Die Asperger Stadthalle wird als Notunterkunft vorbereitet. Aufs Parkett kommt Linoleum, mit Bauzäunen wird abgeteilt. Foto: Jürgen Bach

Nicht nur die Sporthalle in Bietigheim wird für Geflüchtete vorbereitet. Auch in Asperg werden in der Stadthalle Betten aufgestellt. Mitte September ziehen dort 60 Ukrainer ein. Die Rathauschefs und der Landrat schlagen jedoch Alarm.

Eine Mischung aus Ratlosigkeit, Frust und Sorge macht sich in den Rathäusern breit. 414 Ukrainer und Ukrainerinnen muss der Kreis aufnehmen. 240 Flüchtlinge sind planerisch schon auf die Kommunen verteilt. Der Rest sollte eigentlich diese Woche aufgenommen werden, doch Landrat Dietmar Allgaier hofft darauf, die Aufnahme staffeln zu können. Noch sei aber nicht klar, ob das Land da mitspiele.

In Asperg wird aktuell die Stadthalle als Notunterkunft vorbereitet. Dort seien die Auswirkungen auf die Stadtgesellschaft am geringsten, ist Bürgermeister Christian Eiberger sicher. Denn die drei Sporthallen würden in größerem Umfang als die Stadthalle für Schulen und Vereine benötigt. Außerdem sei dort die Infrastruktur am besten. Seit Juli könne Asperg die Aufnahmequote von monatlich rund 25 ukrainischen Flüchtlingen nicht mehr erfüllen. Bis Ende September sei man verpflichtet, mehr als 60 ukrainische Flüchtlinge unterzubringen. Alleine mit angemieteten Wohnungen werde dies nicht gelingen – zumal der Verwaltung in den vergangenen Wochen kaum noch leer stehender Wohnraum angeboten worden sei, so Eiberger. „Wir Kommunen helfen gern, sind aber alle am Limit.“

Zu wenig Ehrenamtliche

Und zwar nicht nur das Hauptamt, sondern auch das Ehrenamt, betont Landrat Dietmar Allgaier und warnt die Politik vor einer Überforderung der Gesellschaft. Doch die Damen und Herren in Berlin würden versagen und die Situation in den Kommunen nicht erkennen, kritisiert der Kreischef. Ehrenamtlich engagiert sich Karl-Heinz Haasis im Arbeitskreis Asyl in Benningen. Etwa 35 Mitglieder hat der Verein, zwischen zwölf und 15 arbeiten aktiv mit. Sollten sich die Zahlen verdoppeln, sei das nicht zu schaffen, sagt auch er.

In der Nachbarkommune Marbach kommt man in der nächsten Zeit ohne Hallenbelegung aus, sagt Bürgermeister Jan Trost. Dennoch habe man bereits eine Ausstattung für eine Halle eingelagert. „Wenn eine Halle belegt werden muss, wird dies eine der Hallen im Schulzentrum sein, da sie über eine Holzhackschnitzelheizanlage beheizt werden.“ Welche Halle es sein könnte, werde mit dem Gemeinderat abgestimmt.

Sporthalle in Bietigheim wird belegt

Die Stadt Kornwestheim bekam im August 53 geflüchtete Ukrainer vom Kreis zugewiesen. Bis dato haben insgesamt 248 eine Bleibe gefunden. Sie konnten allesamt in städtischen Wohnungen und Unterkünften untergebracht werden. Im September werden voraussichtlich weitere 60 Personen folgen. Die Stadt sei deshalb aktuell intensiv auf der Suche nach weiteren Unterbringungsmöglichkeiten, informiert die Pressesprecherin der Stadt, Sandra Hennig. Weitere denkbare Möglichkeiten wie Hallen werden intern derzeit ausgelotet.

In der Sporthalle am Beruflichen Schulzentrum in Bietigheim, einer Liegenschaft des Kreises, werden seit Mittwoch 160 Betten aufgestellt. Bis Ende der Woche soll alles fertig vorbereitet sein. Vermutlich am Freitag wird die Halle erstmals belegt. Bereits vergangenes Wochenende musste der Kreis auf einen Schlag 55 Geflüchtete unterbringen. Die Zuweisung kam kurzfristig. So kurzfristig, dass die Stadt Ludwigsburg aushalf.

Ludwigsburg hilft dem Kreis aus

„Der Kreis bekam vom Land am Donnerstag die Nachricht und am Samstag standen die Leute da“, berichtet die Erste Bürgermeisterin der Stadt Ludwigsburg, Renate Schmetz. In einem Kraftakt habe man Hilfe geleistet und sei eingesprungen. Möglich sei das nur gewesen, weil einige Wohnungen zufällig frei geworden waren. In Ludwigsburg wurde im August 125 Geflüchteten eine Unterkunft gegeben – die 55 eingerechnet. „Wir gehen davon aus, dass wir mit dem Angebot, das wir aus der Bürgerschaft, der Wohnbau Ludwigsburg und durch unsere eigenen Angebote haben, auf jeden Fall den ersten Ansturm auffangen können“, sagt Schmetz. Um nicht ins Schlingern zu geraten, werde man anders als geplant einige Mietobjekte, wie beispielsweise Hotels, erst einmal nicht aufgeben. So soll die Belegung von Sporthallen oder aber auch das Aufstellen weiterer Container vermieden werden. „Zum jetzigen Zeitpunkt bin ich zuversichtlich, dass das reichen wird, weil von Ende Oktober an auch in der Schlieffenstraße in den Containern 60 Plätze zur Verfügung stehen.“ Von der Zuversicht in Ludwigsburg ist man in Steinheim ein gutes Stück entfernt. Man habe in den vergangenen Monaten viel gemacht und sich eine Planung zurechtgelegt, doch die neuen Zahlen würden so ziemlich alles über den Haufen werfen, sagt Bürgermeister Thomas Winterhalter. Im August musste die Urmenschstadt 14 Ukrainer unterbringen. Geht man von den Prognosen des Kreishauses aus, wird sich diese Zahl im September verdreifachen. „Und ich bin noch etwas ratlos, wie wir diese Steigerung hinbekommen sollen. Vor allem, wenn es sich nicht um eine einmalige Sache handelt“.

Bottwartalhalle im Blick

Zu Beginn des Krieges wurde die Bottwartalhalle im Stadtteil Kleinbottwar als mögliche Notunterkunft in den Blick genommen. 100 Menschen hätten dort Platz. Betten sind bereits geliefert. Doch Winterhalter hofft, darauf verzichten zu können – und ärgert sich auch über Bund, Land und Landkreis: „Es ärgert mich, dass man es einfach so auf die Kommunen schiebt und uns dann auch noch kurzfristig informiert.“ So habe er am 31. August noch immer nicht die Zuweisungen für den September. Darüber hinaus sei es schwer verständlich, warum der Landkreis bei der Aufnahmequote so hinterherhinke.

Landrat Dietmar Allgaier verweist auf die Dynamik der Zahlen. „Vor vier, sechs Wochen hatten wir noch ein Plus im Kreis“, betont er und spielt den Ball zurück. Die privat untergebrachten Geflüchteten müssten von den Kommunen an den Kreis gemeldet werden. Das passiere nicht immer.

Bürgermeister fordern Erleichterungen vom Land

Bürokratie
 Für großen Unmut sorgen bei den Rathauschefs fehlende bau- und vergaberechtliche Erleichterungen. „Die Kommunen brauchen diese aber zwingend – analog zu 2016“, sagt etwa der Marbacher Bürgermeister Jan Trost. Die Unterkunft im Stadtteil Rielingshausen habe nur deshalb so schnell errichtet werden können, weil es sie gegeben habe. Das Thema habe das Land auf dem Schirm, heißt es aus dem Justizministerium. Es bedürfe aber einer Abstimmung innerhalb der Landesregierung.  

Prognose
Angesichts der aktuellen Dynamik sei es nicht möglich, seriöse Prognosen zu den Aufnahmezahlen zu stellen, so die Sprecherin des Justizministeriums, Anna Härle. „Erfahrungsgemäß ist die Herbstsaison jedoch besonders zugangsstark.“