Der Wohnturm vor der Abendsonne: Perspektive ungewiss Foto: Dirk Herrmann

Vor genau einem Jahr hat die Adler Group erklärt, dass sie den Wohnturm im vorderen Remstal wieder loswerden möchte. Die Suche nach einem anderen Investor bleibt bisher aber erfolglos. Mittlerweile geht der Beinahe-Stillstand auf dem Fellbacher Rohbau in sein achtes Jahr.

Am 8. Februar 2023 war es, dass durch Recherchen unserer Zeitung der nächste Rückschlag beim Fellbacher Schwabenlandtower an die Öffentlichkeit kam. Auf Nachfrage erklärte seinerzeit der Investor, die Adler Group, dass man den Ausstieg aus dem Hochhausprojekt am östlichen Ende der Fellbacher Kernstadt, anpeile. Die Gruppe suche intensiv nach einem Käufer für den Wohnturm. Der Konzern befindet sich in erheblichen finanziellen Schwierigkeiten, im vergangenen August lautete die Schlagzeile im Wirtschaftsteil: „Milliardenverlust bei Adler-Immobilien.“

Fellbacher Hochhaus wohl nur eines von vielen Adler-Problemen

Ob seitdem hinter den Kulissen des angeschlagenen Konzerns intensiv nach einem Nachfolger geforscht wurde, lässt sich aus der Distanz schwer abschätzen. Vermutlich, so der Eindruck, ist Fellbach eben nur eines von vielen zu lösenden Adler-Problemen. Fest steht jedenfalls, dass in diesen zwölf Monaten offenkundig kein Interessent für den Wolkenkratzer an Land gezogen werden konnte.

Das jedenfalls ergibt sich aus der Antwort zur jüngsten Nachfrage unserer Redaktion bei der Deutschland-Zentrale der Adler Gruppe in Berlin. Die Adler-Pressesprecherin Dobroslawa Pazder schickte darauf folgende Stellungnahme: „Wie wir bereits angekündigt haben, ziehen wir uns weitestgehend aus dem Projektentwicklungsgeschäft zurück und werden uns perspektivisch von allen Projekten trennen.“ Der Restrukturierungsplan der Adler-Group sehe die aktive Veräußerung ausgewählter Portfolios und von Projektentwicklungen vor.

Aktuell Gespräch mit mehreren Interessenten

Dobroslawa Pazder erläutert weiter: „Hinsichtlich einzelner Projektentwicklungen strebt das Unternehmen eine sinnvolle, dem grundsätzlichen Wert der Objekte entsprechende Veräußerung an. Für das Projekt Schwabenlandtower ist eine Veräußerung an einen Investor beziehungsweise einen Kooperationspartner vorgesehen. Wir befinden uns bereits in Gesprächen mit mehreren Interessenten. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns nicht näher zu Inhalten oder Umfang der Gespräche äußern können.“

Der Wortlaut ähnelt jenen Antworten der die Presseabteilung vor einem Jahr sowie im Sommer 2023. „Consus Real Estate hat die Optionen für die Projektentwicklungen neu bewertet. In diesem Zusammenhang sind wir zum Schluss gekommen, für das Projekt Schwabenlandtower einen Verkauf in Erwägung zu ziehen.“ Und weiter im Statement von Ende Januar 2023: „Mit der Stadtverwaltung stehen wir in einem laufenden Dialog und werden diese regelmäßig und transparent über den Stand der Dinge informieren.“

Eine weitere Nachfrage zu den Aktivitäten am Wohnturm, wonach die Arbeiten an den Fenstern als Beginn von Abrissarbeiten gedeutet werden könnten, wie Leser unserer Zeitung erklärten, wurde Ende August 2023 so beschieden: „Die von Ihnen erwähnten Bauaktivitäten deuten nicht auf einen Turmabriss hin, sondern sind Teil der seit langem geplanten Abbrucharbeiten an der Fassade. Der Rückbau der Fassade ist ein wesentlicher Schritt, um dann auch das neue Fassadenkonzept umzusetzen lassen zu können.“

Eiermann-Areal in Stuttgart kein Vorbild für Fellbach

Die Realisierung des Wohnturms durch Adler scheint illusorisch. Doch wo ist die Lösung? In Stuttgart will die Stadt den Eiermann-Campus, die ehemalige IBM-Zentrale in Vaihingen, von Adler übernehmen. „Stadt bereitet Kauf des Eiermann-Areals vor“, hieß es in unserer Zeitung Ende Dezember 2023. Dort könnten bis zu 2000 Wohnungen gebaut, Gewerbe angesiedelt werden und womöglich kurzfristig Modulbauten für Flüchtlinge entstehen.

Dass eine solche Übernahme einer Adler-Projekts ein Vorbild sein könnte, hat Fellbachs Oberbürgermeisterin Gabriele Zull kürzlich kategorisch ausgeschlossen. „Der Turm war von Anfang an unser Sorgenkind, und er ist es leider auch bis heute geblieben“, erklärte Zull beim Neujahrsempfang in der Fellbacher Schwabenlandhalle. Bereits im Insolvenzverfahren sei es für den Insolvenzverwalter äußerst schwierig gewesen, Investoren zu finden, die sich des Objekts annehmen wollten. „Heute – in einer ungleich schwierigeren Marktlage und nach Übergang auf ein global agierendes Unternehmen – ist dies gewiss nicht einfacher geworden.“

Der derzeitige Eigentümer befinde sich weiterhin in Verkaufsverhandlungen. Ob und wie diese erfolgreich seien, liege letztlich nicht in der Hand der Stadt. Zulls klare Aussage: „Auch wenn sich manch einer die Übernahme und Fertigstellung durch die Stadt wünscht, kann dies aus meiner Sicht keine Alternative sein. Die Millionenbeträge, die hierfür notwendig wären, investieren wir stattdessen in Kitas, Schulen, Sporthallen, Infrastruktur, Feuerwehr, Umweltschutz, soziale Projekte und bezahlbaren Wohnraum – Betonung auf bezahlbar!“

Wanderfalkenpaar auf dem Tower hat mit der Balz begonnen

Offenkundig ist in Fellbach viel Geduld gefragt. Gelassenheit, die man etwa beim Anblick der „Towerfalken“ lernen kann, die in Wahrheit Wanderfalken sind. Aktuell befindet sich nach Auskunft von Friedemann Tewald vom Naturschutzbund Fellbach ein Falkenpaar auf dem Wohnturm. „Das Paar hat gerade mit der Balz begonnen“, erläutert Tewald. „Wir rechnen auch in diesem Jahr auf dem höchsten Wohngebäude in Baden-Württemberg wieder mit Nachwuchs.“

Falkenkamera In Echtzeit beobachten kann man die Situation der Wanderfalken auf dem Tower in 107 Metern Höhe auf der Webseite des Nabu Fellbach unter: www.falcommunity.de

Stationen eines unvollendeten Hochhausbaus

Spatenstich
 Ende Mai 2014 erfolgte der Baubeginn. Der damalige Fellbacher OB Christoph Palm hatte den Esslinger Investor Michael G. Warbanoff für das brachliegende Areal, auf dem Jahre davor schon ein Hotelbau nicht über den Rohbau hinauskam, gewonnen.

Neubeginn
 Der Baustopp des Gewa-Towers samt Insolvenz traf dann Palms Nachfolgerin Gabriele Zull, kaum dass sie im November 2016 ihr Amt angetreten hatte. Nach einem weiteren Investor übernahm dann die Adler-Group den Rohbau. Mehrfach tauchten verschiedene Vorstandsmitglieder in Fellbach auf und versprachen, den Schwabenlandtower 107, wie er umbenannt wurde, fertigzustellen. So wurde im April 2022 das Frühjahr 2024 als Einzugstermin für die ersten Bewohner angekündigt.

Käufersuche
 Recht überraschend verkündete die Adler Gruppe zu Jahresbeginn 2023, dass man eine Veräußerung des Wohnturms an einen anderen Investor anstrebe.

Kran-Abbau
Passend dazu wurde Mitte Juli 2023 der 120-Meter-Kran neben dem Hochhaus – er galt als Hinweis, dass der Bau nun doch richtig weitergehe – wieder demontiert.