Wahlsonntag in Stuttgart: Die Grünen-Kandidatin Veronika Kienzle am 8. November bei der Stimmabgabe. Ob sie es ins OB-Büro schafft, ist fraglich. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die öko-sozialen Kräfte könnten die CDU bei der OB-Wahl vielleicht noch ausbremsen, wenn sie gemeinsam in den zweiten Wahlgang gehen. Aber auf wen sollen sie sich einigen? Besonders die Grünen stehen vor einem Problem.

Stuttgart - Genau 17,2 Prozent Stimmen geholt und 14,6 Prozentpunkte hinter dem CDU-Rivalen – das Ergebnis der Grünen-Kandidatin Veronika Kienzle bei der ersten Runde der OB-Wahl im vermeintlich grünen Stuttgart schien kein Grund zur Freude für sie und ihre Partei zu sein. Der Landesvorstand brauchte am Sonntag, als das vorläufige Endergebnis feststand, denn auch zwei Stunden für eine Pressemitteilung. Dann aber gratulierten Sandra Detzer und Oliver Hildenbrand der Kandidatin „zum guten Abschneiden in der ersten Runde“. Und sie empfahlen Kienzle als „die beste Wahl für Stuttgart“ bei Runde 2 am 29. November.

Intern ist der Katzenjammer aber nicht gerade klein, auch wenn Mark Breitenbücher, der bei der Kandidatenauswahl im Januar noch Kreisvorsitzender war, nicht einstimmt. Er hätte sich zwar auch etwas weniger Abstand erhofft, aber noch sei „alles offen“. Denn hinter Frank Nopper (31,8 Prozent) kämen ja mehrere Kandidierende aus dem öko-sozialen Lager mit insgesamt 46,2 Prozent der Wählerstimmen und inhaltlichen Schnittmengen. Da müssten nun Gespräche geführt werden. „Ich bin nicht in großer Sorge, dass wir einen CDU-OB bekommen“, sagt Breitenbücher, verweist aber auf den Vorstand.

Viel ist vom öko-sozialen Lager die Rede

Doch gibt es das öko-soziale Lager bei der OB-Wahl in dieser Form überhaupt? Ist die Einigung auf einen Kompromisskandidaten möglich und erfolgversprechend? Nötig ist sie wohl: Treten aus diesem Lager alle oder auch nur zwei an, würde man wohl sehenden Auges akzeptieren, dass ein Konservativer OB wird, dem man rückwärtsgewandte Ansichten vorhält und der nicht zur weithin „grün-bürgerlichen Stadt“ passe, heißt es bei den Grünen intern.

Manche in der Partei würden es im Sinne der Verhinderung von Nopper (CDU) sogar für besonders erfolgsträchtig halten, wenn Kienzle und Hannes Rockenbauch (SÖS) ihre Bewerbungen zurückziehen – und den Weg für Marian Schreier frei machten, den jungen Bürgermeister von Tengen, der gegen den Willen seiner SPD angetreten war. So äußerten sich gegenüber unserer Zeitung zwei namhafte Parteimitglieder, die aber nicht genannt werden wollen.

Hätte Marian Schreier als Kompromisskandidat mehr Chancen?

Eines von ihnen sagte, Schreier (30) habe als junger Kandidat mit einem klaren Achtungserfolg beim ersten Wahlgang sozusagen das „Momentum“ auf seiner Seite, könne am meisten Dynamik entfalten. Sprich: „Schreier wäre besonders gefährlich für Nopper.“ Andererseits sei es normal, dass die Herausfordererin mit dem besten Ergebnis antrete.

Doch hinter den Kulissen wird auch erwogen, ob die Grünen-Kandidatin die Rockenbauch-Wähler überhaupt einplanen kann, wenn sich Schreier sowie der vielen Wählern möglicherweise etwas zu radikale Rockenbauch zurückziehen sollten. Vielen der Gefolgsleute von Rockenbauch gälten die Grünen wegen des Projektes Stuttgart 21 als Verräter. Schreier andererseits könne manchen zu konservativ sein. Es bestehe die Gefahr, dass sich manche Wähler nun lieber enthalten.

Der Kreisvorstand steht zu Kienzles Kandidatur

„Ich sehe nicht, dass Veronika Kienzle mit dem zweitbesten Ergebnis einen Grund hätte, zurückzuziehen“, sagt denn auch die Kreisvorsitzende Amelie Montigel. Und der Co-Vorsitzende Florian Pitschel meint, im öko-sozialen Bereich passe das Profil von Kienzle am besten.

Sie hat also zunächst auch bei den Grünen das Heft des Handelns in der Hand. Schon am Sonntag rammte sie Pflöcke ein, als sie sagte, sie als einzige Frau in der Runde werde sich nicht zurückziehen. Sie berät sich aber mit Schreier und Rockenbauch. Ein Deal – Rückzug gegen Übernahme von inhaltlichen Forderungen – wird sondiert. Rockenbauch strebt an, dass sich alle öko-sozialen Gruppierungen im Rathaus auf ein Programm für acht Jahre einigen und dann einen gemeinsamen Kandidaten oder eine gemeinsame Kandidatin ausrufen – möglicherweise auch einen neuen Namen von den Grünen. Eine neue Bewerbung für die Wahl am 29. November wäre möglich – aber müsste bis Mittwochabend eingehen.

Sollte für die Grünen alles schief gehen, würde eine Vergangenheitsbewältigung drohen. Manche kreiden dem Landesvorstand an, dass er zur Jahreswende keinen zugkräftigeren Kandidaten ermöglicht habe. Andere erinnern sich, dass OB Fritz Kuhn seine Partei mit der Entscheidung überrumpelt hatte, nicht wieder anzutreten. Kuhn als Hauptschuldiger? Er selbst sagt dazu nichts. Er ließ am Montag ausrichten, er habe dem im Januar Gesagten nichts hinzuzufügen, und in den Wahlkampf greife er als OB nicht ein.