Sedia Kijera ist Rosa Hötzl ans Herz gewachsen. Die Bewohner mögen seine liebevolle, empathische Art. Foto: Simon Granville

Vergangenen Donnerstag wurde der Gambier Sedia Kijera überraschend aus dem Abschiebegewahrsam freigelassen. Eine Woche bleibt ihm bis zur freiwilligen Ausreise nach Westafrika. Freunde, Kollegen und Bewohner des Pflegeheims in Kirchheim am Neckar (Kreis Ludwigsburg) hoffen auf eine schnelle Rückkehr.

Im Kirchheimer Pflegeheim am Mühlbach hat Sedia Kijera eine Heimat gefunden. Dort wird er gebraucht. Dort fühlt er sich wohl. „Ich bin sehr dankbar“, sagt der 29-Jährige und lächelt. Es ist das bescheidene Lächeln eines leisen Menschen. Eines Menschen, dem es schwerfällt, Hilfe anzunehmen. Und dem es unangenehm ist, dass andere etwas für ihn tun. Für ihn, der am liebsten einfach nur als examinierter Altenpflegehelfer arbeiten würde.

Vor einer Woche wurde der Gambier überraschend aus dem Abschiebegefängnis in Pforzheim entlassen. Daniela Lehmann hatte vergangenen Montag nach vielen glücklosen Anrufen beim Stuttgarter Regierungspräsidium (RP) einen letzten Versuch gestartet. „Ich konnte es kaum glauben, aber die Dame am anderen Ende der Leitung hörte mir zu und rief mich nur eine halbe Stunde später mit der Zusage zurück, dass Sedia ausreisen kann, wenn wir ein Flugticket für ihn besorgen, das vor dem 28. Februar terminiert ist.“

Tränen fließen

Der Freundeskreis um Götz Schwarzkopf, dem Sprecher der Kirchheimer Ortsgruppe Seebrücke, besorgte das Ticket für einen Flug am 23. Februar in die gambische Hauptstadt Banjul. Zwei Tage später lag es der Behörde vor, und nur ein paar Stunden später kam der 29-Jährige frei.

Die Wiedersehensfreude der Kollegen, Bewohner und Freunde war riesig. Sedia kommt zurück – die Nachricht hatte sich in Windeseile herumgesprochen, und als der Gambier am Abend in Kirchheim ankam, flossen nicht nur bei ihm die Tränen. Bewohner standen klatschend auf dem Balkon, man lag sich in den Armen.

79 Tage lang war er in Abschiebegewahrsam. Allein in einem kleinen Zimmer, zurückgeworfen auf sich und Ängste, die ihm nicht von der Seite wichen. „Es war eine schwierige Zeit. Ich konnte nicht schlafen und war einsam. Es gibt dort kein Miteinander. Jeder bleibt auf seinem Zimmer und isst auch dort, obwohl man miteinander essen könnte“, erzählt er in gutem Deutsch. Um wenigstens ein bisschen etwas zu tun, meldet er sich als Reinigungskraft.

Das Smartphone bekommt er gleich zu Beginn abgenommen. „Wir konnten mit ihm nur über ein Gefängnishandy kommunizieren, aber keine Fotos oder Sprachnachrichten schicken, die ihm Kraft gegeben hätten“, bedauert Daniela Lehmann. Kraft, die Sedia Kijera immer noch braucht. Denn auch wenn die Abschiebung vom Tisch ist, weiß keiner, wann er wieder Teil des Teams sein kann. „Ich freue mich, dass ich die Tage bis zu meiner Abreise hier in Kirchheim verbringen darf, aber ich habe große Angst, was auf mich zukommt“, sagt der 29-Jährige. „In der ersten Nacht hier habe ich besser geschlafen, aber es wird von Nacht zu Nacht schlechter.“

Angst vor langer Trennung

Mit seiner Angst ist er nicht alleine. Auch bei Daniela Lehmann und Götz Schwarzkopf drängt sie sich seit der Wiedersehensfreude immer mehr in den Vordergrund. Beim Abschiedsfest am Mittwochabend vermischt sich Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen mit der Sorge vor einer langen Trennung.

„Die Senioren hier sehen mit dem Herzen, und sie spüren, dass Sedia ein guter Mensch ist und gut mit ihnen umgeht“, sagt Daniela Lehmann und kämpft mit den Tränen. „Wir würden und könnten ihn anders gehen lassen, wenn wir wüssten, dass er bald wieder kommen kann. Es ist ein Horrorszenario, dass es möglicherweise Jahre dauert“, sagt Daniela Lehmann. Dazu kommt für Sedia Kijera die Ungewissheit, was er in Gambia nach seiner Ankunft machen kann. „Es gibt dort keine Altenheime“, sagt der 29-Jährige und zuckt mit den Schultern.

Geboren wird Sedia Kijera in Kuntaur, einer 3000-Einwohner-Stadt am nördlichen Ufer des Gambia-Flusses. Er ist das älteste von fünf Kindern. Der Vater ist verstorben, die Mutter lebt noch. Zu seinen Geschwistern hat Sedia ein enges Verhältnis. Als großer Bruder fühlt er sich für sie verantwortlich, möchte sie unterstützen, ihnen Bildungschancen ermöglichen.

Er selbst hat in seiner Heimat bis zur neunten Klasse die Schule besucht – finanziert über Spenden. Nach dem Schulabschluss jobbt er und reist im Alter von 18 Jahren nach Libyen. Als 2011 dort der Bürgerkrieg ausbricht, flüchtet Kijera nach Italien. In Kirchheim beginnt er 2021 eine zweijährige Ausbildung zum Altenpflegehelfer. Eine Chance, für die er dankbar ist. „Mein Wunsch ist es, hierher zurückkehren zu können, weiter zu arbeiten und mir eine Zukunft aufzubauen.“

Es braucht ein Arbeitsvisum

Das wünschen sich auch seine Freunde. „Sedias Anwesenheit und seine Art ist ein großer Reichtum für uns alle. Was er hier gemacht hat, hat Vorurteile abgebaut“, sagt Götz Schwarzkopf. Die Geschäftsführung der Awo, dem Träger des Heimes am Mühlbach, hat Daniela Lehmann eine Zusage gegeben, dass der 29-Jährige wieder im Heim beginnen kann. Jetzt braucht es noch ein Arbeitsvisum und die Genehmigung durchs Landratsamt Ludwigsburg.

Wie geht es jetzt weiter?

Arbeitserlaubnis
  Sedia Kijera reist freiwillig nach Gambia aus. Zeitnah kann er dann bei der deutschen Botschaft im Senegal einen Antrag auf ein Arbeitsvisum stellen, erklärt sein Anwalt Stefan Weidner. Gambia hat keine deutsche Botschaft. Ob eine Arbeitserlaubnis erteilt wird, hängt laut Weidner von der Ausländerbehörde im Landratsamt Ludwigsburg ab. Im Verfahren werde auch „generalpräventiv geprüft, ob von Herrn Kijera heute noch eine Gefahr für die Bundesrepublik Deutschland ausgeht“.

Genehmigung
 In den Fällen eines Aufenthalts zwecks einer Erwerbstätigkeit braucht es laut dem Sprecher des Landratsamtes Ludwigsburg, Andreas Fritz, auch die Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit. Nach deren Rückmeldung erteilt die Ausländerbehörde gegenüber der jeweiligen Auslandsvertretung dann die Zustimmung zur Visumserteilung oder verweigert diese. „Die Ausländerbehörde beim Landratsamt Ludwigsburg bearbeitet die erwerbstätigkeitsbezogene Visumfälle – je nach Antragsbelastung – innerhalb von ein bis zwei Wochen nach dem Erhalt der Visumunterlagen und der Rückmeldung der Bundesagentur für Arbeit.“