Klingeln vergeblich: Bis auf weiteres bleibt die Wernauer Geschichtsstube geschlossen. Foto: Horst Rudel

Die NS-Zeit in der Stadt Wernau soll aufgearbeitet werden. Außerdem will man die Sammlung der Geschichtsstube katalogisieren. Der Zwist um die Einrichtung wird aber wohl noch weitergehen.

Wernau - Eines ist sicher: Das Thema Geschichtsstube wird die Stadtverwaltung und die Kommunalpolitik in Wernau noch eine Weile beschäftigen. Etliche Gespräche, Anrufe, E-Mails und Briefe, aber auch die zahlreichen Besucher in der jüngsten Gemeinderatssitzung hätten deutlich gemacht, „dass die Bevölkerung ein großes Interesse daran hat, was mit der Einrichtung und den Schätzen der Sammlung geschieht“, betont Bürgermeister Armin Elbl. Dass dieser Prozess nicht umsonst zu haben sein wird, ist den Verantwortlichen dabei ebenso klar wie seine Notwendigkeit.

In einem ersten Schritt wird deshalb das gesamte Inventar der Wernauer Geschichtsstube von einem unabhängigen Archivar gesichtet, nach Sammlungen katalogisiert und verzeichnet. Zudem soll ein externer Historiker neutral und zuverlässig aufarbeiten, was in der Stadt während der NS-Zeit geschehen ist.

Lässt sich der entstandene Schlamassel klären?

Ob sich dadurch der entstandene Schlamassel rund um die Geschichtsstube klären lässt, der vor allem im vergangenen Jahr die Auseinandersetzung bestimmt hat, steht jedoch auf einem anderen Blatt. Wegen eines Streits um Dokumente aus der Nazi-Zeit und, wie Elbl sagt, „wegen anderer Vorkommnisse“ hatte die Stadt Ferdinand Schaller, den langjährigen Vorsitzenden des Fördervereins Geschichtsstube, von seinem Ehrenamt entbunden.

Zudem wurden die Schlösser zur Geschichtstube ausgetauscht und Schaller obendrein der weitere Zutritt zum Stadtarchiv verwehrt. Im Dezember wiederum löste sich der Förderverein auf Schallers Initiative hin auf, nachdem er deshalb eine nicht unumstrittene Mitgliederbefragung hatte durchführen lassen.

Ferdinand Schaller will sich zurzeit nicht äußern

Die notarielle Prüfung dieses Vorgangs sei nach seinem Wissen inzwischen zwar abgeschlossen, sagt Ferdinand Schaller. Den demnächst zu erwartenden offiziellen Äußerungen wolle er aber nicht vorgreifen. „Auch sonst möchte ich in der Angelegenheit momentan keine Stellung nehmen.“ Mit ihm habe seitens der Stadt in den vergangenen Wochen jedenfalls niemand mehr gesprochen, fügt er hinzu. „Sie können aber sicher sein, dass es am Schluss von meiner Seite noch ein Statement geben wird“, erklärt Schaller.

Reichlich haben zu diesem Thema indes schon ein paar frühere Mitglieder des Fördervereins, Bürgermeister Elbl sowie einige Gemeinderatsmitglieder zu sagen. Die Situation, das zeigt sich dabei mehr als deutlich, ist vertrackt. Den Kernstreitpunkt stellt der Nachlass des Pfarrers Ernst Hofmann dar, der dem NS-Regime äußerst kritisch gegenüber stand. In drei Kisten hatte er Dokumente und Briefe – darunter von Soldaten im Kriegseinsatz – gesammelt. Diese lagerten lange Zeit in der Geschichtsstube im Pfauhauser Schloss, offenkundig aber nur als Leihgaben.

Kritiker legen Finger in die Wunde

Zumindest weigerte sich Schaller dem Verfasser des Buches über Josefine Stetter, Rolf Kehrer, Einsicht in die Unterlagen zu gewähren (siehe auch den unten stehenden Text). Dies sei nur mit dem Einverständnis der Erbin, der früheren Haushälterin von Pfarrer Hofmann möglich, hieß es im vergangenen Sommer. Die Angelegenheit bog damit endgültig auf den juristischen Weg ein. So musste der Esslinger Kreisarchivar Manfred Waßner im Beisein von Rechtsanwälten beider Seiten die Papiere aus der Zeit von 1933 bis 1945 sichten. Die privaten Unterlagen erhielt die Erbin. Der Rest wurde getrennt und ging zum Teil zurück an die Kirche, wie Elbl jüngst erklärte. „Uns als Stadt steht da nicht viel zu. Deshalb mussten wir die Dokumente zurückgeben.“

Hier gelangen Sie zum Artikel über die Biografie von Josefine Stetter...

Bei etlichen ehemaligen Fördervereinsmitgliedern stößt dieses Handeln dennoch auf Unverständnis. Die Stadt kämpfe nicht um diese Briefe, habe kein Interesse am Schutz der Unterlagen und würde auch keine Vertrauten, wie etwa den Historiker Gerhard Hergenröder, zurate ziehen, um eventuelle Fehlbestände in der Geschichtsstube respektive im Archiv erkennen zu können, so lauten die Vorwürfe. Die Kritiker legen ihre Finger aber noch in eine andere Wunde: Sie wollen wissen, warum im Laufe von 38 Jahren, die Ferdinand Schaller tätig war, keine ernsthafte Kontrolle seines Tuns erfolgt sei und weshalb nie ernsthaft ein Rechenschaftsbericht eingefordert worden sei?

Im Stadtarchiv soll ein Soll-Ist-Vergleich erfolgen

Eine Antwort auf diese Fragen können bis dato weder Armin Elbl noch die Gemeinderäte geben. Der Schultes räumt ein, „dass es ein Fehler war, diese Sache relativ weit aus der Hand zu geben“. Deshalb müsse man nun einen besseren Weg finden, mehr kontrollieren und vielleicht mit einem neuen Verein in die Zukunft gehen. Für Sabine Dack-Ommeln, Fraktionsvorsitzende der Wernauer Bürgerliste/Junge Liste, ist es zudem „ein Muss, sich mit der Wernauer NS-Zeit zu beschäftigen“.

So bedauerlich es auch sei, dass sich verschiedene Dokumente nicht mehr in der Hand der Stadt befänden, umso notwendiger sei es, die Wernauer und einen Fachmann wie Gerhard Hergenröder in die Aufarbeitung mit einzubinden. „Dennoch brauchen wir jetzt eine Versöhnung, anstatt weiter nach Schuldigen zu suchen“, ergänzt Dack-Ommeln. Jens Müller (CDU) stellt klar, „dass es gilt, aus dieser Sache zu lernen“. Diesen Aussagen stimmen die Sprecher der anderen Ratsfraktionen allgemein zu. Zugleich beauftragen sie die Verwaltung damit, entscheidende Unterlagen im Stadtarchiv zu sammeln und dessen Bestand obendrein einem Soll-Ist-Vergleich zu unterziehen.

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