Tiere sind ein wichtiges Reservoir für neue Krankheitserreger. Das zeigt sich nicht nur beim neuen Coronavirus.
Münster/Ulm - Häufig sind Tiere der Ursprung neuer Infektionskrankheiten des Menschen. Auch das Coronavirus stammt wohl ursprünglich aus Fledermäusen. Wie können Krankheiten aus dem Tierreich auf den Menschen überspringen – und wie hoch ist das Risiko, dass es dadurch zu neuen Pandemien kommt? Wir beantworten Fragen dazu.
Welche Rolle spielen Krankheiten tierischen Ursprungs?
Rund 60 Prozent der neu auftretenden Infektionskrankheiten weltweit sind Zoonosen – also Krankheiten, die aus dem Tierreich kommen und auf den Menschen übergesprungen sind. Beispiele sind neben dem neuen Coronavirus Sars-CoV-2 das Ebolavirus, das Aidsvirus, das erste Sars-Virus oder die Schweinegrippe. Zoonosen können durch Viren, Bakterien, Pilze und Parasiten oder Prionen ausgelöst werden. Prionen sind falsch gefaltete Eiweißmoleküle, die beim Rinderwahnsinn (BSE) auftreten. Beim Menschen werden sie für eine Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit verantwortlich gemacht.
Wie können Erreger überspringen?
Wo Menschen und Tiere eng zusammenleben, ist das Übertragungsrisiko besonders hoch. Auch die Ernährung spielt eine Rolle. So können sich Menschen über unzureichend erhitzte tierische Lebensmittel wie Fleisch oder Milch mit Erregern aus dem Tierreich infizieren. Früher wurde etwa Tuberkulose oft über Kuhmilch übertragen.
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Der Sprung vom Tier auf den Menschen hängt in der Regel mit zufälligen Erbgutänderungen zusammen. Diese Mutationen versetzen zumindest einige Exemplare eines Erregers in die Lage, auch menschliche Zellen zu befallen. Da Viren eine hohe Mutationsrate haben, sind sie unter den Erregern von Zoonosen stark vertreten. Denn mit jeder Mutation steigt die Chance, dass eine für Menschen infektiöse Virusvariante entsteht.
Was muss passieren, damit es zueiner Pandemie kommt?
Die vereinzelte Infektion von Menschen, die zum Beispiel bei der Vogelgrippe zu beobachten ist, reicht noch nicht aus, um eine globale Pandemie auszulösen. Dazu muss der Erreger auch leicht von Mensch zu Mensch übertragbar sein, was zunächst meist nicht der Fall ist. Diesen Anpassungsschritt hat das neue Coronavirus wohl irgendwann im vergangenen Jahr geschafft. Auslöser sind auch hier zufällige Mutationen. Solche Erbgutänderungen können beispielsweise dazu führen, dass die Erreger verstärkt die oberen Atemwege befallen, so dass sie in größerer Zahl in die Raumluft gelangen.
Welche Rolle spielen große Tierbestände bei der Entwicklung neuer, für den Menschen gefährlicher Erreger?
„Die Massentierhaltung ist hier auf jeden Fall ein Treiber“, sagt Stephan Ludwig, Leiter des Instituts für molekulare Virologie an der Universität Münster. In großen Ställen könnten sich Krankheitserreger gut verbreiten. Damit wachse die Chance, dass neue Varianten entstehen, die Menschen befallen können. Allerdings würden landwirtschaftliche Tierbestände zumindest in Europa recht gut überwacht, fügt Ludwig hinzu. Als wichtige Quelle für neue Viruskrankheiten gelten auch Pelztiere wie Marderhunde und Nerze, die oft in großen Beständen gehalten werden. Die traditionellen Wildtiermärkte in manchen Ländern bereiten den Experten ebenfalls Sorgen.
Was bewirken Antibiotika im Stall?
Der Antibiotikaeinsatz in großen Tierbeständen begünstigt nach Ansicht von Ärzten und Veterinären die Entstehung antibiotikaresistenter Bakterienstämme. Diese können bei Menschen lebensgefährliche Infektionen auslösen, die mit den verfügbaren Antibiotika kaum noch behandelt werden können. Für die Entstehung neuer Virusvarianten spielen Antibiotika dagegen keine Rolle.
Wie reagiert der menschliche Körper auf neue Erreger?
Ein neuer Krankheitserreger ist für das Immunsystem zunächst ein Unbekannter. Die körpereigene Abwehr hat gegen ihn noch keine passenden Waffen parat. Entsprechende Antikörper und Abwehrzellen müssen erst gebildet werden. Das erleichtert dem Erreger die Vermehrung und erhöht zudem das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs bis hin zum Tod des Betroffenen.
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Stirbt die infizierte Person, ist das aus Sicht des Erregers so etwas wie ein Betriebsunfall. Denn ein toter Wirt kann ein Virus oder Bakterium nicht so gut weiterverbreiten wie ein lebender. Erreger, die schon längere Zeit in einer bestimmten Wirtsart leben, passen sich in der Regel an diese an. Zugleich lernt das Immunsystem des Wirts, die Eindringlinge in Schach zu halten. Besonders gut gelingt dies Fledermäusen, in denen sich ungewöhnlich viele verschiedene Virenarten finden.
Experten sind der Ansicht, dass die Gefahr von Zoonosen wächst. Warum?
Zum einen beansprucht eine wachsende Zahl von Menschen immer mehr Raum. Dadurch rückt die Zivilisation näher an die Lebensräume wild lebender Tiere heran, was zu mehr Mensch-Tier-Kontakten führt. Auch der Artenreichtum geht zurück. Nach Ansicht der Ulmer Biologin Simone Sommer werden dadurch auch im Tierreich Pandemien wahrscheinlicher. Und wo sich ein Krankheitserreger stark vermehren kann, steigt das Risiko, dass einige Exemplare den Sprung zum Menschen schaffen. Ein weiterer Faktor ist die Klimaerwärmung, wodurch etwa Stechmücken, die Krankheiten aus den Tropen übertragen, auch in gemäßigten Breiten häufiger werden. Dass in Zukunft neue Pandemien durch Erreger aus dem Tierreich drohen, ist unbestritten. Die Frage sei nur, wann das zum nächsten Mal passiere, sagt der Virologe Ludwig. „Ich glaube aber nicht, dass wir jetzt alle paar Jahre einen solchen Ausbruch haben werden.“