor knapp zwei Wochen hat Russland seinen Angriffskrieg auf die Ukraine gestartet. Inzwischen sind auch im Kreis Esslingen die ersten Flüchtlinge aus dem osteuropäischen Land angekommen. Im Esslinger Rathaus und im Landratsamt bereitet man sich jetzt darauf vor, dass die Zahl der Schutzsuchenden schnell steigen könnte. Der Landkreis richtet ein Aufnahmezentrum ein, die Stadt Esslingen eine Taskforce. Und auch die Malteser stehen schon in den Startlöchern, um bei Bedarf humanitäre Hilfe leisten zu können.

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind seit Beginn des russischen Einmarschs bereits mehr als zwei Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen – und es werden immer mehr. Wie viele von ihnen in den nächsten Tagen und Wochen in den Kreis Esslingen kommen, ist unklar. Doch man will vorbereitet sein. Der Landkreis richtet derzeit in der Zeppelinstraße 112, wo bis vor Kurzem noch ein Impfzentrum untergebracht war, ein Aufnahmezentrum für ukrainische Flüchtlinge ein. Es soll als erste Anlaufstelle fungieren, in der die Neuankömmlinge registriert und medizinisch versorgt werden können, sagt Christian Greber, Leiter des Amts für allgemeine Kreisangelegenheiten im Esslinger Landratsamt. Im besten Fall sollten sie dann zügig in andere Unterkünfte weiter vermittelt werden – idealerweise in Privatwohnungen oder -häuser.

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Zunächst werden in dem Aufnahmezentrum Betten für rund 100 Menschen aufgestellt. Bei Bedarf könne man auf den vier angemieteten Stockwerken aber vermutlich bis zu 400 Plätze einrichten, schätzt Greber. Wichtig sei, dass man hier flexibel reagieren könne: „Wir können nicht absehen, wie viele Menschen aus der Ukraine kommen.“ Und in den bestehenden Flüchtlingsunterkünften des Landkreises seien zurzeit keine größeren Kapazitäten frei.

Auch in der Stadt Esslingen laufen die Vorbereitungen. Man habe jetzt eine Task Force Ukraine unter Leitung von Ordnungsbürgermeister Yalcin Bayraktar eingerichtet, die die Gesamtkoordination übernehme und zentrale Fragen wie Anmeldung, Unterbringung, Ausländerrecht und Hilfsangebote bearbeite, teilt Pressesprecherin Nicole Amolsch mit. Parallel baue die Stadt eine Webseite auf, auf der die wichtigsten Fragen übersichtlich beantwortet werden und konkrete Ansprechpartner benannt sind. Die Informationen seien voraussichtlich ab Mittwoch auf der Homepage der Stadt abrufbar.

Stadt Esslingen sieht sich gut auf ukrainische Flüchtlinge vorbereitet

In Esslingen seien bereits ukrainische Flüchtlinge angekommen, so Amolsch. Allerdings könne man keine aktuelle Zahl nennen, weil die Geflüchteten 90 Tage Zeit hätten, um sich bei der Stadt anzumelden. Man sei zuversichtlich, die Ankommenden gut versorgen zu können. Unter anderem habe man in den vergangenen Monaten zusätzliche Kapazitäten in der Anschlussunterbringung für Flüchtlinge geschaffen, um bei etwaigen Coronaausbrüchen schnell handeln zu können. Diese Kapazitäten könnten bei Bedarf aktiviert werden. Nach wie vor nicht vorstellen kann man sich die Belegung des Hotels Park Consul.

Auch bei den Maltesern sieht man sich gewappnet. „Wir richten uns auf alles ein“, sagt Marc Lippe, Bezirksgeschäftsführer bei den Maltesern Neckar-Alb und damit auch für die Malteser im Landkreis Esslingen zuständig. Die haupt- und ehrenamtlichen Einsatzkräfte seines Hilfsdienstes stünden bereit. Bei Bedarf könne der Katastrophenschutz etwa Flüchtlingsunterkünfte einrichten und die Menschen betreuen.

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Vor allem könnten die Malteser sich um die medizinische und psychosoziale Versorgung kümmern. „Wir rechnen damit, dass die Menschen nach tagelanger Flucht in desolatem Zustand ankommen werden“, sagt Lippe. Um vorbereitet zu sein, habe er bereits Kontakt zur Kreisärzteschaft und den örtlichen Kliniken aufgenommen. Lippe rechnet damit, dass man auch die Unterstützung von Kinderärzten brauche. Denn im Gegensatz zur Flüchtlingskrise 2015 würden nun hauptsächlich Kinder und Frauen erwartet – Männer dürfen die Ukraine nicht verlassen, weil sie dort kämpfen müssen. Angedacht sei, bei Bedarf eine mobile Praxis einzurichten, die als niederschwelliges Angebot für die Geflüchteten dienen könnte, so Lippe.

Allerdings sei noch völlig unklar, mit wie vielen ukrainischen Flüchtlingen man rechnen müsse. Anders als bei der Flüchtlingskrise 2015, als die Asylbewerber hauptsächlich an den Grenzen ankamen und dann auf die Länder und Landkreise verteilt wurden, können die Ukrainer frei durch Europa reisen. Der offizielle Weg gehe zwar auch jetzt über die Landeserstaufnahmestellen – etwa wenn Geflüchtete mit Bussen aus Berlin kommen, so Lippe. Doch viele seien privat unterwegs und kämen bei Bekannten oder Verwandten unter. Daher fehle der Gesamtüberblick über die Flüchtlingszahlen. Aber dass die Hilfesuchenden den Weg in den Kreis Esslingen finden, ist für ihn klar – nicht zuletzt, weil rund 800 Ukrainer dauerhaft hier lebten und viele Kontakte in ihre Heimat hätten.

Keine Sachspenden, aber Unterstützung gefragt

Unterstützung
 Bei den Maltesern laufen seit Tagen die Telefone heiß, weil Menschen ihre Unterstützung anbieten wollen. „Wir erleben eine sehr große Hilfsbereitschaft“, sagt Bezirksgeschäftsführer Marc Lippe. Besonders dringend gesucht würden derzeit Menschen, die als Dolmetscher für die russische oder ukrainische Sprache fungieren können. Wer sich hier einbringen wolle, könne unter www.malteser-neckar-alb.de Kontakt mit den Maltesern aufnehmen.

Spenden
 Derzeit rät Lippe von Sachspenden ab. „Mit Hilfsgütern und Sachspenden ist uns derzeit nicht geholfen“, sagt Lippe. Die Lager seien voll, aber die Logistik sei eine Herausforderung. „Wenn wir einen Überblick haben, was genau benötigt wird, werden wir gezielt um Sachspenden bitten.“ Wer schon jetzt helfen möchte, könne unter dem Stichwort „Ukraine-Hilfe“ und der IBAN DE10 3706 0120 1201 2000 12 Geld spenden.