In den Hessigheimer Felsengärten (Kreis Ludwigsburg) wird nicht nur viel geklettert, sondern seit der Coronapandemie auch gepicknickt und gewandert. Auch dadurch hat sich das Aufgabengebiet der Bergwacht, die nach fast sechsjähriger Pause wieder regelmäßig vor Ort sein will, verändert.
Sechs Jahre ist es her, da musste die Bergrettung Unterland den Dienstposten an den Hessigheimer Felsengärten dichtmachen. „Wir waren nicht mehr dienstfähig, nachdem zahlreiche Mitglieder ausgetreten sind“, sagt Leiter Manfred Hormann. Nun, sechs Jahre später, sieht es so aus, als ob man den Bereitschaftsdienst an den Wochenenden vom Sommer an wieder regelmäßig stellen kann. Aktuell ist das Haus der Bergwacht nur sporadisch besetzt, was gerade beim Thema Naturschutz suboptimal ist. Denn der Naturschutz ist für die Bergwacht inzwischen sogar wichtiger als die Notfallrettung.
Spürbarer Wandel im Laufe der Zeit Vor fast 50 Jahren gegründet, hat die Bergwacht Unterland mit ihrer Dienststelle in den Felsengärten in den vergangenen Jahrzehnten schon einige Veränderungen erlebt. Während das Hauptaugenmerk anfangs noch auf den Rettungen lag, so hat sich dies inzwischen gewandelt. Denn: Durchschnittlich gab es in den Felsengärten im Jahr zwei Unfälle – einen am Wochenende, einen unter der Woche. Da man unter der Woche ja nicht vor Ort war, wurde die Notfallrettung Ludwigsburg eingebunden – und die Bergwacht hat sich dafür immer mehr dem Erhalt des Naturschutzgebiets verschrieben. Für das Regierungspräsidium, das Landratsamt Ludwigsburg als untere Naturschutzbehörde und die Gemeinde war die Bergwacht stets erster Ansprechpartner. Bis vor sechs Jahren waren die ehrenamtlichen Mitglieder deshalb stets an den Wochenenden vor Ort. Umso saurer stieß den Rettern dann auf, als vor einigen Jahren eine Stele zur „schönsten Weinsicht“ ohne ihr Wissen mitten im Gebiet aufgestellt wurde. „Durch diese Aktion war die Motivation bei den Leuten weg“, sagt Manfred Hormann. Die Folge: Zahlreiche Mitglieder traten aus, die Bergwacht in den Felsengärten war nicht mehr dienstfähig. Im Jahr 2016 wurden die Läden dichtgemacht.
Ein Neuanfang steht bevor Vor rund eineinhalb Jahren hat die Bergwacht ihre Arbeit in Hessigheim – wenn auch erst einmal unregelmäßig – wieder aufgenommen. Möglich war dies, da seit Oktober 2020 zwölf neue Mitglieder in den Verein eingetreten sind. Einige von ihnen befinden sich momentan in der Grundlagenprüfung. Sobald sie diese abgeschlossen haben, kann es richtig losgehen. Denn insgesamt stehen der Bergwacht nun neben den zwölf Anwärtern noch zwölf ehemalige Aktive, alle professionell ausgebildet, zur Verfügung. „Wir beabsichtigen, die Dienststelle ab dem Sommer wieder zu aktivieren. Dann werden an den Wochenenden wieder jeweils zwei Leute vor Ort sein“, erklärt Hormann. Bereits seit 2021 kümmert sich die Gruppe zu 50 Prozent wieder um den Naturschutz. Die restlichen 50 Prozent vergibt das Regierungspräsidium. Zuvor hatten sie alle Arbeiten zwei Jahre lang zu 100 Prozent vergeben.
Trampelpfade und Pflegemaßnahmen „Das Naturschutzgebiet lag zuletzt etwas verwaist da“, sagt der Leiter der Bergwacht. Ein großes Problem vor allem: Trampelpfade, die durchs ganze Gebiet führten. „Dabei ist es im Naturschutzgebiet nicht zulässig, abseits der Wege zu laufen.“ Zusammen mit dem Regierungspräsidium, der Gemeinde, dem Landratsamt, dem Verband Region Stuttgart und dem Deutschen Alpenverein hat man sich deshalb bei der Öffnung nach Corona für einen Einbahnstraßenweg entschieden. Die Trampelpfade wurden mit Baumstämmen und Steinmauern dichtgemacht, Wegbegrenzungen wurden eingezogen und Schilder angebracht. Außerdem wurden alle Magerrasenflächen, auf denen Pilze und Moos wachsen, unzugänglich gemacht. All diese Neuerungen sollen helfen, das Gebiet wieder mehr zu schützen. In den Griff kriegen möchte die Bergwacht in naher Zukunft auch den wilden Wuchs der schwedischen Goldrute. Die Pflanze überwuchert immer mehr die heimischen Gewächse, was zum Problem wird. „Durch die Samen verteilt sich die Pflanze“, sagt Manfred Hormann. Das Besondere: Das Grün muss auf den Sondermüll gebracht werden.
Besucherzahlen vor und nach Corona In Hochzeiten der Coronapandemie wurde das Gebiet rund um die Hessigheimer Felsengärten komplett gesperrt. Erst seit Ende 2021 ist alles wieder zugänglich. Seitdem hat sich die Zahl der Besucher – egal ob Ausflügler oder Kletterer – stetig nach oben entwickelt. Jedoch „kommen allgemein weniger Leute als noch vor Corona“, sagt der Bergwachtleiter, der jedoch ein anderes Nutzungsverhalten bei den Leuten ausgemacht hat. Zwar würden noch viele Leute in den Felsengärten spazieren, wandern oder klettern gehen. Die Zahl der „Picknicker“ habe aber extrem zugenommen. „So etwas gab es vor Corona nicht. Jetzt ist es an der Tagesordnung, dass man hier Leute mit Picknickdecken und Essen sieht“, sagt der 66-Jährige. Stören tut ihn das nicht. Die Leute verhielten sich anständig und würden auch ihre Sachen wieder mitnehmen. An guten Tagen zählt er schon einmal bis zu 800 Spaziergänger, Wanderer und Picknicker. Zum Vergleich: An einem guten Wochenende verausgaben sich rund 150 Kletterer an den schroffen Muschelkalkfelsen.
Vandalismus und Müll Vor einiger Zeit wurden Teile der Felsen mit Graffiti beschmiert, die Sportkletterer selbst nahmen sich der Sache an und entfernten die bunten Schriftzüge wieder. Manfred Hormann hofft, dass dies ein Einzelfall bleibt. Alles in allem würden sich die Besucher in dem Gebiet gesittet verhalten. Auch mit liegen gelassenem Müll habe man nur wenig Probleme. Jedoch ist ihm bis heute die Toilettenproblematik ein Dorn im Auge. Die Leute müssen zur Felsengartenkellerei laufen, um ein stilles Örtchen zu finden. „Das machen aber doch nur die Wenigsten.“ Eine andere Lösung ist jedoch nicht in Sicht.
Die Bergwacht Unterland
wurde 1973 gegründet und feiert im kommenden Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Gegründet wurde sie aufgrund eines Todesfalls 1972. Seitdem ist in den Hessigheimer Felsengärten niemand mehr zu Tode gekommen. Zuvor gab es etwa alle zwei Jahre einen Todesfall. Jedoch hatte es die Bergwacht in den 70er Jahren noch mit zahlreichen Schwerverletzten zu tun. „In einem Jahr hatten wir acht Abtransporte“, berichtet Manfred Hormann, der seit der ersten Stunde mit dabei ist. In den vergangenen Jahren wurden aber auch diese weniger, was vor allem damit zu tun hat, dass rund 80 Prozent der Kletterer Mitglieder im Deutschen Alpenverein sind und sich auskennen, wie Hormann sagt. Sie würden die Felsengärten zur Vorbereitung auf Bergtouren nutzen.
In den vergangenen 18 Monaten
gab es zwei Unfälle in den Felsengärten. Im Mai 2021, als ein Kletterer sieben Meter die Wand hinab stürzte, half die Feuerwehr dem Verletzten. Beim anderen Unfall trugen die Kletterer den Verletzten zum Rettungsdienst. Insgesamt habe man in den vergangenen 40 Jahren niemanden aus der Wand holen müssen, alles waren „Boden-Rettungen“, so Hormann.