In Beutelsbach hat eine Bruchbude eine wunderbare Wandlung vollzogen. Friedrich Dippon hat die einsturzgefährdete Scheuer trickreich saniert und führt am Denkmaltag durch das Gebäude.
Die meisten hätten die baufällige Scheune im Beutelsbacher Ortskern wohl einfach plattgemacht. Ein einsturzgefährdetes Gebäude aus der Zeit um 1600, mit morschen Böden, Schimmel im Keller und uralten Balken, in denen der gefürchtete Hausbockkäfer tiefe Fraßspuren hinterlassen hat. Der Schaden war derart groß, dass das Denkmalamt das Haus sogar von seiner Liste genommen hatte. Ein Abriss des Gebäudes wäre daher möglich gewesen. Doch Friedrich Dippon hat einen anderen Weg gewählt: Der Weinstädter hat die alte Scheuer stehen lassen und dem maroden Fachwerkhaus ein zweites, neues Gebäude aus Holz übergestülpt. Das trägt nun auch die Last des Dachs, das wieder mit den Ziegeln der alten Scheuer eingedeckt wurde. Ein Teil der handgestrichenen Biberschwanzziegel hat übrigens vor vielen Jahren das Dach der Stiftskirche in Beutelsbach dicht gehalten.
Insgesamt 25 Kirchen habe er im Laufe seines Berufslebens schon saniert, aber auch viele betagte Häuser von Privatleuten, erzählt der Zimmermann und Restaurator im Zimmererhandwerk. Nach Jobs als Angestellter, unter anderem in einer großen Holzbaufirma, gründete Friedrich Dippon seinen eigenen Betrieb. 60 Prozent der Aufträge seiner Firma beträfen denkmalgeschützte Häuser, sagt der Zimmerermeister: „Die restlichen 40 Prozent sind normale Gebäudesanierungen oder Neubauten.“
Der Scheune wurde nachträglich ein Keller untergeschoben
Egal ob neu oder alt – Ressourcen zu schonen und kein Material zu verschwenden sei ihm extrem wichtig, betont Dippon. Deshalb sei für ihn klar, dass er mit Stoffen bauen wolle, „die man energiegewinnend entsorgen kann“. Ein Kubikmeter Holz binde eine Tonne Kohlendioxid, rechnet der 57-Jährige vor. Eine gute Möglichkeit, keine Ressourcen zu verschwenden, ist in seinen Augen, ältere Gebäude zu erhalten. Die Tendenz gehe freilich in eine andere Richtung: „Mich wundert, wie viele massiv gemauerte Häuser, auf die ich als Lehrling einen Dachstuhl gemacht habe, schon wieder verschwunden sind.“
Auch das Bauernhaus, zu dem die alte Scheune in der Ratsgasse 6 einst gehörte, ist abgerissen worden. Jammerschade, findet Friedrich Dippon – und zwar nicht nur wegen der Nachhaltigkeit. „Wir stellen alles unter Denkmalschutz, was Schloss, Burg oder Kirche ist. Aber die Gebäude, in denen der einfache Mann lebte, verschwinden klammheimlich aus dem Ortsbild.“ Dabei habe jedes Haus seine ganz eigene Geschichte – und die lässt sich auch an der zum Büro umgestalteten Scheuer ablesen. Diese bekam beispielsweise nachträglich, Friedrich Dippon schätzt, dass es irgendwann im Zeitraum zwischen 1890 und 1910 war, einen Keller untergeschoben: „Der Besitzer hat ihn später drunter gebaut, um Wein zu lagern.“
Heuboden wird zur gemütlichen Wohnküche
Über den Büroräumen ist nun eine große Küche mit Sofa eingerichtet – hier befand sich einst der Heuboden. Heute geht man über Eichendielen, die Friedrich Dippon und sein Team selbst aus einem Eichenstamm angefertigt haben. Sie haben eine konische Form, weil sich der Stamm nach oben verjüngt und beim Herstellen der Dielen möglichst kein Abfall produziert werden sollte. Die dunkelbraunen Äste und der ein oder andere Fehler im hellbraunen Holzboden stören Friedrich Dippon nicht im geringsten. Im Bad nebenan hat er sich für eine kostengünstige Lösung, einen Blechboden, entschieden. Das großzügige Waschbecken hat ein Vorleben – es war einst im örtlichen Friseursalon eingebaut, bis dieser renoviert und das Becken durch ein neues ersetzt wurde. Schade drum, befand Dippon Senior. „Mein Vater hat es mitgenommen und jetzt haben wir es hier eingebaut“, sagt Friedrich Dippon. Dann zeigt er auf die Abbundzeichen, die seine Berufskollegen vor Jahrhunderten in die dicken Holzbalken geritzt haben. Die Kerben und Dreiecke waren eine einfache, aber effektive Bauanleitung, mit deren Hilfe die Zimmerleute die einzelnen Bauteile zuordnen und beispielsweise den Dachstuhl schnell zusammensetzen konnten.
Schädlinge haben etliche Balken zerfressen
Einfache Lösungen für komplexe Dinge – das ist auch Friedrich Dippons Devise. Die teils nahezu komplett von Schädlingen zerfressenen Balken hat er so belassen, schließlich ist das Haus dank seiner neuen Außenhaut aus Tannen-, Fichten und Douglasienholz auch so standfest. Die aktuelle Energiesparverordnung toppe die sanierte Scheune sogar, sagt der Fachmann. Dabei seien die Kosten für die Renovierung und Konservierung der Scheuer deutlich niedriger als die für einen Neubau. „So ein Projekt muss nicht sündhaft teuer sein, selbst wenn man nicht vom Fach ist und vieles machen kann“, sagt der Beutelsbacher. Viel Geld sei also nicht nötig, „aber es braucht Leidenschaft und Wissen – und Mut gehört auch dazu“.
Mut zur Farbe zeigt die alte Scheune an ihrer Fassade: Auf der Verschalung aus Douglasienholz sitzen Rahmenschenkel, laienhaft ausgedrückt Vierkanthölzer, die in knallbunten Farben gestrichen sind. Die roten, gelben, blauen, grünen und weißen Linien auf der Fassade wirken frisch und modern, sind aber eigentlich ein alter Hut, verrät Dippon: „Früher waren die Ortschaften viel bunter als heute.“
Das neue Outfit der maroden Scheune hat auch die untere Denkmalbehörde überzeugt. „Diese war nicht ganz unbeeindruckt“, so formuliert es der Hausherr – was letztlich dazu führte, dass die Scheune wieder auf die Denkmalliste gesetzt wurde. „Dadurch sind steuerliche Sonderabschreibungen möglich und diese sind durchaus interessant.“
Wann man das Haus besichtigen kann
Friedrich Dippon führt am Sonntag, 10. September, Besucher durch die sanierte Scheune in der Ratsgasse 6 in Weinstadt-Beutelsbach. Eine Tour startet um 14 Uhr, eine weitere um 15 Uhr. Wer dabei sein möchte, muss sich anmelden. Dies ist noch bis 7. September von 10 bis 12.30 Uhr möglich unter 0 71 51/604 58 73.