Frederic Saria (rechts) ist Geschäftsführer des Gemüsehofs Hörz und nutzt die Vertriebsmöglichkeiten, die ihm Finn Seidel mit Lokora bietet. Foto: Marion Brucker

Saisonal, nachhaltig, transparent: Ein Nürtinger Start-up will den Vertrieb regionaler Produkte verändern. Dazu bringt es Gastronomen, Kantinen und Einzelhandel auf der einen und Bauern auf der anderen Seite zusammen.

Während seines Studiums waren Finn Seidel bereits zwei Dinge klar: Er wollte sich selbstständig machen und seinen Fokus auf die Lebensmittelbranche legen. Dieses Ziel hat der 29-Jährige erreicht. Er steht gemeinsam mit Daniel Keppeler, einem seiner beiden Fahrer, auf dem Bio-Gemüsehof Hörz in Filderstadt-Bonlanden. Dieser ist einer der ersten Kunden des 2022 von ihm und Laurin Held, Artur Riske und Marvin Zorn gegründeten Start-ups Lokora.

Die Geschäftsidee: Gastronomie, Kantinen und Lebensmittelhandel direkt mit der regionalen Landwirtschaft verbinden. Der Gedanke war Seidel bei seiner Masterarbeit an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen gekommen. „Ich setzte mich intensiv mit regionalen Vermarktungsstrukturen auseinander und habe Schwachstellen in der Distribution festgestellt“, berichtet er. Derzeit könnten Gastronomen und Lebensmittelläden viele kleinere Lieferanten mit unterschiedlichen Produkten im täglichen Geschäft kaum managen.

Landwirte hingegen hätten normalerweise keine Kapazitäten, sich um Vertrieb, Marketing oder das Ausliefern der Waren zu kümmern. „Es ist eine logistische Herausforderung, den Einzelhandel zu beliefern“, sagt Frederic Saria. Er ist Geschäftsführer bei Hörz und für den Vertrieb zuständig. Lokora bündelt nun die Angebote einzelner Lieferanten und gibt den Abnehmern die Möglichkeit, alles aus einer Hand zu beziehen.

Ausgeliefert wird mit einem E-Sprinter

Über eine App kann der Abnehmer aus einem Warenangebot regionaler Lebensmittelerzeuger auswählen. Dann wird die Tour über die Plattform generiert. „Zeit- und Umweltaspekte werden dabei berücksichtigt“, erklärt Seidel. Der Fahrer holt die Ware beim Erzeuger mit einem E-Sprinter ab, so wie Keppeler derzeit dreimal wöchentlich bei Hörz. „Wir wollen die Digitalisierung in einen Bereich hineintragen, in dem man viel sinnvoll verändern kann“, erklärt Seidel. Abnehmer wie Erzeuger kämen aus dem Großraum Stuttgart.

„Wir bringen die Landwirtinnen und Landwirte sowie Abnehmerinnen und Abnehmer systematisch und nachhaltig zusammen“, sagt der Firmengründer. Er hat drei Zielgruppen im Auge: Gastronomie, Außer-Haus-Verpflegung und den Einzelhandel, darunter Regional-, Bio- und Tante-Emma-Läden. Im Moment zeigten Gastronomie und Kantinen vermehrt Interesse an seinem Angebot, darunter Betriebe wie Weleda und Bertrandt. Seidel führt dies darauf zurück, dass gute Ernährung ein Thema bei der Arbeitgebermarkenbildung sei, dem so genannten Employer-Branding. Für Hörz ist es eine Chance, mit seinen landwirtschaftlichen Erzeugnissen auch in diese Segmente hineinzukommen und einen weiteren Vertriebsweg zu haben. Bislang liefert der Hof seine „Grüne Kiste“ an Endverbraucher, doch deren Absatz sei infolge der Inflation zurückgegangen, der Umsatz jedoch gestiegen.

2026 will Lokora schwarze Zahlen schreiben

Wie viel Prozent der neue Vertriebsweg ausmache, dazu könne er keine Zahlen nennen. Auch Lokora möchte sich zu seinem Umsatz 2023 nicht äußern. Nur so viel verrät Seidel: Bis 2026 wolle das Start-up schwarze Zahlen schreiben. Bis dahin sollen die Prozesse standardisiert und bundesweit adaptiert sein. Direkte Mitbewerber seien ihm nicht bekannt. „Mit unserer digitalen Vermarktungs- und Logistikplattform und dem dadurch ermöglichten Regionalitäts-, Frische- und Transparenzgrad haben wir mit Lokora ein derzeit einzigartiges Angebot geschaffen“, meint der 29-Jährige.

Indirekt stehe Lokora im Wettbewerb mit konventionellen Großhändlern, die aber meist nicht in der Form regional handelten, wie sie es könnten. Die Vision sei es, den distributionsseitigen Grundstein für eine ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltige, digital vernetzte Landwirtschaft zu legen. Die regionale Landwirtschaft trage mit ihren heterogenen Anbauflächen zur Biodiversität bei und müsse gestärkt werden. „Auch bildet eine robuste lokale Wirtschaft das Fundament für die Lebensqualität einer Region.“

Der Beginn von Lokora

Gründungsteam
 Im Jahr 2022 gründete der heute 29-Jährige Finn Seidel, der an der HfWU in Nürtingen studiert hat, gemeinsam mit dem Mediziner Laurin Held (30) sowie den Wirtschaftsmathematikern Artur Riske (34) und Marvin Zorn (32) das Start-up Lokora. Derzeit zählt das Unternehmen acht Mitarbeitende. Weitere werden für Vertrieb und Logistik gesucht.

Versprechen
Die Produkte kommen vom Erzeuger direkt zum Abnehmer, die Entfernung beträgt maximal 50 Kilometer. Die Produkte sind saisonal, regional und frisch. Der Vertrieb ist transparent, unkompliziert und ökologisch nachhaltig.

Finanzierung
 Lokora erhielt zum Start eine Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, die im Oktober ausläuft. Zudem gab es jüngst vom Land Baden-Württemberg eine Start-up-Unterstützung. 2026 will das Unternehmenschwarze Zahlen schreiben und sein Konzept bundesweit verbreitet haben. Im November war das Start-up im Finale der zehn Besten für den Innovationspreis des Landkreises Esslingen.