Kultusministerin Schopper verteidigt Schulversuch ohne Noten und erntet dafür breiten Widerspruch von Lehrerverbänden. Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Baden-Württembergs grüne Kultusministerin Theresa Schopper hat sich mit Äußerungen über den geplanten Modellversuch zur Grundschule ohne Noten in die Nesseln gesetzt.

Mit missverständlichen Aussagen zum Modellversuch mit der Grundschule ohne Noten hat Baden-Württembergs Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) Irritationen bei den Lehrerverbänden im Südwesten ausgelöst. Sowohl die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), als auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE) sowie der Philologenverband wenden sich gegen den Eindruck, dass Schüler im Land wegen geringer Leistungen oder durch schlechte Noten im Unterricht heruntergeputzt und als „Trottel vor dem Herrn“ abgekanzelt würden. So hatte Schopper sich Ende der Vorwoche gegenüber der Nachrichtenagentur dpa geäußert. Sie wandte sich in dem Gespräch gegen Kritik, die der Philologenverbandschef Ralf Scholl im Gastbeitrag für eine Zeitung an dem Schulprojekt zur Notenfreiheit formuliert hatte.

GEW teilt Schwarz-Weiß-Logik der Ministerin nicht

Er könne nicht ausschließen, dass es gelegentlich auch zu solchen, falschen Praktiken komme, erklärte der stellvertretende GEW-Landesvorsitzende Michael Hirn gegenüber unserer Redaktion. „Aber wenn das passiert, sind es bedauerliche Einzelfälle“, betonte er. „Grundsätzlich stellen Ziffernnoten keine Beschämung dar. Sie können aber zu Frust und Missverständnissen führen.“ Deshalb befürwortet die GEW den im neuen Schuljahr beginnenden Versuch mit 39 Grundschulen, die von der ersten bis zur vierten Klasse auf Noten von eins bis sechs verzichten. Vielleicht habe die Ministerin „etwas schnodderig“ auf Formulierungen reagiert, über die sie sich geärgert habe, ergänzte Hirn. „Aber in dieser Schwarz-Weiß-Logik teile ich die Aussagen nicht.“

„Unabhängig von Ziffernnoten oder anderen Rückmeldungen: Ich will eigentlich gar kein Kind beschämen“, hatte Schopper betont. Kindern mit Defiziten müsse man klar sagen, dass sie noch üben müssten. „Aber ihnen zu sagen, dass sie da der Trottel vor dem Herrn sind, das gehört nicht in die Schule.“ Sie wandte sich mit ihren Äußerungen gegen den Vorwurf des Philologenverbands, der Schulversuch ziele auf die „Maximierung des Wohlfühlens der Kinder auf Kosten des Lernprinzips“. Die Schule verkomme zum „alleinigen Schonraum“, weil „das ,Nicht-Beschämen der Schüler’ das Prinzip sei, an dem sich viel zu viele Lehrkräfte orientieren“.

Es gehe bei dem Modellvorhaben nicht um den Abschied vom Leistungsprinzip oder um Kuschelpädagogik, konterte die Ministerin. Mit Ziffernnoten könne zwar jeder etwas anfangen. Aber eine Vier in Deutsch sei auch nicht wirklich aussagekräftig: „Wie gut ist man im Lesen oder Schreiben? Oder war das Kind gerade bei einer Arbeit an dem Tag abgelenkt, weil sein Meerschweinchen krank ist?“, ergänzte sie.

Der VBE-Chef Gerhard Brand ist überzeugt, dass derart herabsetzende Rückmeldungen in den 4500 baden-württembergischen Schulen schon längst der Vergangenheit angehören. „Das kommt überhaupt nicht vor. Ein solches Verhalten wäre pädagogisch nicht zu vertreten“, betonte der VBE-Vorsitzende Gerhard Brand auf Anfrage. „Lehrerinnen und Lehrer sind Profis im pädagogischen Arbeiten. Ihr Ziel ist es, Kinder zu fordern und zu fördern und sie fit für unsere Gesellschaft zu machen – und das gemäß ihrer individuellen Möglichkeiten. Wir stärken Schüler! Wir schwächen sie nicht.“ Aus Brands Sicht wäre es „grotesk“, mäßige Zensuren als Herabsetzung der Schülerinnen und Schüler zu betrachten. Den Schulversuch sieht er als Möglichkeit, Schülern differenziertere Rückmeldungen über Stärken und Schwächen zu geben, als das bei den klassischen Ziffernnoten passiert.

Diese Methode kann aus Sicht des VBE-Chefs Vor- und Nachteile haben. Deshalb wünscht Brand sich eine umfangreiche Evaluation und eine Umbenennung des Projekts. Offiziell trägt der Versuch mit der Grundschule ohne Noten den Titel „Lernförderliche Leistungsrückmeldung in der Grundschule“. Gerhard Brand warb dafür, von einer „leistungsdifferenzierten Rückmeldung“ zu sprechen. Schließlich zeige erst die Auswertung des Modellversuchs, ob Berichte statt Ziffernnoten die Schülerleistungen fördern könnten.

„Wer Schüler abkanzelt, fällt durch“

„Die Aussagen von Frau Schopper könnten insbesondere Eltern zu der Meinung verleiten, dass ihre Kinder an den Schulen mit Ziffernnoten heruntergemacht werden“, monierte Philologenverbandschef Ralf Scholl, auf dessen teilweise polemische Kritik an dem Modellversuch die Ministerin sich bezogen hatte. „Da stellt sich schon die Frage, ob das wirklich Frau Schoppers Meinung über unser Schulsystem ist?“

Scholl stufte den Vorhalt als unberechtigt ein und verwies auf die in Baden-Württemberg geltende Notenbildungsverordnung, die in zwölf Paragrafen regelt, was bei der Bewertung von Schülerleistungen zu beachten ist. „Der Philologenverband kann absolut nicht bestätigen, dass das geschilderte Szenario an unseren Schulen vorkommt“, betonte er. „Wer als Referendar Schüler abkanzelt, besteht seine Lehramtsprüfung nicht.“

Die klassischen Noten von Eins bis Sechs spiegeln Schülern und ihren Eltern aus seiner Sicht, wo ihre Leistungen auf der absoluten Skala der Anforderungen des Bildungsplans einzuordnen sind. Davon rücke der geplante Schulversuch ab, wenn Schülern „nur eine Rückmeldung über ihre Lernstandsentwicklung gegeben wird“.