Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist mit einer Delegation um Bischof Gebhard Fürst nach Polen gereist. Was ihn heute noch mit der Heimat seiner Eltern verbindet: Beim Essen ist er fast mehr Ostpreuße als Schwabe.
Irinas Stimme ist brüchig, bei jedem Satz kämpft die Mutter mit den Tränen, sie schluchzt. Die Ukrainerin erzählt von der Flucht mit ihren beiden Töchtern vor dem russischen Angriffskrieg in ihrer Heimat. Vor ihr sitzt Winfried Kretschmann in der Unterkunft für ukrainische Flüchtlinge im polnischen Allenstein, der baden-württembergische Ministerpräsident hört bewegt zu. „Vielen Dank für Ihre Berichte“, sagt er: „Wir haben gemerkt, wie schwer es Ihnen gefallen ist.“ Kretschmann und Irina verbindet eine ähnliche Geschichte: Die zweite Tochter der Ukrainerin war bei der Flucht im vergangenen Jahr noch ein Säugling – wie Kretschmanns älterer Bruder Winrich, der die Flucht seiner Familie 1945 nicht überlebte.
Bis heute prägt Kretschmann die dramatische Fluchtgeschichte seiner Familie
Kretschmanns Eltern flohen damals mit seinen älteren Geschwistern aus dem ehemaligen Ostpreußen, dem heutigen Ermland in Polen. Die Flucht vor der Roten Armee war nur über ein gefrorenes Haff möglich – eine lebensgefährliche Aktion. Für Kretschmanns Bruder Winrich endet sie tödlich, er wurde nur wenige Monate alt. Der Ministerpräsident vermutet, dass ihm sein Name in Erinnerung an den verstorbenen Bruder gegeben wurde.
Kretschmann hat das alles zwar nicht miterlebt, er wurde erst 1948 in Spaichingen (Kreis Tuttlingen) geboren, doch bis heute prägt den 75-Jährigen die dramatische Fluchtgeschichte seiner Familie. Das wird auch bei seinem Besuch am Wochenende in der alten Heimat seiner Eltern deutlich, als Kretschmann an einem Gedenkstein für ostpreußische Flüchtlinge in Frauenburg zu einer Rede ansetzt. „Ich bin an diesem Ort tief bewegt“, sagt der Ministerpräsident: „Vieles geht mir durch den Kopf.“ Die Gedanken an seine Eltern, seine Geschwister, die Flucht auf dem Eis des gefrorenen Haffs, das sich in Sichtweite am Horizont erstreckt.
Zwei Friedensglocken wurden an Kirchengemeinden in Polen übergeben
Der Grünen-Politiker Kretschmann spricht zu einer Delegation der Diözese Rottenburg-Stuttgart um Bischof Gebhard Fürst und zu Vertretern polnischer Kirchengemeinden. Der eigentliche Anlass der Reise nach Polen ist nicht Kretschmanns Familiengeschichte, sondern das Projekt „Friedensglocken für Europa“, das Bischof Fürst und seine Diözese im Oktober 2021 ins Leben gerufen haben.
Bei dem Projekt geht es um Glocken, die die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg zum Einschmelzen für Waffen und Munition requiriert hatten. Einige davon konnten vor der Vernichtung gerettet werden. Einige der ursprünglich 67 Glocken, die nach Württemberg kamen, fanden bereits den Weg zurück in die Kirchtürme ihrer Heimatgemeinden in Polen oder Tschechien. Weitere sollen folgen.
Zwei solcher Friedensglocken hat die Delegation um den Bischof am Samstag in Polen übergeben. Als bekennender Katholik und Kirchenbeauftragter der Landesregierung wollte der Ministerpräsident bei der Reise ins Ermland unbedingt dabei sein. „Das bedeutet mir außerordentlich viel“, sagt Bischof Fürst über die prominente Begleitung aus der Politik.
Kretschmann ist anders als andere Schwaben kein „Nass-Esser“
Schließlich hat nicht nur das Reiseziel selbst, sondern auch eine der Glocken für Kretschmann persönlich eine ganz besondere Bedeutung. Jene bringt die Delegation nämlich genau an den Ort zurück, in dem die Familie des 75-Jährigen lange gelebt hatte: nach Frauenburg. Sein älterer Bruder Ulrich wurde dort geboren und getauft. „Diese Glocke hat wohl auch bei seiner Taufe geläutet“, sagt Kretschmann mit einer Mischung aus Stolz und Ergriffenheit in der Stimme.
Der Ministerpräsident selbst ist nach eigener Aussage lediglich in einer Sache noch ostpreußisch geprägt: beim Essen. Im Gegensatz zu anderen Schwaben, bei denen stets genügend Soße zum Essen serviert werden sollte, sagt Kretschmann von sich, er sei kein „Nass-Esser“. Wenn er an seine Kindheit zurückdenkt, schwärmt der Ministerpräsident – anstatt von Spätzle – von Salzkartoffeln oder Kartoffelklopsen. Letztere mit Speck und Zwiebeln – das sei „der Hit“ gewesen, sagt er: „Da haben wir uns immer überfressen.“
Kretschmann will sich zur Politik der polnischen Regierung nicht äußern
Für den Ministerpräsidenten ist diese Reise nach Polen eine Herzensangelegenheit. Immer wieder betont er, wie glücklich er darüber ist, dass die Deutschen und die Polen heute so gute Nachbarn und Freunde seien. Wer hätte diese Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Leid, das die Nationalsozialisten über das Nachbarland gebracht haben, erwartet? Doch auf der Ebene, auf der Kretschmann sonst unterwegs ist, ist die Situation keineswegs so rosig wie auf dieser Reise: Politisch ist die Lage zwischen den beiden Ländern angespannt. Die rechts-populistische Regierungspartei PiS setzt beim Stimmenfang für die diesjährigen Wahlen auf deutschfeindliche Töne.
Zuletzt löste der von Polen abgelehnte EU-Asylkompromiss einen erneuten verbalen Angriff in Richtung Deutschland aus. Was Solidarität sei, werde den Polen niemand erklären, „schon gar nicht die Deutschen“, polterte Regierungschef Mateusz Morawiecki. Kretschmann selbst verteidigt den Kompromiss. Dass er als überzeugter Europäer von den nationalistischen Tendenzen der polnischen Regierung nicht begeistert ist, davon kann man ausgehen. Doch sich dazu offiziell zu positionieren ist heikel, die Außenpolitik sei nicht sein Aufgabengebiet, sagt Kretschmann auf Nachfrage, da sei er als Ministerpräsident zu weit entfernt.
„Zwischen Frieden und Krieg liegt eine Sekunde“
Er lenkt den Blick lieber auf das, was die beiden Nachbarn verbindet: etwa die unglaubliche Gastfreundschaft der Polen, die er immer wieder erlebe und die ihn beeindrucke. „Keine Regierungspropaganda kann diese Beziehung zu Deutschland zerstören“, sagt auch Wiktor Marek Leyk. Der Bevollmächtigte des Marschalls von Ermland-Masuren für Minderheitenfragen hält wie Kretschmann eine Rede am Denkmal für die ostpreußischen Flüchtlinge. Eine, die bei den Zuhörenden unter die Haut geht, Gänsehaut verursacht – am Ende kann Leyk selbst die Tränen nicht zurückhalten.
„Zwischen Frieden und Krieg liegt eine Sekunde“, mahnt er in Gedanken an seine Mutter: Als Schülerin habe sie in den Sommerferien 1939 eigentlich ihre besten Tage erlebt. Doch dann fielen die ersten Bomben auf Polen – und ihr Leben änderte sich schlagartig von einem auf den anderen Tag. Heute sei Deutschland für Polen „der beste Nachbar“, betont Leyk. Im Gegensatz zur Regierung sähe das die Mehrheit der Polen so, sagt er. „Unsere Bevölkerung hat eine andere Meinung als die Regierung.“ Das passt zum Bild, das sich Kretschmann auch am Wochenende bestätigt hat.
Kretschmann zitiert aus Schillers Gedicht „Das Lied von der Glocke“
Die Friedensglocken sind nur ein Baustein von vielen in der deutsch-polnischen Freundschaft, aber einer mit großer Symbolkraft. Bei der Übergabe erwähnt Kretschmann deshalb immer auch die Ukrainerinnen und Ukrainer, die aktuell den Frieden in Europa verteidigen. Seine Rede schließt er mit dem letzten Absatz von Friedrich Schillers Gedicht „Das Lied von der Glocke“: „Sie bewegt sich, schwebt. Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst Geläute.“ Mit der Friedensglocke schwingt auch die Hoffnung mit, dass Irina und ihre mittlerweile eineinhalbjährige Tochter bald wieder in ihre Heimat zurückkehren können.