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Professorin Cornelia Vonhof von der Hochschule der Medien in Stuttgart erläutert die Überlegungen, die dem Zertifikat „Ausgezeichnete Bibliothek“ zugrunde liegen.

EsslingenDie Hochschule der Medien in Stuttgart hat das Qualitätsmodell „Ausgezeichnete Bibliothek“ entwickelt. Das Zertifikat zu erlangen, ist für Büchereien mit einem hohen Aufwand verbunden. Professorin Cornelia Vonhof erläutert die Überlegungen, die dem Zertifikat zugrunde liegen. Sie äußert sich auch zu den Anforderungen, denen eine öffentliche Bibliothek gerecht werden sollte und welche Erwartungen sie für eine Bücherei der Zukunft hat.

Wie ist die Resonanz auf das Qualitätsmodell „Ausgezeichnete Bibliothek“?
Das Projekt „Ausgezeichnete Bibliothek“ gibt es seit mehr als zehn Jahren. Wir haben es entwickelt, um Bibliotheken zu ­unterstützen, sich durch Qualitätsmanagement weiterzuentwickeln. In diesem Zeitraum haben sich viele größere kommunale und auch wissenschaftliche Bibliotheken auf den Weg gemacht, eine „Ausgezeichnete Bibliothek“ zu werden. Wenn man mit Qualitätsmanagement arbeitet, geht es immer um die Frage: Wie können wir noch besser werden? Das gilt auch für mein Institut: Wir würden gerne noch viel mehr Bibliotheken auf diesem Weg begleiten.

Manche Bücherei hat es nicht geschafft. Waren die Anforderungen zu hoch?
Die Anforderungen sind zweifellos hoch. Wir rechnen mit einer Projektlaufzeit von drei Jahren, in denen das Team einer Bibliothek intensiv darüber nachdenken muss, wie die bisherige Arbeit läuft und wo es Verbesserungspotenziale gibt. Es muss Prioritäten setzen. Aber genau das macht den Wert der Zertifizierung am Ende aus: Nicht jede Bibliothek kann eine „Ausgezeichnete Bibliothek“ sein.

Wie haben Sie die Bücherei Köngen und ihr Team erlebt?

Das Büchereiteam in Köngen hat diesen aufwendigen Prozess hervorragend gemeistert. Es hat gemeinsam Prioritäten gesetzt, genau die Bedürfnisse ihrer Kunden ermittelt, über die Zukunft der Bibliothek nachgedacht und dann gehandelt.

Wie definieren Sie „Qualität“ einer öffentlichen Bücherei?
Am besten beschreibt man Qualität aus zwei Perspektiven. Die eine fragt: Woran erkenne ich denn, dass eine Bibliothek qualitätsvoll arbeitet? Erkennen – und sogar messen – lässt sich an der Zufriedenheit der Kunden, an der Anerkennung, die eine Bibliothek findet, daran, ob sie gesetzte Ziele erreicht und daran wie zufrieden die Mitarbeiterinnen sind. Denn ohne die geht in einer Dienstleistungseinrichtung gar nichts. Die zweite Perspektive fragt: Was muss die Bibliothek tun, damit sie diese guten Ergebnisse erreicht? Zum Beispiel müssen die Arbeitsabläufe gut funktionieren, die Mitarbeiterinnen gut ausgebildet sein, die Zusammenarbeit mit den Partnern muss gestaltet werden.

Wie kann eine Bücherei zu mehr Medienkompetenz von Kindern und Erwachsenen beitragen?
Bibliotheken haben sich seit vielen Jahren die Vermittlung von Lese- und Medienkompetenz auf die Fahnen geschrieben. Sie arbeiten eng mit Schulen zusammen, bieten Programme an, bei denen zum Beispiel die Recherche in unterschiedlichen Quellen trainiert und diese kritisch bewertet werden.

Wie stellen Sie sich eine Bücherei im Jahr 2030 vor?
Die gerade genannte Vermittlung von Lese- und Medienkompetenz ist eine sehr wichtige Zukunftsaufgabe für Bibliotheken. Ich sage bewusst auch Lesekompetenz, denn verstehend lesen zu können, ist die Basis. Wir wissen aus vielen Studien, dass es hier Probleme gibt. Den Zugang zu digitalen Quellen zu ermöglichen, ist eine weitere Zukunftsaufgabe, denn die verbreitete Meinung, im Internet sei doch alles frei verfügbar, ist schlichtweg falsch. Einen dritten Aspekt möchte ich hinzufügen: Wir brauchen dringend Orte, die ohne kommerzielle Interessen für alle zugänglich sind, die Begegnungen ermöglichen, lebenslanges Lernen, Ausprobieren neuer Technologien und so weiter.

Der Großraum Stuttgart ist recht gut mit öffentlichen Büchereien versorgt, der ländliche Raum jedoch viel weniger. Sehen Sie die Chance für Neugründungen? Oder besteht eher die Gefahr von Schließungen, weil den Kommunen das Geld ausgeht?
Nach meiner Einschätzung wird die künftige Entwicklung einer digitalen Gesellschaft das Bewusstsein der Träger erhöhen, dass öffentliche, reale Orte wie Bibliotheken unverzichtbar sind. Diese Orte müssen aber deutlich mehr bieten als Bücher in Regalen. Um das zu stemmen, werden die Bibliotheken und die Kommunen kreativ über Kooperationen und die Zusammenarbeit mit vielen verschiedenen Partnern nachdenken müssen.

Das Interview führte Peter Dietrich.

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