Petra Jericke behandelt alles, vom Fisch bis zum Kamel, mit alternativen Heilmitteln. Wie in der Humanmedizin wächst das Vertrauen in Bachblüten und Co. Doch bei der Auswahl des Tierheilpraktikers ist Vorsicht geboten.
Ari hat auf seine alten Tage wieder Appetit auf Sex bekommen. Wie in seinen aktivsten Jahren sucht die 85-jährige Schildkröte aus Stuttgart-Ost entlang ihres Geheges nach Wegen in die Freiheit, um sich auf die Suche nach einer Dame zu begeben. Dabei saß Ari vor wenigen Tagen noch apathisch und mit eingetrübten Augen in der Ecke herum. Der Reptilienarzt stellte eine beeinträchtigte Nierenfunktion und ein schwaches Herz fest, wusste aber nicht recht weiter. Die verzweifelte Besitzerin wandte sich an die Schildkrötenauffangstation in Stuttgart-Weilimdorf, wo sie Ari immer zum Entwurmen hinbringt. „Versuchen Sie es doch mal bei Petra Jericke“, lautet der Ratschlag. So kam Ari kurz darauf in den Genuss von einem der stärksten Vitalpilze der Traditionellen Chinesischen Medizin, auf den auch Hochleistungssportler schwören, schmackhaft verabreicht zwischen zwei Gurkenscheiben. Dazu gab es ein pflanzliches Mittelchen für die Leber, eigens für Tiere zugelassen, und einen weiteren Vitalpilz fürs Herz, nachdem der alte Herr entgiftet wurde.
Die Stuttgarterin Petra Jericke, 55, arbeitet als Tierheilpraktikerin. Wie in der Humanmedizin gibt es auch für Tiere seit Jahrhunderten alternative Heilungsmethoden. Lange bevor der Gesetzgeber Ende des 18. Jahrhunderts den Beruf des Tierarztes schuf, hatte jedes Dorf eine Autorität, die besonders viel vom Vieh verstand, die überlieferten Naturheilmittel kannte und bei schwierigen Geburten hinzugerufen wurde.
16 Prozent der Deutschen ziehen alternative Medizin konventioneller vor
Im Gegensatz zu den Heilpraktikern ist es den Tierheilpraktikern bisher jedoch nicht gelungen, ihre Berufsbezeichnung zu schützen. So darf sich jeder als „THP“ bezeichnen, ob er sich nun übers Wochenende hat schulen lassen oder eine mehrjährige, teuer bezahlte Ausbildung gemacht hat. „Viele wollen schnell mal diesen Beruf ergreifen, da das Vertrauen in der Bevölkerung in alternative Heilmethoden wächst“, beobachtet Ina Wähner vom Verband Deutscher Tierheilpraktiker. Laut einer Umfrage von Statista aus dem vergangenen Jahr ziehen 16 Prozent der Deutschen alternative Medizin konventionellen Heilmethoden vor. Doch wer ein guter THP sein will, müsse mindestens zwei Jahre die Schulbank drücken und eine Menge an Praxiserfahrung sammeln, so Wähner. Darauf sollten Tierhalter, die ihren Liebling nicht nur schulmedizinisch behandeln lassen wollen, unbedingt achten.
Die meisten Tierärzte wollen nicht mit Tierheilpraktikern zusammenarbeiten, entweder weil sie kein Vertrauen in ihr Können haben oder unliebsame Konkurrenz fürchten – Behandlungen beim THP sind in vieler Hinsicht preisgünstiger. Auch die Stuttgarter Wilhelma gehört zu den Skeptikern und lehnt eine Kooperation mit Tierheilpraktikern ab. „Dass ein Tierarzt seinen Patienten an einen THP übermittelt und diesem zum Beispiel die Nachbehandlung nach einer Operation überlässt, kommt ganz selten vor“, beobachtet Wähner.
Anders bei Petra Jericke, die mit Tierärzten, Reptilienhäusern und anderen Zoos zusammenarbeitet, auch im Ausland. Sie ist seit 2009 Dozentin an den Paracelsusschulen, die an 55 Standorten zweijährige Ausbildungen zum Tierheilpraktiker anbieten. Neben Hunden und Katzen schaut sie auch Schlangen, Krokodilen und Fischen in den Schlund – letztere müssen, mal aus dem Wasser genommen, innerhalb von fünf bis acht Minuten behandelt werden.
Jericke betreibt keine eigene Praxis. Wenn sie Räume oder medizinisches Gerät braucht, fährt sie zu ihrer Kollegin Bettina Göltenboth, die in Baltmannsweiler eine Praxis unterhält und eng mit ihr zusammenarbeitet. Behandelt wird der Patient aber meist stressfrei im eigenen Zuhause. Zuletzt machte Jericke einen Hausbesuch bei Sunny im Reptilienhaus in Landau in der Pfalz. Die Albino-Tigerpython hatte Geschwüre im Maul und wollte sich nicht mehr häuten. Sunny erhielt ein Schlangenenzympräparat über einen Zerstäuber auf die Schleimhaut und diverse Vitalpilze, aufgelöst in Wasser, ins Maul. „All diese Präparate kommen genauso bei Menschen zum Einsatz“, sagt Jericke. Dosis und Verabreichung sind jedoch bei jeder Tierart anders.
Therapieplan aus Globuli, Heilpilzen und Traumamitteln
Viele Tierhalter ziehen die Alternativmedizin spätestens dann in Betracht, wenn der Patient als „austherapiert“ gilt, ganz ähnlich wie in der Humanmedizin. Auf diese Weise verlängerte sich das Leben von Kater Moritz, der an Leukämie erkrankt war und eigentlich schon einen Termin zur Einschläferung hatte. Die Besitzerin, die vorher nie etwas mit Alternativmedizin zu schaffen hatte, sandte Petra Jericke die Blutwerte des Krebspatienten zu und erhielt daraufhin einen Therapieplan aus Globuli, Heilpilzen und Traumamitteln. Als der Kater das nächste Mal bei seinem Tierarzt Hans-Martin Dauner vorstellig wurde, erkannte dieser seinen Patienten kaum wieder. „Den würde ich nicht einschläfern“, sagte er zur Besitzerin und löschte den Termin aus dem Kalender.
Seither ist der Sindelfinger Tierarzt alternativer Medizin gegenüber aufgeschlossen. Immer wenn Moritz’ Blutwerte absacken und auch Cortisonspritzen keine Wirkung zeigen, rät er der Besitzerin, sich wieder an die Tierheilpraktikerin zu wenden. Petra Jericke kennt ihre Grenzen. „In den meisten Fällen ist der Tierarzt die erste Adresse“, betont sie. Und: „Wir Tierheilpraktiker können keine Wunder vollbringen.“
Ihr Wissen ist oft auch dann gefragt, wenn ein Patient mentale Probleme zu haben scheint. „Tschaiko war so ein Fall“, erzählt Petra Jericke. Ein depressiver Graupapagei, der schlecht fraß und den zweiten im Haus lebenden Artgenossen biss. Der Besitzer, der keine Kosten scheute, hatte Tschaiko schon zu einem Vogeltierarzt nach Karlsruhe gefahren und mehrere Tierheilpraktiker kommen lassen. Die Bachblütentherapie, die seelische Blockaden lösen soll, machte Tschaiko nur noch aggressiver.
Wieder war es die Paracelsusschule, die Jericke vermittelte. Sie beobachtete den Vogel eine Weile und schloss aus seinem Verhalten, dass Tschaiko früher einzeln gehalten und wahrscheinlich geschlagen worden sei. „Er duckte sich bei Bewegungen weg.“ Sie ließ Tschaikos Federn auf ihre Bioresonanz hin untersuchen – eine energetische Analyse mittels eines Geräts, das Störelemente identifizieren soll. Auf dieser Basis suchte Jericke ausgleichende Präparate aus der Naturheilkunde.
Kein Placeboeffekt bei Tieren
Zudem setzte der Besitzer Tschaiko täglich zehn Minuten unter eine Farblichtlampe. „Die Farbe hat sich Tschaiko selbst rausgesucht“, so Jericke. Auf ihr Anraten hin hatte der Besitzer Folien in Gelb, Grün, Orange und Blau aufgehängt und jeweils eine Stange davor gestellt. Tschaiko ließ sich vor der blauen nieder. Nach einer Weile fand der Graupapagei sein inneres Gleichgewicht wieder. Was dem Vogel am Ende half, ist unklar. Weder die Farbtherapie noch die Bioresonanz sind wissenschaftlich anerkannt. Gleiches gilt für Globuli und viele andere Präparate. „Placebo war es jedenfalls nicht“, sagt Petra Jericke. Ihr Credo, das sie mit vielen Anhängern der Homöopathie teilt, lautet: „Wer heilt, hat recht.“
Auch wenn sie keine magischen Kräfte besitzt, so hat Petra Jericke zumindest ein außergewöhnliches Verhältnis zu Tieren. „Ich empfinde zu ihnen eine größere Nähe als zu Menschen“, sagt sie. Mit drei Jahren verbrachte sie viele Wochenenden auf dem Bauernhof ihres Onkels, der abgerichtete Schäferhunde im Zwinger hielt. Das Mädchen hatte die riskante Angewohnheit, ihre Finger durchs Gitter zu stecken. Gebissen wurde sie nie. Nachts schlief sie lieber mit dem Hofhund im Korb als im Kinderbett.
Mit 13 Jahren sah man sie mit sechs Hunden an der Leine um den Max-Eyth-See spazieren. Mit 17 jobbte sie an den Wochenenden in der Wilhelma. Gerne hätte sie eine Ausbildung zur Tierpflegerin gemacht, doch sie hätte drei Jahre lang auf einen Platz warten müssen. Die Arbeit in einer Tierarztpraxis kam auch nicht infrage, da sie den Anblick halb überfahrener Tiere und die Vorstellung, Tiere einzuschläfern, nicht ertragen konnte. So arbeitete sie zunächst in der Humanmedizin als medizinische Assistentin, bis sie sich eine nebenberufliche Ausbildung zur Heilpraktikerin und Tierheilpraktikerin leisten konnte.
Meerschweinchen Zoe wurde fünf Mal operiert
Im Jahr 2009, kurz nach ihrem Abschluss zur THP, stellte die Paracelsusschule sie als Dozentin ein. Praxiserfahrung brauchte sie keine mehr. Das meiste Wissen hatte sich Jericke, die in ihrem Leben ständig umgeben war von Patienten, selbst angeeignet. Zehn Jahre lang lebte sie mit bis zu sieben Meerschweinchen in ihrer Wohnung in Stuttgart-Luginsland. „Die hatten ihr eigenes Zimmer“, erzählt Petra Jericke. Vor allem Zoe bescherte ihr ungewollt viele Erkenntnisse. Das Glatthaarmeerschweinchen wurde in seinem kurzen Leben fünf Mal operiert. Zoe litt unter Leberzirrhose, hatte einen Milztumor, einen Bauchabszess, einen Blasenstein und eine blutige Gebärmutter.
2012 zog Jericke nach Mississippi zu ihrem damaligen Partner. Ihre Leidenschaft für Parasiten hatte sie zusammengeführt. „Mich faszinieren Rinderbandwürmern, Katzenspulwürmer, Leberegel“, erzählt sie und zeigt eingelegte Präparate aus ihrem Labor. „Er findet äußere Parasiten spannend, wie Zecken und Flöhe.“ In den USA, wo Tierärzte und Naturheilkundler eng zusammenarbeiten, habe sie etliche Tricks und Kniffe gelernt, die in keinem Lehrbuch stehen. 25 Schildkröten seien in der Zeit zu ihnen aufs Grundstück gezogen. Alles Tiere, die Jericke irgendwo verletzt fand und aufpäppelte. Sie half Tierärzten vor Rodeos mit der Untersuchung der Pferde und legte ein Diplom ab im Umgang mit den heimischen Giftschlangen.
Seit vier Jahren dreht sich ihr Leben wieder ausschließlich um Tiere. Wenn sie nicht gerade an der Paracelsusschule im Zentrum von Stuttgart unterrichtet, findet man sie auf Deichen in Holland zwischen Schafen oder beim Alligatorentraining in der Schweiz.