Nach dem Rückzug aus der Judo-Bundesliga konzentriert sich der KSV Esslingen auf die Jugendarbeit. Ziel ist es, ein konkurrenzfähiges Team aufzubauen.
Es war schon ein kleiner Paukenschlag in der deutschen Judo-Szene im vergangenen Herbst: Nach einigen Vizemeistertiteln in der Judo-Bundesliga wurde der KSV Esslingen dank eines 8:6-Finalsiegs gegen Dauerrivale TSV Abensberg zum allerersten Mal in seiner 129-jährigen Vereinsgeschichte deutscher Meister – und dann zog sich das Team wenige Wochen später aus der Bundesliga zurück. Der Grund: Der langjährige Teamchef Carsten Finkbeiner sah sich außer Stande seinen ehrenamtlichen Job weiterzuführen und ein Nachfolger war nicht in Sicht. Seitdem backen sie beim Esslinger Traditionsverein kleinere Brötchen. Die nationalen und internationalen Spitzenkämpfer sind weg und aus der bisherigen zweiten Mannschaft ist die erste geworden. Derzeit ist das KSV-Team ausschließlich mit Esslinger Eigengewächsen bestückt, startet aber immerhin in der Baden-Württemberliga – die dritthöchste deutsche Kampfklasse. Was boomt ist der Jugend- und Kinderbereich – der Nachwuchs soll nun langsam an die Aktiven herangeführt werden.
120 Zuschauern sehen den ersten Wettkampf
Harald Lupp, langjähriges Vorstandsmitglied beim KSV und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, steht hinter der Theke in der schmucken KSV-Arena in Mettingen und verkauft Getränke sowie Wurstwecken. Es ist der erste von zwei Kampftagen in der Baden-Württembergliga, die Tribüne ist mit rund 120 Zuschauern gut gefüllt. „Damit hätte ich nicht gerechnet“, freut er sich – schließlich sei das schon was anderes als die deutsche Eliteklasse. Aber auch im Nachhinein sei es der richtige Schritt gewesen, das Bundesligateam zurückzuziehen. „Es war ein längerer Prozess, selbst bei uns im Vorstand“, sagt er. Der Aufwand sei über die Jahre immer größer geworden – und rein ehrenamtlich nicht mehr zu stemmen gewesen: „Ein Bundesligateam zu verantworten ist praktisch ein Fulltime-Job. Das war früher schon um einiges lockerer.“ Anfangs hätte man das KSV-Team hauptsächlich mit eigenen Kräften bestücken können, doch der Druck wurde immer größer und es wurden über die Jahre immer mehr Kämpfer von außen geholt. Die wollten natürlich bezahlt werden – letztlich musste für die Esslinger Mannschaft pro Jahr ein fünfstelliger Etat bereitgestellt werden. „Das war immer ein großer Aufwand, das Geld zusammenzubekommen. Vor allem mit rein ehrenamtlichen Kräften“, sagt Lupp. Aufgrund des Rückzugs hätten einige der langjährigen Sponsoren ihr Engagement verringert: „Aber das ist ja auch verständlich.“ Beim KSV konzentriert man sich nun auf die Nachwuchsarbeit, aktuell ist der Verein auf der Suche nach einem neuen hauptamtlichen Chefcoach für das Training in allen Altersklassen.
„Ein bisschen Wehmut beim Rückzug des Teams schon dabei“
Um in der Bundesliga mithalten zu können, müssen heutzutage gute Leute von außen geholt werden, sagt auch Otto Tejkl. Der 83-jährige KSV-Ehrenpräsident sitzt auf der Tribüne und schaut sich die Kämpfe in der Baden-Württembergliga an. Er ist seit 71 Jahren Mitglied beim KSV und stand in den 1970er Jahren selbst in der Bundesliga auf der Matte. Damals allerdings nicht für die Esslinger, die zu dieser Zeit nicht auf nationaler Ebene vertreten waren, sondern für einen Stuttgarter Verein - den es aber auch schon lange nicht mehr gibt. „Ein bisschen Wehmut war letztes Jahr beim Rückzug des Bundesligateams schon dabei“, gibt Tejkl offen zu. Aber immerhin hätte man sich mit dem Titel verabschiedet – das sei für ihn das Allergrößte gewesen. Dass die Esslinger jetzt auf den Nachwuchs setzen, findet er gut, vielleicht ist dann irgendwann auch wieder mehr drin für die KSV-Judokas: „Aber das geht nicht von heute auf morgen. Da wird noch einiges an Wasser den Neckar herunterfließen.“
Fernziel für die Aktiven sei irgendwann der Aufstieg in die 2. Liga, kündigt Lupp an. Realistisch sei das allemal. Schließlich hat der KSV-Nachwuchs zuletzt bei den baden-württembergischen Meisterschaften der U 15 in Esslingen gleich sieben Medaillen abgesahnt: „Von Bronze bis Gold war alles dabei“, bestätigt Übungsleiterin Janina Stripf, die zusammen mit ihrem Mann Denis, der gleichzeitig Teamchef bei den Männern ist, sowie mit einigen Trainern anderen den KSV-Nachwuchs verantwortet. Der U-13- und U-15-Bereich laufe gut, ebenso der Judo-Kindergarten. Und das sowohl im weiblichen als auch im männlichen Bereich, sagt Janina Stripf. Einige junge Esslinger sind bereits mit Einladungen zu Kaderlehrgängen auf Landesebene belohnt worden. „Der Rückzug des Bundesligateams war bei unserem Nachwuchs kein großes Thema“, erzählt Stripf weiter, „Ein paar haben sich zwar ganz gerne mal einen Bundesliga-Wettkampf angeschaut, aber persönlich gab es keine Kontakte zu den Kämpfern der ersten Mannschaft.“
Der Start ist ausbaufähig
Derweil kassieren die Esslinger unten auf der Matte in der Baden-Württembergliga drei Niederlagen in Folge: Ein glattes 0:7 gegen den Postsportverein Karlsruhe, nicht ganz so düster sah es indes bei den beiden 3:4-Schlappen gegen den TV Heitersheim und den BC Offenburg aus. „Das ist ausbaufähig“, sagt KSV-Teamchef Denis Stripf. Stolz ist er, dass seine Mannschaft sich von Kampf zu Kampf gesteigert habe: „Vor allem der Nachwuchs hat Vollgas gegeben.“ Und dabei hatte er alle Leichtgewichtsklassen mit U-18-Kämpfern besetzt – und die erst 17-jährigen Esslinger Youngster mussten teilweise gegen gestandene Männer ran. „Das Ziel ist es, unsere jungen Leute langsam heranzuführen und sie Kampferfahrung sammeln zu lassen“, erklärt Denis Stripf. In der Judo-Szene habe der KSV weiterhin einen guten Namen: „Die Wahrnehmung von außen ist sehr positiv. Wir veranstalten viele Turniere, das kommt an.“ Langfristig will der KSV-Teamchef eine konkurrenzfähige Esslinger Mannschaft aufbauen: „Und wenn die dann irgendwann mal die Baden-Württembergliga dominiert, sind nach oben alle Ziele offen.“