In Galtür/Österreich haben sich Gesteinsmassen vom Südgipfel des Fluchthorn-Massivs gelöst – seitdem ist der Gipfel niedriger. Foto: dpa/---

Die Gebirge und insbesondere die Alpen sind vom Klimawandel immer stärker betroffen – das hat zuletzt auch der Bergsturz in Tirol gezeigt. Für Geologen ist die Ursache klar: Wenn das Eis durch die Klimakrise schwindet, bröckeln die Alpen.

Im Gebirge führt der Klimawandel zu immer höheren Temperaturen. Dadurch gerät Gestein ins Rutschen oder bricht ab. Vor Kurzem krachte bei Galtür in Tirol, einem beliebten Skigebiet, eine riesige Menge des Berges Fluchthorn hinab ins Tal. Es handelte sich um einen Bergsturz. Der gesamte südliche Gipfel des Fluchthorns war abgebrochen. Eine Million Kubikmeter Gestein hatten sich gelöst, das entspricht etwa 120 000 Lkw-Ladungen. Zu Schaden kam niemand, weil die Felsen nicht auf besiedeltes Gebiet stürzten. In der Folge ist der Südgipfel des Fluchthorns kleiner geworden, er liegt nun nicht mehr bei 3399 Meter, sondern bei 3380.

Was sind die Gründe für Bergstürze?

Experten sind sich sicher, dass das Unglück durch tauenden Permafrost ausgelöst wurde. Das meint etwa Thomas Figl, Leiter des Amtes Landesgeologie der Tiroler Landesregierung. Permafrost, also dauerhafter Frost, herrscht in hohen Lagen, wo es etwa auch Gletscher gibt. Die Berge können Eis enthalten, das sich in Schuttablagerungen oder in Felsspalten befindet. Dieses „ewige Eis“ wirkt wie eine Art Klebstoff, der Teile des Berges zusammenhält. Wegen der insgesamt steigenden Temperaturen schmilzt es. Deshalb wird ein Berg poröser, er kann bröckeln, oder es brechen sogar große Stücke davon weg.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen einem solchen Bergsturz und dem Klimawandel?

Ja, sagt die Geografie-Professorin Margreth Keiler von der Universität Innsbruck ganz eindeutig. „Die Emissionen von CO2 – also Treibhausgasen – müssen reduziert werden“, sagt sie im Gespräch. Keiler betreibt auch Gebirgsforschung an der österreichischen Akademie der Wissenschaften. „Das ist das Wichtigste, so können die Auswirkungen wenigstens abgemildert werden.“ Im Hochgebirge steigen laut Messungen die Temperaturen noch höher an als in anderen europäischen Regionen.

Wie stark sind die deutschen Alpen davon betroffen?

Sie sind nicht so stark vom tauenden Permafrost bedroht, weil die Berge nicht so hoch sind wie in Österreich und anderen Alpenländern. „Aber auch an der Zugspitze mit 2962 Metern Höhe gehen Spalten auf“, sagt Margreth Keiler. „Ebenso etwa am Hochvogel im Allgäu, der 2592 Meter misst.“ Die Grenze für Permafrost liegt bei etwa 2500 Metern. Das Bayerische Landesamt für Umwelt hat gegenüber dem bayerischen Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) Ende 2021 eine Prognose abgegeben: Demnach ist es möglich, dass der Permafrost im Inneren der Zugspitze schon im Jahr 2040 nicht mehr existiert. Bisher war man vom Jahr 2080 ausgegangen. Es wird erwartet, dass es Mitte des Jahrhunderts im östlichen Teil der Alpen kaum mehr Gletscher gibt.

Was sind die größten Probleme?

Die Alpen sind ein sehr großes, komplexes und einzigartiges Ökosystem, das von den Menschen massiv bebaut und genutzt wird. Sie sind, so sagt es die Professorin Keiler, „die wohl am stärksten erschlossene Gebirgsregion weltweit“. Das Skifahren wurde zum Massentourismus ausgebaut. Immer weitere Skigebiete wurden und werden errichtet. Die Brenner-Transitstrecke über Innsbruck nach Südtirol ist sowohl vom Lkw- als auch vom Pkw-Verkehr massiv überlastet. Deutsche Spediteure rechnen damit, dass der Verkehr nicht etwa ab-, sondern weiter zunimmt. Laut dem Bundesverband Spedition und Logistik bedeutet ein Prozent Wirtschaftswachstum zwei Prozent mehr an Verkehr.

Wohin geht die Entwicklung?

In der Wirtschaft und im Tourismus gibt es eine Strömung, die „weiter so“ sagt. So sollen etwa trotz Klimawandels neue Skigebiete auf Gletschern entstehen, die als schneesicher gelten. Es gibt Pläne für Pisten und Lifte auf einer über 3000 Meter hohen neu geschaffenen Verbindung zwischen Pitztal und Ötztal. Die hochalpine Natur würde damit zerstört werden. Die Bevölkerung hatte sich in einem Bürgerentscheid dagegen gestellt, doch es wird vermutet, dass neue Anläufe dafür kommen. Die Lobby der Skiliftbetreiber ist in Österreich sehr mächtig. In Bayern werden Lift- und Beschneiungsanlagen von der CSU-Freie-Wähler-Koalition weiter staatlich gefördert. Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) argumentiert, dass ohne Beschneiung in Bayern die Hotels und Restaurants leer wären, stattdessen würden „unsere Urlauber das Geld nach Österreich und anderswo tragen“.

Gibt es Alternativen dazu?

Der Brenner-Basis-Tunnel von Bayern bis nach Südtirol soll Lkw- und Pkw-Verkehr von der Straße auf die Schiene leiten. Die geplante Eröffnung verschiebt sich allerdings um mindestens vier Jahre, geplanter Termin ist nun erst für 2032 geplant. Ein Grund dafür: Bayern streitet über die Trassenführung. Für die Alpen verlangt der Bund Naturschutz (BN) eine Abkehr von wirtschaftlichen Interessen und mehr Schutz der „ökologischen Funktionen“. Den alpinen Massenskiurlaub sieht der Verband als nicht zukunftsfähig. Stattdessen sollte man auf einen sanften und ökologischen Tourismus über das ganze Jahr hinweg setzen.