Mit Hubschrauber und Rettungswagen mussten vier Schwerstkranke vom Nürtinger Krankenhaus nach Esslingen und Tübingen verlegt werden. Foto: SDMG/Boehmler

Wenn die Kapazitäten für die Versorgung schwerstkranker Corona-Patienten im Landkreis nicht mehr ausreichen, will das Landratsamt in der Landesmesse eine Notklinik mit bis zu 300 Betten schaffen.

Kreis Esslingen - Die Medius Klinik in Nürtingen stand am Freitag bundesweit in den Schlagzeilen. Als eines der ersten Krankenhäuser in Baden-Württemberg musste man vier schwerstekranke Corona-Patienten verlegen, weil nicht mehr genügend Beatmungsgeräte für die Intensivbehandlung zur Verfügung standen. Der Krisenstab des Landratsamtes hat diesen Notfall zum Anlass genommen, Pläne zu entwickeln, wie man eine Halle der Landesmesse auf den Fildern in ein Notkrankenhaus umwandeln kann. Geplant seien dort 200 bis 300 Betten, teilte Peter Keck, der Sprecher des Landratsamtes, am Freitagnachmittag mit. Schon tags zuvor war Landrat Heinz Eininger aufgrund der dramatischen Situation in Nürtingen mit einer solchen Idee an die Öffentlichkeit gegangen (die EZ berichtete). Die Kreisverwaltung sei dazu derzeit mit der Landesmesse, den Maltesern, den Kreisärzteschaften und der Ärztekammer im Gespräch, so Keck. Einbezogen in die Gespräche sind auch die Medius Kliniken.

Dramatische Lage

Die Kliniken im Kreis Esslingen, wozu neben den drei Krankenhäuser des Landkreises in Ostfildern-Ruit, Nürtingen und Kirchheim auch das Städtische Klinikum Esslingen und die Filderklinik in Filderstadt gehören, seien derzeit noch in der Lage Patienten aufzunehmen. „Die Einrichtung auf der Messe soll erst dann in Betrieb gehen, wenn die Kapazitäten in den Kliniken im Landkreis ausgeschöpft sind und der unbedingte Bedarf nach einem Notkrankenhaus besteht“, heißt es in einer Pressemitteilung des Landkreises. „Alle Beteiligten tragen Sorge dafür, dass die Vorbereitungen zügig voran gehen, so dass keine Verzögerungen im Falle des notwendigen Betriebs eintreten.“

In der Medius Klinik in Nürtingen bekam man schon mal einen Vorgeschmack darauf, wie ernst die Situation werden kann. „Die Lage hatte sich dramatisch zugespitzt“, berichtet Tanja Kühbacher, Chefärztin der Inneren Abteilung, im EZ-Gespräch. Von 44 Infizierten habe man zehn künstlich beatmen müssen. Dazu habe man weitere 18 Verdachtsfälle stationär versorgen müssen. Weil man vier weitere Patienten mit anderen Erkrankungen ebenfalls beatmen musste, sei es zu einer Notsituation gekommen. Zwei Corona-Kranke seien nach Tübingen gekommen, zwei weitere ins Städtische Klinikum Esslingen. Die verlegten Patienten seien zwischen 36 und 60 Jahre alt, so die Chefärztin. Diese Fälle seien ein weiterer Beleg dafür, dass längst nicht nur alte Menschen mit Vorerkrankungen bei einer Infektion unter schwersten Folgen leiden können.

Am Freitag waren laut Kühbacher in Nürtingen 42 Corona-Patienten in stationärer Behandlung, davon acht in Intensivpflege. Bei sieben mussten Beatmungsgeräte eingesetzt werden.

94 Menschen genesen

Aktuelle Zahlen aus den anderen Medius Kliniken konnte das Landratsamt am Freitag nicht vorlegen. Die Gesamtzahl der amtlich bestätigten, positiv auf den Coronavirus (SARS-CoV-2) getestete Einwohner lag nach Angaben von Peter Keck am Freitagvormittag bei 681, tags zuvor waren es noch 608 gewesen. Das bedeute innerhalb eines Tages eine Steigerungsrate von zwölf Prozent. Damit liege man unterhalb des Bundes- und Landestrends, der sich zwischen 16 und 19 Prozent bewege. Statistisch errechnet sich daraus für den Landkreis Esslingen eine Inzidenz von 127,3 Menschen pro 100 000 Einwohner. An Covid-19 sind laut Keck bisher sechs Menschen gestorben. Dem gegenüber stehen 94 genesene Personen.

Wie viele andere Mediziner bundesweit klagt die Nürtinger Chefärztin Tanja Kühbacher über einen „absoluten Mangel an Ressourcen“. Vor allem bei der Beschaffung von Schutzkleidung lasse der Bund die Krankenhäuser im Regen stehen. Dennoch gab sich die Medizinerin zuversichtlich. Es gebe genügend Beatmungsgeräte im Land. In den Krankenhäusern im Landkreis stehen derzeit 121 solcher Geräte zur Verfügung. Von einer Lockerung der Kontaktbeschränkungen rät Kühbacher aber dringend ab. Das sei noch viel zu früh. Die Medizinerin appelliert stattdessen an die Menschen: „Bleiben Sie weiter zuhause.“ Ein großes Lob spricht Kühbacher allen Ärztekollegen, Pflegern, Rettungskräften und ambulanten Notdiensten aus. Sie machten einen tollen Job und sorgten dafür, dass sich die Kliniken auf die schweren Fälle konzentrieren können.

Aus dem Städtischen Klinikum Esslingen meldete Geschäftsführer Matthias Ziegler am Freitag 15 bestätigte Corona-Fälle. Davon seien fünf in Intensivbehandlung. Hinzu kämen rund 15 Verdachtsfälle. Die Lage beurteilt Ziegler als „angespannt, aber unter Kontrolle“. Bei der Schutzkleidung gebe es aktuell keinen akuten Versorgungsengpass. Nächste und vermutlich auch übernächste Woche komme man mit den vorhandenen Schutzmasken und -kitteln noch über die Runden. „Aber wir sind ständig auf der Suche nach Nachschub.“

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