Bis kleine Kinder gegen das Corona­virus geimpft werden können, dürfte noch einige Zeit vergehen. Foto: imago/Westend61

Wie reagiert das kindliche Immunsystem auf eine Covid-Impfung? Ein Facharzt erklärt den Nutzen und die Risiken für Kinder.

Krefeld - Noch im Mai will die europäische Arzneimittelbehörde über die Empfehlung zur Zulassung des Impfstoffs von Biontech ab zwölf Jahren entscheiden. Bislang gibt es in der EU für das Vakzin eine Zulassung erst ab 16. Tim Niehues, Chefarzt des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin am Helios-Klinikum Krefeld, über die Vor- und Nachteile von Impfungen bei Kindern.

Herr Niehues, warum darf man 16-Jährige impfen, 15-Jährige aber nicht?

Das ist ein Stück weit willkürlich. Die Studien haben sich zunächst auf die Altersgruppen ab 16 Jahren konzentriert. Tatsächlich können Impfantworten altersabhängig sein, Jüngere könnten weniger gut reagieren. Deswegen muss bei den Jüngeren genau hingeschaut werden.

Die europäische Zulassungsbehörde EMA wertet gerade Daten für Zwölf- bis 15-Jährige aus. Woher stammen die?

Sie kommen von der jeweiligen Firma, in diesem Fall also von Biontech/Pfizer: Es wurden gut 2000 Kinder beobachtet, rund tausend bekamen ein Placebo und rund tausend den Impfstoff. In der Placebo-Gruppe gab es 15 Covid-Fälle, in der anderen keinen. Der Impfstoff wirkt also erfreulicherweise auch bei ihnen. Wichtig wäre es trotzdem, die Daten auch als Studie zu publizieren.

Was ist mit Impfnebenwirkungen bei Kindern?

Diese sind zwar eher nicht zu erwarten, es kann sie aber natürlich geben. Sehr seltene Nebenwirkungen tauchen in einer Studie mit 1000 geimpften Kindern womöglich nicht auf, wohl aber, wenn 14 Millionen Kinder in Deutschland geimpft werden sollten. Wichtig ist daher eine sorgfältige Risiko-Nutzen-Abwägung.

Und der Nutzen ist bei Kindern ja weit geringer. Sie sind durch Corona selbst kaum gefährdet.

Genau. Es gibt aus meiner Sicht keinen Grund, zum jetzigen Zeitpunkt eine Corona-Impfung für alle Kinder unter 16 Jahren zu empfehlen. Hinter uns liegt aber ein Corona-Ausnahmejahr, das hat die Wahrnehmung geprägt. Auf der anderen Seite sind wir Kinderärzte froh, wenn Studiendaten zu Impfungen bei Kindern endlich vorliegen, denn es kann sehr gute Gründe für eine Impfung geben: Wenn ein Kind vorbelastet ist oder Eltern zum Beispiel aus Sorge um andere stark gefährdete Familienmitglieder eine Impfung wünschen.

Was spricht denn gegen eine allgemeine Impfung?

Die Argumentation muss andersherum laufen: Jede Impfung muss medizinisch klar gerechtfertigt sein. Aber wir wissen bislang ja nicht einmal, ob die Impfung bei Kindern eine bessere Immunität bewirkt als eine Infektion. Wir impfen gegen einen wesentlichen Bestandteil des Virus, das Spike-Protein, bei der natürlichen Infektion reagiert das Immunsystem zudem auf einige andere Bestandteile des Virus.

Was ist bei Masern anders, wo es ja quasi eine Impfpflicht gibt?

Die Gefährdung für Kinder durch Masern ist deutlich höher als die durch Covid. Wir wissen, dass etwa zwei Kinder von 1000 Masern-Erkrankten sterben oder eine schwere Behinderung davontragen. Bei Corona liegt die Mortalitätsrate bislang bei geschätzt eins zu zwei Millionen.

Im Zusammenhang mit Corona bei Kindern ist jetzt viel von PIMS die Rede. Wie schlimm ist das?

PIMS oder MIS-C steht für ein Entzündungssyndrom bei Kindern in Zusammenhang mit Covid. Es gab in Deutschland absolut rund 250 Fälle über das gesamte Coronajahr verteilt, und die allermeisten verliefen ohne größere Komplikationen. Wie viele Kinder in dieser Zeit Corona hatten, wissen wir nicht, weil die Infektion gerade bei Kindern oft ohne Symptome abläuft, aber es ist von einer sehr hohen Zahl auszugehen. Daher wissen wir bisher nicht, wie häufig PIMS als Folge von Corona auftritt.

Ein Argument für die Impfung von Kindern ist, dass andere geschützt werden sollen.

Ja, aber gegen Corona können sich Großeltern, Eltern, Lehrer oder Erzieher selbst durch Impfung schützen. Dafür sollten wir den noch immer knappen Impfstoff jetzt nutzen.

Geimpft werden sollen Kinder auch, um zu verhindern, dass sie Infektionen weitertragen.

Für das Narrativ, dass die Kinder die Erwachsenen regelhaft infizieren, die dann erkranken, gibt es keine wissenschaftlichen Belege. Null. Ich finde es skandalös, Kinder und Jugendliche hier als Hauptinfektionstreiber abzustempeln.

Als Gegenargument gilt die hohe Inzidenz bei Schulkindern.

Die Wahrheit ist aber leider komplizierter. Wenn ich mehr teste in einer bestimmten Population, so wie jetzt die Schulkinder, dann finde ich die Positiven natürlich besser und bekomme eine höhere Inzidenz. Das Entscheidende ist doch die Zahl der Infizierten unter den Getesteten. Wie viele der Getesteten sind positiv, und werden es mehr? An dieser Rate lässt sich meines Erachtens aber keine Infektionsdynamik bei Schulkindern feststellen. Nur mit der Inzidenz zu arbeiten führt da in die Irre.