Das Glockenspiel im Alten Rathaus Esslingen ist besonders gut erhalten. Foto: Diana Birk - Diana Birk

Im Liegestuhl Platz nehmen, den Blick auf das Alte Rathaus gerichtet und Ohren auf: Das internationale Glockenspielfestival „Turm und Klang“ lockte am Wochenende viele Besucher auf den Esslinger Rathausplatz, wo außergewöhnliches Geläut von unterschiedlichen Künstlern zu hören war.

EsslingenDurch die ganze Stadt hallen verspielte Glockentöne, die die Menschen in Esslingen aufhorchen lassen. Das Glockenspiel weicht vom gewohnten Läuten ab, das sonst alle fünfzehn Minuten über der Stadt erklingt und die aktuelle Uhrzeit ankündigt. Esslinger und Besucher flanieren durch die Altstadt, bleiben stehen, horchen. Auf dem Weg zum Rathausplatz eröffnet sich den Neugierigen eine Kulisse, bestehend aus zahlreichen Zuschauern, die es sich auf Liegestühlen, Hockern und sogar auf dem Pflasterstein gemütlich gemacht haben. Die Cafés am Rathausplatz sind sehr gut besucht. Alle Stühle sind mit Blick auf das Alte Rathaus gerichtet. Allesamt schauen sie hinauf zum Ursprung dieser in den Bann ziehenden Glockenmusik. Das Publikum spricht nicht, sondern hört zu, genießt, macht hier und da ein kleines Erinnerungsvideo auf dem Smartphone.

Das internationale Glockenspielfestival „Turm und Klang“ war nach seinem Debüt im Jahr 2017 dieses Wochenende wieder ein voller Erfolg. Zahlreiche Esslinger und Besucher ließen sich von den mal fröhlichen und heiteren, mal melancholischen Tönen begeistern. Dominique Caina, Kulturmanagerin im Kulturamt Esslingen und Projektleiterin von „Turm und Klang“, freut sich, wie gut die Musik in Esslingen ankam. „Den Leuten gefällt es sehr. Dieses Wochenende ist ideal, weil es mit der langen Einkaufsnacht ,ES funkelt’ und dem Tag des offenen Denkmals zusammenfällt, da ist viel Umlauf. Sitzmöglichkeiten, wie die Liegestühle kommen, auch sehr gut an, da man lange nach oben schaut und es sonst schnell im Nacken schmerzt.“

Ob das Festival in der Stadt am Neckar gut ankommen werde, darüber habe sich Dominique Caina keine großen Sorgen gemacht. „Es ist sehr schön zu sehen, dass es hier eine große Ausprobiertoleranz beim Publikum gibt.“

Die Auswahl der Künstler erfolgte durch die künstlerische Leiterin und Initiatorin Ekaterina Porizko. „Wir wünschen uns eine gute Mischung aus nationalen und internationalen Künstlern, denn jeder bringt seinen ganz eigenen Stil mit“, erklärt Dominique Caina. „Auch der Bezug zur Region soll nicht fehlen. So ist zum Beispiel auch Eckhart Hirschmann, der Glöckner von Esslingen unter den diesjährigen Künstlern.“ Weitere Glockenspieler stammten aus Russland und Belgien. „Im Baltikum und in den Benelux-Staaten hat das Glockenspiel eine sehr alte Tradition.“

Ekaterina Porizko, gebürtige Russin, war es auch, die das Festival mit ihrer Darbietung eröffnete. Die Glockenspielmusik von Porizko trägt Erinnerungen mit sich. Erinnerungen an die Heimat, an Momente starker Emotion. Das Alte Rathaus mit seinen goldenen Ziffernblättern und Uhrzeigern, seiner roten Fassade, passte in seiner verspielten Architektur hervorragend zum alten, traditionellen Glockenspiel. Diese Tradition findet sich auch in Esslingen, wie Dominique Caina weiß. „Mein Opa hat schon für das Glockenspiel hier gespendet. So eine alte, traditionelle Verbindung der Esslinger mit dem Instrument ist also da.“

Besonders an dem Esslinger Glockenspiel sei auch, dass es sehr gut erhalten sei. Seit bereits vielen Jahren werde es von regionalen Glockenspielern gepflegt, nicht zuletzt von Eckhart Hirschmann. Das Instrument stellt außerdem einen deutschlandweiten Rekord auf: über 500 Arrangements wurden für das Esslinger Glockenspiel mit nur 29 Klängen umgeschrieben und neu arrangiert. Auch Hirschmann bot für die Esslinger am Sonntag eine aufregende Darbietung an dem Klanginstrument.

In insgesamt sechs halbstündigen Konzerten performten nationale und internationale Künstler ihre unvergessliche Musik an den 29 Glocken des Esslinger Rathausturms. Das spätsommerliche Wochenende konnte so in vollen Zügen genossen werden. „Auch unsere Logo- und Plakatfarben sollen mit den Rot- und Orangetönen an den Spätsommer erinnern“, erklärt Caina.

Das älteste und lauteste Instrument der Stadt gerate immer mal in Vergessenheit, erzählt Caina. Die Esslinger seien aber begeistert zu hören, was in ihm stecke. Schön zu beobachten sei auch, wie viele unterschiedliche Menschen an dem Wochenende auf dem Rathausplatz zusammen kamen. „Die Esslinger Stadtgesellschaft ist sehr divers“, so Caina. „Genau diese Diversität möchten wir auch in den Kulturveranstaltungen abbilden. Als Kulturamt versuchen wir nicht nur ein bestimmtes Klientel zu bedienen.“ Es sei wichtig Kultur für alle zu zeigen, denn nur so könne sich auch jeder wieder in ihr finden. „Es öffnet Menschen für Neues.“

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