Das historische Foto zeigt die Eröffnung der Bahnüberführung in Zell. Foto: Roberto Bulgrin

Mitglieder der Geschichtswerkstatt des Esslinger Teilorts Zell haben ein Buch herausgebracht. Darin sind Geschichte über Land und Leute gebündelt.

Esslingen - Eins, zwei, drei! Im Sauseschritt läuft die Zeit, und Zell läuft mit. So haben die Macher der Geschichtswerkstatt von Zell am Neckar ihr neustes Werk überschrieben. In dem Heft haben sie auf 80 Seiten „Geschichten über Land und Leute“ zusammengetragen. Die erste und einzige Kritik sei gleich vorangestellt: Der Titel des Büchleins mag sich reimen, doch führt er in die Irre. Nimmt man das Heft zur Hand, dann läuft weder Zell, und schon gar nicht die Zeit im Sauseschritt. Es ist gerade umgekehrt. Bei der Lektüre der 39 Kapitel scheint dem aufmerksamen Leser, als würde die Zeit stehen bleiben.

Das liegt daran, dass das Autorenteam um Hans-Joachim Bosse darauf verzichtet hat, Zahlen und Daten aneinander zu reihen. Bewusst haben der Leiter der Zeller Geschichtswerkstatt und seine Mitstreiter die kleinen Geschichten am Rand der großen Zeitläufe aufgeschrieben. „Wir wollten nicht das Heimatbuch der Gemeinde Zell fortschreiben. Für uns stand nicht der Posidonienschiefer im Mittelpunkt, sondern die Menschen, die hier leben und gelebt haben“, sagt Bosse.

Buch spannt Bogen in Jetztzeit

Ganz nebenbei hilft der mitunter subjektive Blick auf die jüngere Vergangenheit auch, den Blick für die Herausforderungen der Gegenwart zu schärfen. So ist das Zitat eines alt eingesessenen Zeller Bürgers, „Fir dia Flichtleng mach i nix, dia kennet doch et zahla“, nicht etwa einer Unterhaltung der Gegenwart abgelauscht, sondern dem Handwerker-Stammtisch im Ochsen in den frühen 1950er-Jahren. Damals hatten die in der kleinen Gemeinde gestrandeten Kriegsflüchtlinge und Vertriebenen gerade begonnen, sich die ersten kleinen Häuschen zu bauen, finanziert aus Mitteln des Lastenausgleichs. Da ist es nur konsequent, dass die Buchautoren nicht nur beschreiben, wie die Menschen aus Pommern und Schlesien nach ihren zum Teil traumatischen Fluchterlebnissen im Schwäbischen Fuß gefasst haben, sondern den Bogen schlagen über die frühen Gastarbeiterfamilien bis hin zu den Flüchtlingen aus den syrischen Kriegsgebieten, die jetzt in dem Esslinger Teilort gestrandet sind.

In engem Zusammenhang mit Vertreibung und Flucht steht auch die Geschichte der Kirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit in Zell. Das am 12. März 1967 geweihte Gotteshaus ist streng genommen eine Kriegsfolge, brachten doch erst die Flüchtlinge den Katholizismus in das vormals beinahe ausschließlich protestantisch geprägte Dorf. Immerhin zählte die katholische Kirchengemeinde zu Beginn der 60er-Jahre rund 1000 Mitglieder, bei einer Einwohnerzahl von 4000.

Geschichten aus dem Vereinsleben

Auch das Zeller Vereinsleben kommt in dem Büchlein nicht zu kurz. Neben einer eher summarischen Abhandlung ist dem bekanntesten Zeller Sportler, dem Langstreckenläufer Otto Eitel, ein eigenes Kapitel gewidmet. Der „schwäbische Nurmi“, zwischen den Jahren 1940 und 1949 mehrfacher deutscher Meister über 5000 Meter und 10.000 Meter, war auch ein herausragender Handballer. Davon zeugt ein deutscher Vizemeistertitel im Trikot des Turn- und Sportvereins Esslingen.

Zur Geschichte zählt inzwischen auch der letztlich erfolgreiche Kampf gegen den vom Landkreis Esslingen geplanten Bau einer Müllverbrennungsanlage im benachbarten Sirnau. Die Zeller hatten sich in den 80er-Jahren in die Reihen der Gegner eingereiht und verhindert, dass der Koloss vor ihrer Haustüre gebaut wurde.

Das Büchlein enthält eine Reihe von historischen Aufnahmen und ist in einer ersten Auflage von 300 Exemplaren gedruckt worden. Es ist gegen eine Spende von drei Euro bei der Zeller Niederlassung der Plochinger Bank in der Bachstraße 5 zu bekommen.

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