Die Diskussion über die Zukunft der Esslinger Bücherei geht in eine heiße Phase: Am 13. Mai soll der Gemeinderat entscheiden, ob die Stadt einen Umzug ins frühere Modehaus Kögel vorantreibt. In einer Veranstaltung des Bücherei-Fördervereins gab es viel Kritik.
Die Stunde der Wahrheit rückt näher: Am 13. Mai soll der Gemeinderat entscheiden, ob die Stadt ihre Pläne für einen Umzug der Esslinger Bücherei ins frühere Modehaus Kögel forcieren und mit einer vertieften Machbarkeitsstudie untermauern soll. Bei einer Veranstaltung des Fördervereins der Bücherei drängten sich rund 180 Besucher im Bürgersaal des Alten Rathauses, viele mussten stehen. Die Skepsis im Publikum gegenüber den Kögel-Plänen war groß, zahlreiche Fragen wurden gestellt. Vor allem kritisierten viele den Umgang von Gemeinderat und Verwaltung mit dem Bürgerentscheid, der ein klares Votum für eine Modernisierung und Erweiterung der Bibliothek im Bebenhäuser Pfleghof gebracht hatte.
Hermann Beck: „einseitig und oft nebulös“
Hermann Beck, der Vorsitzende des Fördervereins, berichtete von der großen Resonanz, die das Thema in der Stadtgesellschaft finde. Dass eine Sitzung von Verwaltungs- und Kulturausschuss am 29. April nun doch öffentlich stattfindet, wertet Beck als Erfolg – mit Blick auf die einschlägige Rechtssprechung aber auch als Selbstverständlichkeit.
Besonderes Augenmerk lenkt der Förderverein auf eine Absichtserklärung zwischen der Stadt und dem potenziellen Vermieter, die unterzeichnet werden soll, bevor eine endgültige Machbarkeitsstudie für das Kögel-Gebäude vorliegt. „Daraus dürfen weder rechtliche Bindungen noch Schadensersatzansprüche erwachsen“, fordert Hermann Beck. Für den Förderverein gibt es noch ganz erheblichen Klärungsbedarf, auch wenn die Stadt mit großem Aufwand für einen Bücherei-Umzug werbe: „Mich erinnert das an ‚Radio Eriwan’. Ich fühle mich einseitig und oft nebulös informiert“, so Beck.
Diesen Eindruck teilt Petra Helmcke, die Vize-Vorsitzende des Fördervereins, die von zahlreichen Zuschriften und Anrufen berichtete. Viele kritisierten vehement, dass der Gemeinderat den Bürgerentscheid aufgehoben hatte. „Ich verstehe bis heute nicht, weshalb die Ratsmehrheit diesem Antrag der SPD zugestimmt hat. Ein neuer Bürgerentscheid wäre sehr sinnvoll, fair und heilsam für die Stadtgesellschaft“, findet Helmcke, die bei den Kögel-Plänen noch viele Fragen sieht – etwa die, ob und wenn ja zu welchen Konditionen das Gebäude Fischbrunnen 4 und 4/1, das Teil der Kögel-Pläne ist, aber nicht den Modehaus-Betreibern gehört, tatsächlich angemietet werden kann. Erst dann lasse sich sagen, wie viel Platz die Bücherei im Kögel-Haus tatsächlich hätte.
Viele offene Fragen
Zahlreiche Fragen wie der Brandschutz, der Schallschutz, die Barrierefreiheit in einigen Bereichen oder die Zukunft des Bebenhäuser Pfleghofs seien noch nicht geklärt: „Es ist schön, dass man sich momentan zum Erhalt des Pfleghofs in städtischer Hand bekennt. Aber es gab auch Bekenntnisse ,ohne Wenn und Aber’ zum Bürgerentscheid und dessen Umsetzung, zur Modernisierung und Erweiterung des Pfleghofs und zur Heugasse 11. Da wurde viel Vertrauen verspielt“, moniert Beck. Das bestätigten einige Zuhörer. Einer meinte: „Für mich ist das wie ein Déjà-vu. Vor dem Bürgerentscheid hat man den Pfleghof schlechtgeredet und einen untauglichen Neubau in der Küferstraße hochgejubelt, heute ist es Kögel.“
Wie kritisch viele die Kögel-Pläne sehen, zeigte sich in einer höchst lebhaften Diskussion. Einige Zuhörer wunderten sich, weshalb der Gemeinderat eine so weitreichende Entscheidung über ein Thema, für das er sich in der Vergangenheit ganz viel Zeit gelassen hatte, kurz vor der Kommunalwahl treffen wolle: „Hat man Sorge, dass es nach der Wahl andere Mehrheiten geben könnte?“ Ein Zuhörer wünschte sich, dass beide Optionen – der modernisierte Pfleghof oder Kögel – gleichberechtigt dargestellt werden. „Wir fordern auch, dass man bei Kögel nicht vorwiegend Vorteile zeigt, während man beim Pfleghof eher Nachteile betont“, so Helmcke.
Miete oder Eigentum?
Andere Zuhörer bekundeten Unverständnis, weshalb die Stadt für ein privates Gebäude eine Miete bezahlen wolle, die der Eigentümer selbst auf „weniger als 460 000 Euro im Jahr“ taxiert hatte, während der Pfleghof der Stadt gehört. Hermann Beck erläuterte, dass die Bücherei auch dort Miete bezahlen müsse: „Das Geld fließt aber an den Eigenbetrieb städtische Gebäude, bleibt also im Finanzkreislauf der Stadt, während es bei einem privaten Mietverhältnis abfließt. Was das dauerhaft für den städtischen Haushalt und damit auch für die laufenden Aufwendungen etwa für die Bücherei bedeutet, muss auch bedacht werden.“ Das sahen einige Zuhörer so, die zusätzlich zur Miete die städtischen Investitionen in ein privates Gebäude kritisierten.
Die Liste der Fragen aus dem Publikum war lang: Die Zahl der Arbeitsplätze für Lernende, der Personalbedarf nach einem Umzug, die räumlichen und verkehrlichen Auswirkungen, wenn der Bücherbus künftig das Kögel-Haus anfahren sollte, oder die Frage, weshalb der Umzug um etwa 130 Meter die Innenstadt deutlich beleben sollte, beschäftigten viele an diesem Abend. Petra Helmcke sieht auch die Reduzierung des Medienbestands mit Sorge: „Je mehr interessante Medien eine Bibliothek hat, desto attraktiver ist sie. Mich überrascht es, wenn von rückläufigem Interesse geredet wird, während andere Bibliotheken Ausleihrekorde melden.“
Bewegende Bücherei-Debatte
Resonanz
Rund 180 Bürgerinnen und Bürger kamen zur Infoveranstaltung des Bücherei-Fördervereins ins Alte Rathaus. Der Andrang war so groß, dass viele stehen mussten – manche bis ins Treppenhaus. Was den Förderverein besonders freute: „Viele neue Gesichter waren dabei. Offenbar wird die Bücherei-Debatte viel aufmerksamer und kritischer verfolgt, als manche glauben.“
Visionen
Die Planungen für eine erweiterte und modernisierte Bibliothek im Bebenhäuser Pfleghof waren schon weit gediehen. Die Ergebnisse der Bürgerbeteiligung zeigt ein 17-minütiger Videofilm, der am Ende der Veranstaltung gezeigt wurde und der unter www.youtube.com/watch?v=qL48Ndg7Pb0 via Internet angeschaut werden kann.
Meinungsbild
Die 120 Anti-Stress-Bälle, die der Förderverein als Appell für eine sachliche Debatte verteilte, waren sofort vergriffen. Hinterher konnten alle, die einen Ball ergattert hatten, mit Hilfe der gelben Kugeln über die beiden Standortalternativen für die Stadtbücherei abstimmen: Zwei Bälle landeten im Topf für das Kögel-Gebäude, ein Besucher blieb unentschieden – der Rest der Bälle lag im Pfleghof-Topf.