Uwe Schweikert ist eine prominente Stimme im Stuttgarter Musikleben Foto: oggi e adesso

Der Stuttgarter Publizist und Lektor Uwe Schweikert wird 80. Sein Forschersinn gilt den Randfiguren in Oper und Literatur.

Stuttgart - Suchte man einen Chronisten des Stuttgarter Musiklebens vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis heute, man würde in der Person von Uwe Schweikert ideal fündig. Denn der in Stuttgart geborene Publizist, der an diesem Samstag seinen 80. Geburtstag feiert, hat einen Großteil dieser Zeit als Zeuge erlebt– in der Liederhalle und in der Staatsoper und an allen Orten, wo das Herz großer Musikaufführungen schlug.

Schweikert, der von 1971 bis Ende 2003 Lektor des Metzler-Verlags gewesen ist, seit 1992 dort verantwortlich für ein exquisites Musikprogramm, hat noch legendäre Namen erlebt, durch die er für sich Maßstäbe gesetzt hat: Lieber als zu Elly Ney und Wilhelm Kempff ist er in die Konzerte von Walter Gieseking und Clara Haskil gegangen. Oper, das war für ihn, sicherlich auch unter dem Eindruck hiesiger Inszenierungen von Wieland Wagner, früh klar, kommt nur als Musiktheater zu ihrem vollen Recht. Das hat ihn nicht an der Leidenschaft für die Stimme und den Gesang gehindert. Lebhaft berichtet Schweikert, wie er 1955 in Stuttgart den großen Tenor Jussi Björling in Puccinis „La Bohème“ bei dessen einzigem Gastspiel in Deutschland erlebt hat. Prägungen, die ihn jedoch niemals zu einem Früher-war-alles-besser-Lamento verführen.

Anschaulich erzählt er, wie hiesige Orchester vor einem halbem Jahrhundert Teile von Strawinsky-Partituren einfach ausließen, weil sie technisch nicht in der Lage waren, sie zu realisieren. Unmöglich heute, und das ist eine von Schweikerts befriedigendsten Erfahrungen: wie sehr heutzutage auf hohem und höchstem technischem Niveau musiziert wird. Was nicht heißt, dass er in seiner Rezensententätigkeit für den Rundfunk, Fachmagazine und viele Jahre für die Stuttgarter Zeitungnicht auch Verfehltes zu vermelden hatte.

In Stendhals Rossini-Biografie von 1823 steht der schöne Satz „Nachdenken über die schönen Künste macht fühlen“. In diesem Sinne versteht Schweikert, der in den sechziger Jahren Germanistik und Musikwissenschaft in Göttingen und München studiert hat, das Schreiben über Musik immer als Erweiterung und Grundlage des Erlebens der aufgeführten Musik.

Seine Maxime als Autor ist: „Einerseits so präzise wie möglich sein, andererseits nicht abstrakt schreiben.“. Schließlich wolle er, wie er einmal bemerkte, „Begeisterung wecken, Einsichten vermitteln, Zusammenhänge aufzeigen“.

Schweikerts besondere Aufmerksamkeit gilt seit jeher den vernachlässigten Randfiguren der Operngeschichte und der Literatur; promoviert hat er über das Spätwerk von Jean Paul, war Mitherausgeber des Gesamtwerks von Rahel Varnhagen, Ludwig Tieck und Hans Henny Jahnn.

Wie passend, dass rechtzeitig zum 80. Geburtstag im Metzler-Verlag ein neuer Sammelband mit Essays von ihm zu Oper, Musik und Literatur erschienen ist: „Bald aber sind wir Gesang“ (346 Seiten, 29,99 Euro). Darunter sind Beiträge zu übersehenen, in ihrer Originalität verkannten und entsprechend selten gespielten Werken, wie George Enescus Oper „Oedipe“ und Frank Martins weltliches Oratorium „Le vin herbé“.

Bei aller Analysefertigkeit und Vergegenwärtigungskunst, es bleibt ein Rest an Unsagbarem, weiß Uwe Schweikert, weswegen er gerne E. T. A. Hoffmann zitiert: „Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an.“

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