Hereinspaziert: Ibrahim Albakkar empfängt die Kunden im eigenen Salon. Foto: privat

Ibrahim Albakkar hat einen langen Weg aus dem Bürgerkriegsland bis ins Zentrum von Großbottwar erfolgreich hinter sich gebracht. Der Familienvater hat sich zum Friseurmeister hochgearbeitet und ist seit zwei Jahren der Chef in einem eigenen Laden.

Ibrahim Albakkar hat solide Grundsätze: Der bald 39-Jährige möchte mit seiner Familie in Sicherheit und Frieden leben. Und er will der Ernährer für seine sechsköpfige Familie sein. Damit nicht genug: Albakkar will mit zwei Brüdern, die aktuell in Norwegen leben, auch die Eltern und die übrigen sechs Geschwister in Syrien unterstützen, die trotz jahrelangem Krieg im Heimatland geblieben sind.

„Ich war sehr froh, als ich endlich keine Briefe mehr vom Jobcenter erhielt“, erzählt der ehrgeizige Vater von vier Kindern und ergänzt: „Ich will dem Staat nicht auf der Tasche liegen.“ Von seiner heutigen Warte aus kann er diese Sätze mit Gelassenheit aussprechen. Denn Albakkar hat sein Ziel erreicht: Anfang Januar werden es zwei Jahre sein, in denen er seinen Kunden den Kopf wäscht, ihnen die Haare schneidet und sie in Beauty- und Stylingfragen berät. Und das alles im eigenen Laden im Zentrum von Großbottwar.

Auch beherrscht der Friseur die aus dem Orient stammende Fadenmethode, mithilfe derer Haare auf der Oberlippe entfernt werden. Gelernt hat er all dies bei seinem damaligen Lehrherrn. Und zwar, indem er seinem Vorbild nachzueifern suchte. „In Syrien gab es nur eine praktische Ausbildung, keine theoretische wie hier in Deutschland“.

In den Jahren danach hat er in Dubai gearbeitet und dort zwei Friseurläden eröffnet, um viel Geld zu verdienen. Ganze elf Jahre dauerte die Phase an; zwei davon gemeinsam mit seiner Frau Aizia. Sein Traum lautete zu jener Zeit noch: „Zurück nach Syrien, um ein Haus in direkter Nähe zu den Eltern zu bauen und dort einen Laden zu eröffnen.“

Das mit dem Hausbau hat funktioniert, alles andere zerplatzte wie eine Seifenblase: Denn im Jahr 2011 eskalierte der Bürgerkrieg in Syrien. „Wir haben noch eineinhalb Jahre in Syrien gelebt, bis wir geflüchtet sind. „Heute ist alles kaputt, was wir uns aufgebaut hatten“, beschreibt Ibrahim Albakkar die trostlose Umstände in seiner Heimat. „Ich wollte auf keinen Fall irgendwann gegen meine eigenen Nachbarn kämpfen oder sie gar töten müssen.“

Stattdessen suchte er die Sicherheit. Diese fand die Familie nach einem nervenzehrenden Flucht-Klassiker – und getrennt vom Vater. Denn der flüchtete bereits sieben Monate früher. Aizia folgte mit den vier Kindern. Ein Albtraum, an den die Mutter nicht gern zurückdenkt: denn auch sie floh mit dem Nachwuchs zu Fuß in die Türkei, dann per überfülltem Boot nach Griechenland, weiter über Serbien und Ungarn nach Deutschland, wo sie einige Wochen in der Landeserstaufnahmestelle Meßstetten unterkamen. Und schließlich in Beilstein, wo die Familie bis heute lebt und wo sie glücklich ist. „Ich kam am 29.12.2014 in Beilstein an. Ein Datum, das mir ins Gedächtnis gebrannt ist.“ Schnell war klar: „Um meiner Familie ein würdiges und freies Leben zu ermöglichen, musste ich alle Kräfte bündeln und selbstständig werden“, erzählt Albakkar im Rückblick.

Ein Beilsteiner Ehepaar ist dem Syrer behilflich

Dabei zeigt sich stets wieder: die Dankbarkeit gegenüber dem Beilsteiner Freundeskreis Asyl und speziell dem Ehepaar Budde. „Die beiden sind für uns alles“ sagt der ruhige, freundliche Mann, der dabei doch Emotionen zeigt. Denn Andreas Budde war nicht nur bei der Suche nach einer Wohnung behilflich. Auch bei der Gestaltung des Ladens hat er geholfen, und die Verhandlungen mit der Bank, die schließlich dem Darlehen zustimmte, hat er gemanagt. „Wir sind füreinander wie eine Familie geworden“, stellt Albakkar, der bei Eileen Budde etliche Stunde Deutschunterricht bekam, bevor der offizielle in Heilbronn startete, dankbar fest.

„Ich erkannte: vieles liegt an der Sprache. Die sollte ich möglichst gut beherrschen“. Doch nicht allein den Kampf mit der deutschen Sprache galt es auszufechten: Es folgte einer mit der dualen Friseur-Ausbildung, die er, auf eineinhalb Jahre verkürzt, 2018 startete und die ihn für ein Jahr nach Wüstenrot brachte. Weil seine Chefin den Laden aufgab, fuhr er für ein weiteres halbes Jahr nach Mainhardt, wo die neue Chefin „mir bei der nahtlos übergehenden Vorbereitung auf den Meisterkurs half. Auch wollte sie, dass ich ihren Laden übernehme“.

Weggefährten bescheinigen ihm schwäbische Tugenden

Albakkar aber, der von den meisten seiner neuen Weggefährten, ziemlich schwäbische Tugenden wie „fleißig, sparsam oder ehrgeizig“ attestiert bekam, wollte unbedingt im Bottwartal bleiben. Dort geht die älteste seiner drei Töchter ins Gymnasium. „Sie möchte Apothekerin werden“, sagt der Vater stolz, der sich nach erfolgreicher Gesellenprüfung direkt zum dreimonatigen Intensiv-Meisterkurs in Heidelberg anmeldete. „Morgens um vier Uhr bin ich aufgestanden und mit meinen Karteikarten zum Neckar gegangen, um zu lernen. Die ganzen Fachbegriffe kannte ich ja nicht. Aber keiner meiner Mitschüler hätte daran gezweifelt, dass ich die Prüfung bestehe. Ich war offensichtlich der Fleißigste.“

Doch dann kam Corona und mit der Pandemie der Lockdown. „In der Zeit habe ich vermutlich einiges vergessen.“ Rund die Hälfte der Mitschüler schaffte die ohnehin anspruchsvolle Prüfung nicht, darunter auch Ibrahim Albakkar. Erst beim zweiten Anlauf sollte es klappen. „In der Zwischenzeit habe ich in Backnang gearbeitet und mich nebenher auf die Sprache fokussiert, um die kniffligen Fragestellungen zu verstehen“, erzählt Albakkar, der die deutsche Grammatik heute besser kann „als meine eigene Muttersprache“. Im Laden hängt seit fast zwei Jahren sein Meister-Zertifikat: „Es war ein zäher Weg. Aber immer habe ich viel Freundlichkeit und Unterstützung erfahren. Mich macht froh, dass ich mit meinem Laden in Großbottwar so gut angenommen werde.“