Wenn die Schwäbische Waldbahn von Schorndorf aus über Rudersberg bis Welzheim zuckelt, ist das für die Passagiere eine Reise in eine vergangene Zeit. Für den Lokführer Markus Sick ist es eine der schönsten Strecken im Südwesten.
Wer kennt sie nicht, Biberach, Meckebeure, Durlesbach: Auf dr schwäb’sche Eisebahne, das kann keiner bestreiten, gibt’s schöne Haltstatione. Doch so weit, bis hinter Ulm und kurz vor den Bodensee, muss man gar nicht mit der Dampflok zuckeln. Auch näher dran an Stuttgart locken besondere Bahnhöfle – diese stehen an so illustren Flecken wie Michelau, Laufenmühle, Breitenfürst oder Tannwald. Allein bei diesen Gewannnamen geht einem das nostalgische Herz auf. Trulla, trulla, trullala.
Die Bahnhofe liegen entlang der 22 Kilometer langen Schwäbischen Waldbahn zwischen Schorndorf und Welzheim. Markus Sick ist Lokführer der DB 64 419, produziert einst in der Maschinenfabrik Esslingen im Jahr 1937, wie auf einer kleinen Plakette außen zu lesen ist. 520 Exemplare dieser Baureihe wurden damals gebaut. Diese spezielle Lok wurde nach ihrer letzten offiziellen Fahrt am 5. Dezember 1974 für den Personenverkehr ausgemustert.
Ein Lokführer mit Maltalent
Am Bahnhof in Schorndorf warten schon zahlreiche Fahrgäste. Vor allem die Kinder geraten ins Juchzen, klatschen vor Begeisterung in die Hände, hüpfen auf und nieder, als sich der Zug von der Open-Air-Werkstatt hinter dem Güterbahnhof auf den Weg macht und lautstark Signal gibt. Kaum am Gleis 5 angekommen, platziert Sick sich oben in der Tür zum Führerstand, blickt auf die Dutzenden Fans drunten – und muss gleich Frage um Frage beantworten. Etwa diese: „Wie viel PS hat die Lok?“ Antwort: „950 Pferdestärken, also fast nix“, scherzt Sick und legt noch ein paar imposante Daten für die wissbegierigen großen und kleinen Eisenbahnfans drauf: „Die Lok wiegt 71 Tonnen, wir haben drei Tonnen Kohle mit und neun Kubikmeter Wasser.“
Der 57-Jährige aus Göppingen ist mit seinen knapp 1,90 Metern Körpergröße ein Bär von einem Mann – und hat, wie er später während einer kurzen Pause an der Endstation Welzheim berichtet, das Eisenbahner-Gen intus. „Klar, auch wegen Märklin, meinen ersten Modellbausatz habe ich heute noch“, verweist er auf seine Heimatstadt. Doch vor allem „Onkel Josef“, der kein echter Onkel, aber Lokführer war, weihte den Steppke so um das Jahr 1975 bei Fahrten zwischen Göppingen und Schwäbisch Gmünd in die Wasserdampf-Antriebsgeheimnisse ein. „Im Lokführer-Alltag bin ich elektrisch oder auf Diesel unterwegs“, berichtet er. Aber das Dampfross sei noch mal was ganz anderes: echt, robust, laut, urwüchsig. Wer da an Jim Knopf und seinen Lukas denkt, liegt nicht ganz verkehrt. Als freischaffender Kunstmaler hat Sick auch schon mal den Alten Faurndauer Bahnhof in einem Aquarell verewigt.
Waldbahn seit 2010 wieder aktiv
Als Markus Sicks Assistent agiert der 26-jährige Heizer Julian Schad, er muss immer wieder frische Kohle mit einer Schippe durch die Klappe in den Kessel schaufeln und alle Feinheiten im Blick behalten. Eines Tages, das ist absehbar, wird der junge Mann selbst mal als Lokführer die Anweisungen an seinen Nachfolger geben.
Zwei Jahrzehnte lang war die einst 1911 eröffnete Strecke gesperrt, ehe sie dank der Aktivisten des Fördervereins Welzheimer Bahn am 8. Mai 2010 wieder in Betrieb genommen wurde. Seitdem geht’s wieder „mit Volldampf steil bergauf“, wie der Slogan heißt. Die Fahrgäste lieben die Reise in längst vergangene Zeiten, wenn der Qualm am Fenster vorbei oder auch durch die Ritzen hinein ins Abteil zieht. Das Tempo ist gemächlich. „Unten, im ersten Teil, kommen wir aber schon auf bis zu 60 km/h“, berichtet Markus Müller. Ab Oberndorf durch den Wald reicht die Zugkraft nur noch für 40 Stundenkilometer. Müller ist als Kind in einer Wohnung im Bahnhof von Weinstadt-Endersbach aufgewachsen und gehört zu den rund 25 Mitgliedern des Vereins DBK Historische Bahn, der seinen Sitz eigentlich in Crailsheim hat. Oft ist er selbst Waldbahn-Lokführer, kümmert sich an diesem Sonntag aber mehr mehr vom Hintergrund aus um den perfekten Ablauf.
Eine Diesellok schiebt von hinten
Bergauf muss sich das Dampfross ganz schön anstrengen – ohne die schiebende Unterstützung einer Diesellok hinten dran wäre der Kraftakt nur schwer zu bewältigen. Dafür ist dies zweifellos der schönste Teil der Strecke, mitten durch den dichten Wald, vorbei an unbeschrankten Bahnübergängen, wo Wanderer Lokführer Sick zuwinken. Und natürlich haben sich zahlreiche Fotografen für ein besonderes Motiv postiert – wobei man als Passagier während der Fahrt einige von ihnen gleich mehrfach sieht, wenn sie die Waldbahn bei deren Pausen an den Bahnhöfen für den nächsten guten Schnappschuss überholen.
Schinderei für Mensch und Maschine
Kohlestaub, Ölgeruch, Hitze: vorne im Führerhaus muss man schon einiges abkönnen. „Vor allem im Winter ist es eine echte Schinderei, für Mensch und Maschine“, sagt Müller, „direkt am Kessel ist es zwar heiß, aber sonst zieht es überall rein und ist arschkalt.“ Nicht immer zieht die Dampflok, auch aus Kostengründen muss öfter die Diesellok ran, wobei das Ticket für diese Fahrten etwas günstiger ausfällt. Die Dampflok kann auch für eine Mitfahrt im Führerstand gebucht werden. Das kostet 95 Euro extra, so mancher Ingenieur möchte sich die Grundlagentechnik seiner Altvorderen mal näher anschauen. „Viele erhalten es aber auch als Geschenk“, sagt Müller. Das wäre doch ein gutes Präsent zum nächsten runden Geburtstag.
Unterwegs in der Region
Serie
Urlaub daheim ist alles andere als langweilig. Die Region Stuttgart bietet vielfältige Möglichkeiten für abwechslungsreiche Tage ohne weite Anreise – für Kulturinteressierte wie für Naturfreunde, für Sportbegeisterte wie für Genießer. In unserer Serie „Der Ferientipp“ stellen wir Ausflugsziele vor. Wetten, dass auch für Sie etwas dabei ist?
Anfahrt
Der Bahnhof Schorndorf ist erreichbar mit der S-Bahn-Linie 2 (circa 35 Minuten von Stuttgart aus) und mit dem Regionalzug. Vor Ort gibt es zudem genügend Parkplätze.
Fahrplan
Die Schwäbische Waldbahn fährt immer sonntags, und zwar von Anfang Mai bis Ende Oktober (gelegentlich auch mit der Diesellok vorne) sowie in der Vorweihnachtszeit als reine Dampffahrt. Der Preis für Hin- und Rückfahrt liegt bei 24 Euro, Kinder zahlen die Hälfte. Die Familienkarte kostet 58 Euro.
Ausflüge
In Welzheim und der wunderbaren Landschaft drumherum gibt es zahlreiche Möglichkeiten für Wander- oder Fahrradfahrer (kostenlose Radmitnahme im Zug). Einen Besuch wert ist der Bahnerlebnispfad, das Museum oder das Ostkastell. An der vorletzten Haltestelle Tannwald gibt es einen großen Biergarten und einen Spielplatz.
Internet
Mehr unter www.schwaebische-waldbahn.de