Der Strukturwandel in der Esslinger Innenstadt ist unübersehbar. Mit Karstadt und Kögel verschwinden 2024 zwei Frequenzbringer – wie es an beiden Standorten weitergeht, ist noch offen. Nun sucht die Stadt nach Möglichkeiten, ihr Zentrum attraktiver zu machen.
Für viele ist die Esslinger Innenstadt zum Sorgenkind geworden: Traditionsreiche Geschäfte verschwinden, die Suche nach attraktiven Nachmietern gestaltet sich oft schwierig, und während man im Rathaus gern erklärt, dass es kaum Leerstände gebe, beurteilen viele Esslinger die Situation anders. Dass im neuen Jahr mit dem Karstadt-Warenhaus und dem Modehaus Kögel zwei Frequenzbringer verschwinden, lässt die Alarmglocken schrillen. Die Aufgaben sind komplex: Der Einzelhandel ist im Wandel, der Verkehr wirft grundsätzliche Fragen auf, der Klimawandel zeigt Wirkung, ein gedeihliches Miteinander ist nicht mehr für alle selbstverständlich. Der Oberbürgermeister Matthias Klopfer möchte mit einem Umzug von Volkshochschule und Stadtbücherei und der Entwicklung eines Kulturquartiers die Innenstadt stärken. Näheres soll die Öffentlichkeit im Februar erfahren. Bis dahin gilt es noch vieles zu klären und zu diskutieren.
Individueller Handel fehlt
Seit 2021 wird intensiv darüber nachgedacht, wie die Innenstadt den Strukturwandel bewältigen kann und wohin sie sich entwickeln soll. In einer Onlinebefragung mit 2000 Beteiligten sowie in diversen Veranstaltungen wurden Schwerpunkte ermittelt. Ganz oben auf der Wunschliste standen grüne Oasen, Orte des Miteinanders wie die Stadtbücherei, die die höchste Zustimmung erreichte, attraktive Veranstaltungen, Angebote am Wasser sowie Bildungs- und Sozialeinrichtungen. Überraschend gering war der Wunsch nach großen Marken – dafür ist individueller Handel gefragt.
Zwei Hiobsbotschaften machen die Aufgabe nicht einfacher: Erst gab’s im Frühjahr die Nachricht, dass Karstadt im neuen Jahr schließt, im Juni kündigte das Modehaus Kögel seinen Abschied für Ende Januar 2024 an. Spätestens da war der Rathauschef überzeugt, „dass wir die Innenstadt allein mit dem Einzelhandel nicht zukunftssicher gestalten können“. Deshalb wolle er das Zentrum „mit einem umfassenden kulturellen und bildungspolitischen Konzept attraktiv halten“, so Klopfer: Die Volkshochschule solle von der Mettinger Straße, wohin sie vor Jahren aus dem Dick-Center verlegt worden war, in Teile des frei werdenden Karstadt-Gebäudes umziehen. Die Stadtbücherei, deren Modernisierung im Bebenhäuser Pfleghof nach langen Diskussionen beschlossen worden war, solle ins Kögel-Gebäude wechseln. Im Pfleghof könnten kulturelle Einrichtungen wie die städtischen Museen zusammengeführt werden. Ziel sei ein kulturelles Quartier zwischen Webergasse und Küferstraße. Ein Konzept für den Pfleghof liegt allerdings noch nicht vor.
Bislang ein Gedankenspiel
Bislang ist vieles – zumindest für die Öffentlichkeit – ein Gedankenspiel. Eigentlich wollte die Stadtverwaltung ihre Vorstellungen noch vor dem Jahreswechsel konkretisieren. Nun will man sich mehr Zeit nehmen: „Um umfänglich und transparent mit dem Gemeinderat und der Öffentlichkeit über die neuen Pläne diskutieren zu können, sind aktuell mit den Beteiligten noch wichtige Fragestellungen zu klären“, ließ man Anfang Dezember im Rathaus wissen. „Im Februar haben wir dann alle Zahlen, Daten und Fakten auf dem Tisch. Unser Ziel ist es, eine Grundsatzentscheidung im kommenden Jahr vor der Sommerpause zu fällen. Damit bleibt dann auch ausreichend Zeit für öffentliche Diskussionen.“
Zu klären und zu diskutieren gibt es noch allerhand, zumal eine Erweiterung und Modernisierung der Stadtbücherei im Bebenhäuser Pfleghof per Bürgerentscheid bereits beschlossen war. Doch nachdem die Rechtsbindung des Entscheids ausgelaufen war, hatten sich Gemeinderat und Stadtverwaltung auf eine kleinere Lösung im Pfleghof verständigt – „am Standort, der von der Bürgerschaft mit großer Mehrheit beschlossen wurde“. Ein neuerlicher Sinneswandel müsste – zumal im Jahr der Kommunalwahl – gut begründet sein und nicht nur leere Schaufenster vermeiden, sondern auch der Bücherei Vorteile bringen. Die Linken wollen dafür einen neuerlichen Bürgerentscheid.
Bis zur Entscheidung über VHS, Bücherei und Kulturquartier wird es viel Gesprächsstoff geben. Obwohl noch viele Fakten fehlen, haben die meisten Ratsfraktionen bereits grundsätzliche Sympathie für Klopfers Pläne signalisiert. Die CDU favorisiert weiterhin Einzelhandel im Kögel-Gebäude. Sollte sich der nicht realisieren lassen, brauche es mehr als nur den Umzug einer bereits bestehenden Einrichtung, sondern eine zusätzliche Attraktion – etwa ein digitales Bürger- und Medienzentrum im Kögel-Haus. Der Planungsbeirat der Esslinger Architektinnen und Architekten begrüßt die Überlegungen zur kulturellen Belebung der Innenstadt und fordert Debatten in großer Offenheit, um die besten Lösungen für die Gebäude von Karstadt und Kögel zu finden. Der Förderverein der Bücherei könnte sich zusätzlich zum modernisierten Pfleghof ein digitales Medienzentrum im Kögel-Haus vorstellen, „das Teile der angestrebten Funktionen einer Bücherei der Zukunft erfüllen und damit zur Entspannung der beengten Raumsituation im Pfleghof beitragen könnte“.
Die Ritterstraße soll neue Qualitäten zeigen
Die Straße
Als zentrales Entree zu Esslingens historischer Altstadt verbindet die Ritterstraße mit der Pliensau und der Küferstraße zwei wichtige Einkaufsstraßen. Die Stadt arbeitet seit Jahren an Konzepten, um die Ritterstraße als sozialen, öffentlichen und vielfältig nutzbaren Raum zu stärken.
Die Pläne
Erklärtes Ziel der Verantwortlichen im Rathaus sind eine bessere Aufenthaltsqualität und dadurch eine Belebung der östlichen Altstadt. Dazu gehören die Anbindung an die Maille mit einem neuen Platz am Rossneckar und ein neu gestalteter Übergang im Bereich zwischen dem Technischen Rathaus und der Tiefgarage an der Kiesstraße. Endlich soll dort auch eine barrierefreie öffentliche Toilette entstehen.
Die Finanzen
Die Stadt kalkuliert Investitionen von 4,7 Millionen Euro, vom Land wird eine Förderung von 3,2 Millionen Euro erwartet.