US-Präsident Donald Trump hat sich aus dem Krankenhaus entlassen. Dies wirft Fragen nach seiner Behandlung auf. Offenbar haben ihm seine Ärzte eine Therapie verordnet, mit der sie selbst noch keine ausreichenden Erfahrungen sammeln konnten.
Washington - Donald Trump ist nach drei Tagen Behandlung im Walter-Reed-Militärkrankenhaus zurück im Weißen Haus. Auf einem von zwei bei Twitter veröffentlichten Videos sieht man ihn aus einem Helikopter aussteigen und bei dessen Abflug den Piloten salutieren. Anschließend ging er ohne Maske in den Blauen Raum des Weißen Hauses.
In einem weiteren Video sagt Trump, dass er sich gut fühle. Zudem appelliert er an seine Landsleute, sich nicht vor dem Virus zu fürchten. „Ihr werdet es besiegen. Wir haben die beste medizinische Ausstattung. Wir haben die beste Medizin“. Auch einen Impfstoff werde es bald geben. Trotz der Pandemie sollten die Menschen „rausgehen“, auch wenn sie dabei „vorsichtig“ sein sollten.
Remdesivir wird oft von Nebenwirkungen begleitet
Ungeachtet dieser offenkundigen Sorglosigkeit angesichts von mehr als 210 000 Toten in den USA stellt sich nun die Frage: Hat der US-Präsident eine Wunderheilung durchgemacht? Wie konnten die Ärzte ihn so schnell fit bekommen? Dies auch vor dem Hintergrund, dass viele Millionen US-Bürger ohne Krankenversicherung sich eine solch beispiellose Behandlung nicht mal im Ansatz leisten können.
Tatsächlich haben die Ärzte dem Staatschef zunächst das antivirale Arzneimittel Remdesivir des US-Unternehmens Gilead Sciences verabreicht, das im Frühsommer als erstes Medikament gegen Covid-19 zugelassen wurde. Die letzte Dosis soll er im Weißen Haus bekommen. Es handelt sich allerdings nicht um ein Vorbeugungsmittel, sondern wird üblicherweise später eingesetzt. Voraussetzung für den Einsatz von Remdesivir ist, dass der Patient eine Lungenentzündung hat und unter einem Abfall der Sauerstoffsättigung im Blut leidet. Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen und Übelkeit sind möglich. Die Europäische Arzneimittelagentur prüft auch, ob Nierenschäden die Folge sein können.
Trump ist noch längst nicht genesen
Zudem soll Donald Trump einen noch nicht staatlich zugelassenen Antikörper-Cocktail des US-Biotech-Unternehmens Regeneron bekommen haben. Das experimentelle Medikament wird für normale Patienten noch lange nicht verfügbar sein. Allerdings unterdrücken die Steroide meist die Antireaktion des Körpers auf das Virus. Das bedeutet, dass Trump noch nicht über den Berg ist – die Krankheit kann in den nächsten Tagen noch mal voll ausbrechend, und er ist weiter infektiös.
Der Chefarzt der Infektiologie der München Klinik Schwabing, Clemens Wendtner, nennt den Ansatz, Antikörper von bereits genesenen Corona-Patienten im Labor künstlich nachzubauen und anderen Infizierten sehr früh im Krankheitsverlauf zu spritzen, um einer möglichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands zuvorzukommen, gegenüber „Focus online“ grundsätzlich vielversprechend. Er selbst forsche seit Monaten zu dieser passiven Immunisierung. Doch sei der Wirkmechanismus bisher nicht ausreichend wissenschaftlich belegt. „Wir würden unsere Patienten mit einer solchen Antikörper-Therapie zum heutigen Zeitpunkt nicht behandeln.“ Offiziell sei dies wegen der fehlenden Zulassung auch gar nicht erlaubt. Wendtner spricht daher von einem „individuellen Experiment, das nicht ausreichend abgesichert ist“.
Medikament für die Spätphase der Covid-19-Erkrankung
Zudem soll Trump auch das Steroid Dexamethasonum verabreicht worden sein – ein Kortison-Präparat, das auch Nebenwirkungen auslösen kann. Dieses entzündungshemmende Medikament wird sonst nur in der Spätphase der Covid-19-Erkrankung eingesetzt, wenn die Überreaktion des körpereigenen Immunsystems droht, die beim Coronavirus tödlich verlaufen kann.
Unabhängige Mediziner in den USA werfen angesichts dieser Behandlung mit sehr hoher Potenz die Frage auf, ob der Zustand des 74-Jährigen schlimmer sein könnte, als man es der Öffentlichkeit mitteilt. Sein wegen der Informationspolitik in die Kritik geratener Leibarzt Sean Conley hatte schon vor Trumps Entlassung aus dem Militärkrankenhaus angedeutet, dass es sich quasi um einen medizinischen Versuch handelt: „Wir bleiben vorsichtig optimistisch, denn wir sind auf einem unbekannten Terrain bei einem Patienten, der diese Therapie so früh erhalten. Wir sehen auf das kommende Wochenende – wenn er bis Montag in gutem Zustand bleibt, können wir aufatmen.“