Reiner Jocher mit seinen Fingerkronen: Damit bleiben die Finger bei der Küchenarbeit sauber. Foto: Tilmann Ehrcke

Kreisgabel, Grillrost, Schlüsselbund: Reiner Jocher aus Aidlingen tüftelt scheinbar pausenlos daran, den Alltag leichter zu machen. Mit Begeisterung und Erfolg. Auch Frauen mit langen Fingernägeln dürfen hoffen.

Reiner Jocher ist ein vielseitig talentierter Mann. Früher als kreativer Kopf bei Daimler in Sindelfingen für die Entwicklung der Außenbeleuchtung aller Baureihen mit dem berühmten Stern zuständig, heute in eigener Mission für alle Dinge des Alltags, die ihm verbesserungswürdig erscheinen. Und davon gebe es so einiges, erklärt der inzwischen pensionierte Techniker für Karosserie- und Fahrzeugbau.

Vom Lehrling zum Projektleter

Bereits sein Vater arbeitete im Presswerk, als er 1967 seine Karriere mit einer Lehre als Feinblechner startete und sich kontinuierlich zum Projektleiter (ab 2002) für „Lichttechnologien der Zukunft“ emporarbeitete. Er war in der Abteilung Forschung und Design angekommen und befand sich nun genau an der richtigen Stelle, um seine Talente gebührend zur Geltung bringen. Zusammen mit acht hoch motivierten Mitarbeitern haben sie für alle Baureihen die Außenbeleuchtung entwickelt, bearbeitet und erprobt. „Dies ging vom leeren weißen Blatt bis zur Serienreife, also vom Design bis zum fertigen Strahler im Straßenverkehr“ erzählt er.

Dabei hatten sie oft komplizierte Sachverhalte zu lösen, bevor das Scheinwerferglas mit seiner drei Punktebefestigung fest in der Karosserie saß. Ganze 196 Patente wurden in seiner Zeit für Daimler angemeldet, die aus seinem Team hervor gegangen waren. An das erste, eine Kunststoff- Gewinde-Schraube erinnert sich Reiner Jocher noch genau, „mit ihr konnten die Scheinwerfer in alle Richtungen karosserieseitig verstellt werden“. Diese Ausführung wurde später in vielen anderen Fahrzeugen, auch in anderen Materialien, übernommen.

Nie mehr fettige Finger

2007 geht er in Frühpension, macht sich selbstständig und tüftelt seither im privaten Bereich weiter. Ihn störe grundsätzlich alles Fettige und Klebrige an den Fingern, insbesondere bei der Küchenarbeit. „Das muss besser gehen“, meint der pfiffige Perfektionist und trifft mit seinen „Fingerkronen“, mehreren ineinander steckenden 3D-Druckerteilen, genau ins Schwarze. Sie lassen sich beliebig ganz einfach über die Fingerkuppen stülpen. Diese smarten Küchenhilfen erlaube ein wirkungsvolleres Zupacken und Verarbeiten des Grillguts ohne sich die Finger fettig zu machen, erklärt der Erfinder.

Eine clevere Marketingstrategie sei im Hinblick auf die EM in diesem Jahr, seine „Fingerkronen“ als Fanartikel in den Farben Schwarz, Rot, Gold auf dem Markt anzubieten. Damit war er Ende Oktober auf der Erfindermesse in Nürnberg vertreten und errang aus dem Stegreif die Bronzemedaille. Mit im Gepäck hatte er seine gebogene „Kreisgabel“ mit unterschiedlich langen Gabelzinken zum besseren Anheben und Drehen von Fleisch und Würstchen. „Das ist das perfekte Grillwerkzeug zum schnellen Drehen von ganz vielen Würsten in der Halbzeitpause“, verrät Reiner Jocher.

Die Resonanz war groß. In einem Fernsehbericht von MDR- Thüringen bedauerte man, dass so eine brillante Idee nicht aus Thüringen gekommen sei, was wegen der Würstchen nahe läge. Noch heute amüsiert sich Reiner Jocher darüber, dass man ihn bat, nichts zu sprechen, damit sein Schwäbisch nicht zum Vorschein käme. Während für die „Fingerkronen“ drei Firmen Interesse bekundet hätten, sei die „Kreisgabel“ bereits in Serie gegangen und wird vermarktet.

In vier Stufen zur Erfindung

An die zehn Patente hat der Erfinder im Laufe der Jahre privat angemeldet, der beim Erfinden nach seiner „Vier-Stufen-Technik“ vorgeht. Die erste Stufe besteht im Erkennen einer Problemlage samt Erstellen einer Skizze, aus der ein Provisorium hervor geht. Im zweiten Arbeitsschritt überprüft, verbessert und überarbeitet er das Ganze, um ein stimmiges Gesamtkonzept zu erstellen. Wenn ihn das Ergebnis glücklich stimmt, geht die Erfindung in Serie, um anschließend gleich in anderen Varianten und in anderen Materialien vermarktet zu werden. Gleichzeitig kleidet er für den Patentanwalt in München sein Werk in Worte. Das muss sein, wegen der Urheberrechte, die ihn als geistigen Vater ausweisen. Der Anwalt wiederum übersetzt Jochers Worte in feinstes „Patentanwaltdeutsch“ und dann heißt es: „Warten auf die Patenturkunde, was manchmal gute zwei Jahre ausmacht“.

Die Liebe zur Perle des Heckengäus bleibt

Den Großteil seines Lebens verbrachte Reiner Jocher in Aidlingen. Seine Tochter lebt noch immer hier. Die Besuche bei ihr und deren Familie genießt er sehr. Er schwärmt von den „lauschigen Ecken“ im Ort und dem Ausblick vom evangelischen Kirchturm auf Aidlingen, die „Perle des Heckengäus“. Doch 2016 zog er in den Kreis Göppingen. Nach dem Tod seiner Frau 2011 stellte Reiner Jocher fest, dass das Alleinleben im großen Haus mit Garten nicht das Richtige ist für ihn im Alter. Mit seiner Lebensgefährtin Ute verschlägt es ihn nach Ebersbach/Fils. Dort, mit einem weiten Blick in die Natur und die „ganze Welt“ fühlt er sich „pudelwohl.

Doch Reiner Jocher wäre nicht Erfinder, wenn nicht längst neue Projekte in seinem Kopf wären. Aktuell tüftelt er an einem Schlüsselbund, der sich durch Drücken öffnen lässt. „Für Frauen mit langen Fingernägeln“. Und, wie kann es anders sein, an einem Grillrost, bei dem nichts mehr durch die Ritzen fällt. Und auch für den Löffel im Honig muss es noch was Besseres geben.