Die entscheidende Sekunde: Das Kreuz auf dem Kirchturm wird abgerissen. Foto: Jörg Bodenhöfer

Das Gotteshaus der Fellbacher Melanchthongemeinde ist dem Erdboden gleichgemacht worden. Stattdessen wird dort eine neue Kita in Holzhybridbauweise errichtet.

Gottesdienste gibt’s in dem Gotteshaus schon seit Jahren nicht mehr. Nun ist auch das Gebäude selbst Geschichte. Die im Südwesten von Fellbach gelegene evangelische Melanchthonkirche ist in den vergangenen Wochen dem Erdboden gleichgemacht worden. Die Experten der Firma Rommel haben auftragsgemäß ganze Arbeit gemacht.

Dass diese Arbeit nicht ganz locker gewesen sein dürfte, darauf deuten schon die beiden Schilder am Bauzaun hin, welche die Fußgänger im Philosophenweg am Weitergehen hinderte: „Betreten der Baustelle verboten – Eltern haften für ihre Kinder“ stand auf dem einen, daneben ein Warnschild mit stoppender Hand und der Aufschrift: „Asbestfasern“.

Erster Gottesdienst vor genau 60 Jahren

Von dem einstigen, architektonisch besonders gestalteten Kirchenschiff und dem weithin sichtbaren, am Fuße des Kappelbergs stehenden Kirchturm ist nur noch Geröll übrig. Ein Schauspiel bot sich in diesen Tagen, das selbst im gesamten Rems-Murr-Kreis nur äußerst selten zu besichtigen ist. Manch einem gläubigen Christen, aber bestimmt auch Menschen aus der Nachbarschaft wie der ganzen Stadt mag das Herz bluten, und sie werden sich mit Wehmut an diese Kirche erinnern. Vor fast exakt 60 Jahren fand der erste Gottesdienst statt in der fertiggestellten Kirche am Philosophenweg folgte ausweislich der Gemeindechronik am 23. Februar 1964.

Der letzte Gottesdienst in der Melanchthonkirche wurde am Ostermontag 2021 gefeiert, unter den Einschränkungen durch die Pandemievorgaben. Man hätte doch „wenigstens den Turm stehen lassen können“, meinte seinerzeit ein Kirchgänger zum Abschied, dieser sei „ein Finger Gottes“ und Wahrzeichen fürs Fellbacher Oberdorf, also den Bereich unterhalb des Kappelbergs.

Entkernung, Asbestsanierung, Abbruch

Vor der aktuellen Entkernung, der Asbestsanierung und dem Abbruch hat die „Ausbeinung“ des Gebäudes schon vor einiger Zeit begonnen. Die Orgel ist mittlerweile in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde im ungarischen Dunaújváros im Einsatz. Und die drei Glocken der Melanchthonkirche konnten Spaziergänger in der Bahnhofstraße im vergangenen September am Himmel über Fellbach besichtigen – in einer spektakulären Aktion wurden die Betglocke, die Kreuzglocke und die Taufglocke per Kran in lichte Höhen gehievt, wo sie in der mit ausreichend Platz ausgestatteten Pauluskirche als Ergänzung zu den bestehenden Glocken eine neue Heimat fanden.

Das Ende der Melanchthongemeinde war durch den Schwund der Mitgliederzahlen offenkundig unvermeidlich, sodass es zur Fusion mit der Lutherkirchen kam. „Beim Bau der Melanchthonkirche hatte die damalige Gesamtkirchengemeinde 18 000 Mitglieder, wovon im Bezirk Melanchthon mehr als 4000 lebten“, warf Pfarrer Julian Scharpf vor einigen Monaten einen Blick zurück auf Anfang der 1960er Jahre und ergänzte: „Heute hat die Evangelische Kirchengemeinde Fellbach noch 7000 Mitglieder, davon 900 in Melanchthon.

„Der Abriss tut weh“, sagt der Pfarrer

Und was sagt Scharpf, der zum evangelischen Pfarramt Fellbach Luther-Melanchthon-Brenz gehört, zum Ende? „Der Abriss der Melanchthonkirche tut weh“, gibt der Pfarrer offen zu. „Zugleich wussten wir schon lange, dass es irgendwann so weit sein wird, und wir hatten eine lange Zeit, um uns als Gemeinde zu verabschieden. Die Momente, die in dieser Kirche erlebt wurden, überdauern den Beton. Die Impulse, die hier gesetzt werden, gehen weiter.“

Er als Pfarrer sei dankbar für die Ehren- und Hauptamtlichen, die das Leben in dieser Kirche jahrzehntelang gestaltet haben. „Ich bin froh, dass das Zusammenwachsen im neuen Gemeindebezirk Luther-Melanchthon so gut und harmonisch funktioniert. Ich freue mich, dass wir unter anderem das Altarkreuz, die charakteristischen bunten Fenster und die Glocken erhalten konnten. So bleibt der Geist der Melanchthonkirche und des Gemeindehauses über diesen Abriss hinaus weiter präsent in Fellbach.“ Nicht zuletzt auch durch den Kindergarten, dessen Trägerschaft der Evangelischer Verein inne haben wird.

Denn der Abriss der Kirche ermöglicht die Errichtung einer neuen, größeren Kindertagesstätte. Die bisherige Kita auf diesem Gelände ist umgezogen: Auf dem Parkplatz beim Max-Graser-Stadion wurde eine Interimseinrichtung geschaffen, in der aktuell mehr als 110 Kinder untergebracht sind, wie es vor ein paar Wochen hieß. Diese Interims-Container werden bis zur Fertigstellung des neuen Kindergartens am Philosophenweg als „Übergangs-Melanchthon“ dienen. Der neue Kindergarten wird in Holz-Hybrid-Bauweise errichtet.

Kurzfilm vom Abriss des Kirchturms

Unser Leser Jörg Bodenhöfer hat die entscheidenden Sekunden des Abrisses des Kreuzes ganz oben an der Kirchturmspitze eingefangen und uns seine Aufnahmen zur Verfügung gestellt.

Video Eine 15-sekündige Sequenz vom Abriss des Turms finden Sie im Bereich Rems-Murr-Kreis unter www.stuttgarter-nachrichten.de.