Ein Tausendsassa in Orange: Mit dem „Spätzle-Max“ konnte das schwäbische Nationalgericht im Handumdrehen hergestellt werden. Foto: Michael Saile Fotografie

Der Stolz einer jeden schwäbischen Hausfrau sind gleichmäßig geformte Spätzle. Doch in den 1970er Jahren gelang einer Firma aus Berkheim die gastronomische Sensation: Mit dem „Spätzle-Max“ konnten auch mäßig begabte Kochende die leckeren Teigwaren problemlos und exzellent selbst im Handumdrehen herstellen.

Esslingen - Heute verursacht der Farbton eher Augenschmerzen, doch in den 1970er- Jahren war ein schreiend grelles Orange topmodern. Diesen Trend griff die Berkheimer Firma Julius Glass KG auf, als sie einen praktischen Küchenhelfer zum Herstellen des schwäbischen Nationalgerichts auf den Markt brachte. Der orangefarbene „Spätzle-Max“ ist das Objekt des Monats März und eine Verbeugung vor dem Esslinger Erfindergeist.

Tipps für Köchinnen

Gegendert? Fehlanzeige. In den 1970er Jahren wurde die sprachliche Geschlechter-Gerechtigkeit noch vernachlässigt, und die Gebrauchsanweisung des Herstellers zum „Spätzle-Max“ wandte sich ausdrücklich an Köchinnen. Die glücklichen Besitzerinnen wurden aufgefordert, die Anleitung ganz genau zu studieren, um Besonderheiten zu erkennen. Ganz wichtig dabei: Der „Spätzle-Max“ war keine Presse, sondern eine Maschine zum Schaben der köstlichen Speise. Darum musste der Teig besonders fest sein, denn das Gerät konnte nur dünneren Teig verarbeiten. Dieser dünne Teig wurde in den „Spätzle-Max“ gefüllt, der Kochende setzte ihn an den Rand des Topfes, und nach Vor- und Rückbewegungen des Handgriffs waren die Spätzle fast fertig.

Stimmiges Gewicht

Spätzle im Handumdrehen. Und auch der Stolz der schwäbischen Hausfrau, die gleichmäßige Dicke eines jeden einzelnen Spätzle, konnte maschinell gewährleistet werden. Zu dick geratene Schwergewichte mussten nun nicht mehr von Hand aus dem Kochwasser gefischt und erneut geschabt werden: „Hielt man das Gerät waagrecht, entstanden dünne Exemplare, Je steiler es gehalten wurde, desto dicker wurden die Spätzle, da mehr Teigmasse nachlaufen konnte“, verrät Christian Rilling von den Städtischen Museen Esslingen. Die Funktionsweise war aber nur gewährleistet, wenn die Schneidkante in Wasser eingetaucht wurde, da sich sonst der Teig nicht vom Schaber löste.

Durch das Gerät aus Kunststoff und Metall aber wurden die Spätzle zu Jedermanns Schätzle. Denn auch Kochmuffel mit zwei linken Händen konnten nun das leckere Nationalgericht zaubern. Die Firma Julius Glass KG hatte ihr Ohr eben am Puls der Zeit. Am 8. November 1919 wurde sie ins Handelsregister von Cannstatt eingetragen, erklärt Christian Rilling, und ihr Geschäftsfeld waren die Herstellung und der Vertrieb von Haushalts- und Küchenmaschinen. Kurz vor dem Eintrag hatte der Stuttgarter Kaufmann Julius Glass (1872 bis 1946) in der Cannstatter Straße 68 in Obertürkheim die Arbeit mit fünf Mitarbeitern aufgenommen. Als während der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre die Aufträge ausblieben, stellte er kurzfristig die Produktion ein.

Gerät für Kochmuffel

Wechsel nach Berkheim

Nach dem Zweiten Weltkrieg wechselte der Firmensitz nach Stuttgart-Rohracker, und 1955 wurde der Standort des „Fertigungsbetriebs“ nach Esslingen-Berkheim verlegt: „Neben dem Maschinenbau gehörte nun anscheinend auch die Herstellung von Gussformen zu ihrem Arbeitsbereich.“ Der Besitzer wechselte mehrfach, doch ab den 1970er-Jahren befand sich der Firmensitz in der Jakobstraße 50 in Berkheim. Im Heimatbuch „Berkheim“ von 1982 wird das Unternehmen nicht mehr als aktive Firma geführt. Ende September 1987 stellte es seine Handelstätigkeit ein. Die Löschung aus dem Handelsregister erfolgte dann am 6. April 1988. Zuvor hatte es seinen Firmensitz nach Backnang verlegt, wo es noch heute eine Maschinenbaufirma unter dem Namen des seinerzeitigen Inhabers gibt.

Mehr Infos zu Firmen und Schätzen

Der orangefarbene „Spätzle-Max“ war zwar eine geniale Erfindung. Doch Esslingen, so hat Christian Rilling von den Städtischen Museen herausgefunden, war im 20. Jahrhundert nicht unbedingt für die Herstellung von Haushaltsgeräten bekannt. Dennoch gab es einige Unternehmen, die in dieser Branche aktiv waren. Etwa die Firma Paul KG in Mettingen und später in Zell, die unter dem Markennamen „Mixi“ Küchenmaschinen für den Haushalt produzierte. Oder die Metallwarenfabrik Brenner & Nähter KG in der Schelztorstraße 33, die elektrische Kaffeemühlen unter dem Namen „Südstahl“ herstellte.

Unter dem Titel „Historische Schätze“ stellt die Eßlinger Zeitung Objekte und Neuerwerbungen der Städtischen Museen Esslingen oder auch Schenkungen an die Ausstellungshäuser vor. Zudem werden Schätze aus dem Fundus des Stadtarchivs und des Esslinger Geschichts- und Altertumsvereins präsentiert. Die Objekte sind normalerweise vom ersten Dienstag des Monats an im Gelben Haus am Hafenmarkt zu sehen, doch das Stadtmuseum ist derzeit wegen Corona geschlossen. Mehr dazu steht online unter http://www.museen-esslingen.de/start/gelbes_haus.html