Es ist acht Meter lang und fünf Meter hoch – und es birgt viele Geheimnisse. Eine Darstellung im Stadtarchiv Esslingen aus dem Jahr 1444 zeigt christliche Motive. Der Maler ist unbekannt. Doch viele andere Facetten des Bildes werden von Katharina Schellbach für ihre Master-Thesis erforscht.
Esslingen - Wohl dem, der scharfe Augen hat. Denn man muss schon genau, sehr genau hinschauen. Knapp unterhalb des Bauchnabels der Jesusdarstellung befindet sich ein winzig kleines Loch. Hier in diesem winzig kleinen Loch, erklärt Katharina Schellbach, wurde eine Halterung mit einer Schnur angebracht. An dieser Schnur wurde ein Stift befestigt – und mit Hilfe dieses primitiven, aber wirksamen Zirkels zog der Maler seine Kreise. Zwei große, konzentrische Kreise hat er auf einer Wand im heutigen Esslinger Stadtarchiv angebracht, und in ihrem Innern thront Jesus Christus als Weltenrichter auf einem Regenbogen. Teil eines acht Meter langen und fünf Meter hohen Gemäldes. Das Bildnis birgt viele Geheimnisse – ein paar davon möchte Katharina Schellbach im Rahmen ihrer Forschungen für ihre Master-Thesis lüften. Über ihre Arbeit, die Ergebnisse und das Bild selbst wird zudem ein Film gedreht, der am Sonntag, 13. September, zum Tag des offenen Denkmals virtuell gezeigt wird.
Ein Hauch von Michelangelo
Bücherregale. Aktenschränke. Material-Kisten. Der erste Eindruck: ein sehr nüchternes Ambiente. Und doch weht ein Hauch von Michelangelo durch den Raum im Erdgeschoss des Stadtarchivs am Georg-Christian-von-Kessler-Platz 10. Denn an der Stirnseite zum Neckar hin steht ein großes Metallgerüst mit verschiedenen Etagen – ähnlich der Konstruktion, die der große Meister beim Ausmalen der Sixtinischen Kapelle verwendet haben mag. Doch Katharina Schellbach, gerade auf der obersten Etage des Gestells beschäftigt, wehrt ab. Nein, sie malt nicht selbst. Nein, sie restauriert nicht. Nein, sie verändert nichts an dem Gemälde. Die 26-jährige, gebürtige Freiburgerin studiert Konservierung und Restaurierung von Wandgemälden an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart – und die Untersuchung des Bildnisses im Stadtarchiv ist ihre Abschlussarbeit, ihre Master-Thesis. Sie macht eine Bestandsaufnahme, definiert den aktuellen Zustand, untersucht es nach Schäden und erarbeitet ein Konzept für eine mögliche Restaurierung. Sehr zur Freude von Joachim Halbekann, Leiter des Stadtarchivs: „Wir erhoffen uns davon neue Infos und neue Erkenntnisse über die Darstellung. Und wenn am Ende der Untersuchung herauskommt, dass Reparaturarbeiten nicht nötig sind, dann können wir uns ganz beruhigt über unseren Schatz hier freuen.“
Der Maler ist unbekannt
Ein vollständiges Rätsel ist das Bild aber nicht. Einiges ist bekannt. Das Entstehungsjahr zum Beispiel. Das verrät die verschnörkelte Zahl 1444 in der Mitte. Die Stadtkirche, so erläutert Joachim Halbekann, war bis Anfang des 19. Jahrhunderts vom städtischen Friedhof umgeben, und das heutige Stadtarchiv diente im Mittelalter als Friedhofskapelle: Im Untergeschoss wurden Gebeine von Verstorbenen aufbewahrt, im Erdgeschoss wurden Messen gefeiert, die Erinnerung an die Verstorbenen hoch gehalten, die Toten im kollektiven Gedächtnis bewahrt. An dem Gemälde sind noch die Aussparungen für den Altar zu erkennen. Gezeigt wird in der Mitte die christliche Kreuzigungsszene auf dem Hügel Golgatha. Links davon sind Mariä Himmelfahrt und verschiedene Heilige dargestellt, und rechts ist Jesus Christus als Weltenrichter in den beiden Kreisen umgeben von seinen Jüngern zu sehen. Auch die Evangelisten sind da. Zumindest drei von ihnen. Markus allerdings fehlt. Und über die originelle Schreibweise der anderen kann Joachim Halbekann nur den Kopf schütteln: „Iohlanne heißt Johannes und Mateus Matthäus.“ Sprachgenies waren die Schöpfer des Bildes wohl nicht. Das ist aber auch alles, was er über sie weiß. Ob es ein Maler, ob es viele Künstler waren, zu welcher Werkstatt sie gehörten – das ist unbekannt.
Moderne Methoden für altes Bildnis
Und wird wohl auch unbekannt bleiben. Doch einiges hat Katharina Schellbach schon herausgefunden: Unter der heute sichtbaren Darstellung befindet sich ein weiteres Gemälde, das einfach übermalt wurde. Auf Putz wurde Kalktünche aufgetragen und darauf das Bild angebracht: „Das ist typisch für eine mittelalterliche Darstellung“. Mit Hilfe modernster Untersuchungsmethoden wie Röntgenfluoreszenz und Multispektralfotografie untersucht die junge Frau Mauerwerk, Gesteinsschichten, Bildstruktur, Risse oder Abplatzungen in der Darstellung. Der ganzheitliche Ansatz macht Katharina Schellbach besonderen Spaß: Das Gebäude selbst, seine Umgebung, sein Standort, der historische Hintergrund und der geschichtliche Kontext der Entstehungszeit sind Teil ihrer Forschungen. Schon ihre Bachelorarbeit hatte sie in Zusammenarbeit mit dem Esslinger Stadtarchiv verfasst, nun hat sie in dem Riesengemälde eine fast unendliche Spielwiese für ihre Forschungen gefunden. Im November muss sie ihre Masterarbeit abgeben, nach Studienabschluss möchte sie gerne als selbstständige Restauratorin arbeiten. Nach dem Abitur, erzählt sie, wusste sie zuerst nicht so recht, wo die weitere berufliche Reise hingehen sollte. Doch eine Freundin ihrer Mutter ist Restauratorin, so absolvierte sie ein einjähriges Praktikum in einem entsprechenden Betrieb und startete ihr Studium in Stuttgart. Die richtige Wahl, wie sie im Nachhinein findet.
Fünf-Minuten-Film über Gemälde
Inzwischen ist Katharina Schellbach auf die unterste Stufe ihres Gerüsts heruntergeklettert. Das Gemälde und der Raum, so bedauern sie und Joachim Halbekann, sind für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Aber Ulrich Hopp vom Landesfilmdienst mit Sitz in Esslingen ist gerade dabei, einen Fünf-Minuten-Film über die Darstellung und die Arbeit von Katharina Schellbach zu erstellen. Der Streifen soll am Tag des offenen Denkmals auf der Homepage der Stadt und des Stadtarchivs eingestellt werden. Einige seiner Geheimnisse wird das Gemälde für sich behalten – doch einige Fakten über seinen Zustand und seine Entstehung konnte Katharina Schellbach lüften.
Mehr Informationen
Mehr zum Stadtarchiv steht unter https://stadtarchiv.esslingen.de/start.html, mehr zum Tag des offenen Denkmals unter https://www.tag-des-offenen-denkmals.de/.