Rüdiger Safranski reist in seinem neuen Buch zu Hölderlin und verwandelt den unbeherrschbaren Anspruch großer Kunst in gefahrlosen Bildungsbesitz.
Stuttgart - Rüdiger Safranski ist unter den Biografen der Studiosus. Getaktet nach dem Kalender von Dichter- und Denkerjubiläen hat er ein florierendes Unternehmen aufgebaut, das Gedankenreisen in die Bildungswelten berühmter Geistesgrößen anbietet. Wer sich ihm anvertraut, ist auf der sicheren Seite. Von billigem Pauschaltourismus an kulturelle Gemeinplätze setzen sich seine bestens vorbereiteten Explorationen ab.
Wie sich bei manchen Bergwanderungen auf Schildern der Hinweis „für Geübte“ findet, wenden sich seine Bücher an geübte Leser, die leichte Anstiege auf steinigen Pfaden nicht scheuen, sich bisweilen auch ans Drahtseil der Reflexion nehmen lassen, ein Mindestmaß an intellektueller Schwindelfreiheit vorausgesetzt. Dafür darf man sich zwischendrin immer wieder in gemächlicheren Passagen durch die privaten Reviere und versteckten Winkel bestens informierten biografischen Gelehrtentratsches erholen. Das Konzept funktioniert. Auf diese Weise kommt man ganz schön rum, auf die Gipfel der Zeit, von deren Höhe Goethe, Schiller, Schopenhauer grüßen, die Safranski in früheren biografischen Exkursionen bereits bezwungen hat.
Bitte nur entflammbare Leser
Nun also Hölderlin, dessen 250. Geburtstag im nächsten Jahr begangen wird. Das Bild der Gipfel der Zeit findet sich in dessen später Hymne „Patmos“. Bis dahin ist es ein ordentliches Stück. Und die Anforderungen für diese Tour formuliert Safranski gleich im ersten Absatz seines neuen Buches: „Eine Annäherung an Hölderlin wird wohl kaum gelingen, wenn man unempfindlich bleibt für göttliches Feuer, wie immer man seine Bedeutung zurechtlegen mag.“ Also bitte nur entflammbare Leser. Die aber bekommen von Safranski reichlich Stoff geliefert.
In der bewährten Doppelstrategie von intellektueller Zucht und dem Zuckerbrot biografischer Einfühlung führt Safranski an die Weihestätten der Hölderlinverehrung. In jene geniale Wohngemeinschaft im Tübinger Stift, in der Hölderlin, Schelling und Hegel gegen die Orthodoxie ihre „unsichtbare Kirche“ auf Vernunft und Freiheit, Rotwein, Spinozas Pantheismus und den von Frankreich herüberwehenden hoffnungsvollen Klang der Marseillaise gründeten. Und wenn Safranski der „religiösen Restwärme“ der neuen Ideen nachspürt, weiß man, was man an ihm hat. Kundig beschreibt er die Voraussetzungen, durch die die Einbildungskraft erst zu jener Macht wurde, die als Poesie in einer entzauberten Welt die Wiederkehr der Götter bewirken konnte.
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Hölderlins Werk wächst heraus aus den politischen und philosophischen Umwälzungen seiner Zeit, großen Dingen, die nach großer Dichtung rufen. Die Frühromantiker wollen das Leben mit Literatur zum Tanzen bringen, in Jena hat Fichte die Grenzen des Ich ins Absolute geöffnet. Und der nach einer Bestimmung jenseits der Pfarrerslaufbahn suchende Absolvent der theologischen Kaderschmiede findet sie in einer religiös verklärten Antike. Während seine Freunde philosophische Karrieren machen, wird Hölderlin zum Oberpriester einer neuen Mythologie, einem Kult der Schönheit, je unbedingter, desto prekärer sich seine Lebensverhältnisse entwickeln.
Im Faraday’schen Käfig des Buches
Der Dualismus von erhabener Dichtung und existenziellen Abstürzen kommt dem Duktus von Safranskis Erzählprinzip entgegen, jenem intellektuellen Auf und anekdotischem Ab, durch das er den wilden, überwältigenden und unbeherrschbaren Anspruch großer Kunst in gefahrlosen Bildungsbesitz verwandelt. Und so sitzt man als Leser gewissermaßen sicher im Faraday’schen Käfig dieses Buches, während „der alte heilige Vater mit gelassener Hand aus rötlichen Wolken seegnende Blitze“ über Hölderlins Haupt schüttelt, wie dieser an seinen Freund Böhlendorff schrieb, vor jener Reise nach Bordeaux, von der er mit zerrüttetem Geist zurückkehren sollte.
Die Radikalität und schroffe Schönheit dieser Dichtung macht Safranski in gelehrten Paraphrasen zugänglich, so dass der Leser in den erratischen Gefilden ideengeschichtlicher Botschaften friedlich grasen kann. Hölderlins einsame Zumutungen verwandeln sich dabei in leicht verdauliches Kulturgut. Alle Greatest Hits werden abgespielt: „Nur einen Sommer gebt ihr Gewaltigen“, „Ihr wandelt droben im Licht“, „Mit gelben Birnen hänget das Land in den See“, die schönsten Stellen aus „Hyperion“. „Was bleibet stiften die Dichter“ – und Rüdiger Safranski ist ihr getreuer Nachlassverwalter, der darauf achtet, dass dem Entflammbaren das göttliche Feuer nicht zu nahe kommt.
Auch wenn Rüdiger Safranski deutlich macht, wie sehr Hölderlins Wirkung eine der Nachträglichkeit ist, die erst einsetzt, als der verwirrte Dichter im Hölderlinturm zu einer Sehenswürdigkeit zu werden beginnt, wird die Rezeptionsgeschichte bei ihm nur knapp abgehandelt. Der im Nationalsozialismus als Vaterlandssirene missbrauchte Sänger, der es liebt, „zu fallen am Opferhügel“, wird rehabilitiert und zurück in den republikanischen Furor der Zeit gestellt. „Hölderlin ist revolutionsfromm.“
So bleibt wenig, an dem man sich stoßen könnte. Gemäß dem touristischen Motiv ist der Blick auf die ewigen Schönheiten kanonischer Werke gerichtet. Das ist dann allerdings das Gegenteil von dem „Komm! ins Offene“, das der Untertitel verheißt. Die Gegenwart kommt einzig am Schluss ins Spiel: „Die Götternacht, von der Hölderlin sprach, die gibt es wirklich heutzutage, hierzulande.“ Wollte man diesen Satz nun nach der biografischen Manier des Autors einordnen, würde man vielleicht auf seine Kritik an der Flüchtlingspolitik stoßen oder auf seine Wertschätzung des AfD-Masterminds Alexander Gauland. In jedem Fall führt der Weg, den er mit der Fackel des göttlichen Lichts beleuchtet, zurück. Aber wen das nicht stört, der findet sich bei ihm, wie immer, in den besten Händen.
Rüdiger Safranski: Hölderlin. Komm! ins Offene.Hanser Verlag. 336 Seiten, 28 Euro.
Termin: Am 9.12. 2019 stellt der Autor sein Buch im Literaturhaus Stuttgart vor.