Die Esslingerin Angelina Haug kämpft für neue Wohnformen. Auf Garagen und Flachdächern sollen nach ihrer Vorstellung Wohneinheiten für ein bis zwei Personen entstehen. Ein Reporterteam des ZDF begleitet ihr Engagement.
Esslingen - Sie bleibt am Ball. Angelina Haug befürchtet, bald ihre Mietwohnung in Esslingen verlassen zu müssen. Das Haus werde umfassend saniert, sagt sie. Dass sie sich nach der Sanierung die Miete noch leisten kann, das glaubt die 38-Jährige nicht. Nun kämpft sie dafür, dass auf bislang ungenutzten Flächen in der Stadt neuer Wohnraum entsteht. Viele Esslinger könnten mit ihren Vorschlägen bislang noch nicht viel anfangen, räumt Haug ein. „Es ist herausfordernd, sich vorzustellen, wie eine mit einem Wohnmodul überbaute Garage aussehen könnte, wenn man das noch nie gesehen hat“, sagt die Theaterpädagogin.
Um möglichst viele Menschen für ihre Ideen zu gewinnen, hat sie sich in den vergangenen Monaten ein großes Netzwerk geschaffen. Ein Reporterteam der ZDF-Sendung „37 Grad“ begleitet die Esslingerin auf ihrem Weg. Ausgestrahlt werden soll die Sendung Anfang kommenden Jahres.
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Die Situation auf dem Wohnungsmarkt ist in der Region Stuttgart seit Jahren angespannt. Bislang setzten die Kommunen vor allem darauf, Baulücken zu schließen und neue Baugebiete in den Randlagen der Städte auszuweisen. Haug würde gerne einen dritten Ansatz verfolgen. Sie möchte auf kleinen Flächen von etwa 30 Quadratmetern Wohnraum für ein bis zwei Personen in Modularbauweise gewinnen. Ein Beispiel für geeignete Flächen wären Garagen- oder andere Flachdächer. Garagen gibt es häufig in zentraler Lage. Die Besitzer könnten sogar von Mieteinnahmen profitieren. Bislang war die Suche nach einem geeigneten Dach für Haug allerdings nicht von Erfolg gekrönt. Sie sucht weiter Partner, die ihren Pioniergeist teilen und neue Wege gehen wollen.
Großer Bedarf an kleinen Wohneinheiten
Auf ihrem Weg zum kleinen Eigenheim hat sie sich professionelle Unterstützung geholt. Das Schorndorfer Unternehmen Indiviva hat sich auf die Planung transportabler Wohnmodule spezialisiert. „Der Bedarf an kleinen Wohneinheiten ist groß“, sagt die Inhaberin Madeleine Krenzlin. Dreiviertel der Deutschen leben laut Krenzlin alleine oder zu zweit, die Wohnungen seien aber durchschnittlich 92 Quadratmeter groß. „Haushalts- und Wohnungsgrößen passen also nicht mehr zusammen.“
Die Verteilung des bestehenden Wohnraums ist zudem oft nicht bedarfsgerecht. Aufgrund der immens gestiegenen Preise können sich viele Ältere den Umzug in eine kleinere und pflegeleichtere Wohnung in der Stadt nicht leisten. Aus Krenzlins Sicht fehlen bezahlbare Wohnungen mit 30 bis 50 Quadratmetern. „Die Art und Weise, wie wir wohnen, hinkt der Lebensweise hinterher. Wir brauchen ganz viele kleine Lösungen“, sagt sie. Technisch sei es kein Problem, eine kleine Wohnung beispielsweise auf eine Doppelgarage zu bauen, wenn die Garagen gemauert seien. Und ökologisch sei das sinnvoller als ein Bau auf der grünen Wiese. „Die Flächen sind ja schon versiegelt“, erklärt Krenzlin. Die kleinen Wohneinheiten werden fertig angeliefert. Nachbarn müssen also keine wochenlangen Lärmbelästigungen wie bei einem herkömmlichen Neubau befürchten. Und wenn das Minihaus den Ort wechseln müsse, könne es mit einem Lastwagen abtransportiert werden, sagt Krenzlin.
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Dass die Modulbauweise das Problem der Wohnungsnot lösen wird, glauben die beiden Frauen nicht. Es müssten auch weiterhin neue Wohnungen in konventioneller Weise gebaut werden. Allerdings könnten die Modulhäuser einen Beitrag zur Bekämpfung der Wohnungsnot leisten. „Es wäre ein Baustein, mit dem schnell und einfach neuer Wohnraum geschaffen werden kann“, sagt Haug.
Bislang sind diese Wohnformen nicht verbreitet. „Ich bin mir ganz sicher, sobald das erste Projekt realisiert ist und die Menschen es sehen können, wird es viele Folgeprojekte dieser Art in Esslingen geben“, sagt Haug. Sie glaube weiter an die Chancen ihrer Idee. Damit die Vision Wirklichkeit wird, hat sie mächtig die Werbetrommel gerührt. Sie ist auf Stadträte zugegangen, hat mit Vertretern der Verwaltung und Landespolitikern gesprochen und die Medien informiert. Kürzlich war der zweite von insgesamt vier Drehtagen mit dem ZDF.
Kein Platz mehr für Normalverdiener?
Aus Esslingen wegzuziehen, in eine kleinere Gemeinde, wo die Mietpreise vielleicht noch erschwinglich wären, das möchte Haug nicht. Sie ist engagiert in der Stadt, unter anderem als Moderatorin im Klimagerechtigkeitsbündnis, als Referentin in der Antidiskriminierungsstelle, als Impulsgeberin der Bürgerinitiative „ES pioniert“ und Initiatorin einer divers-inklusiven Frauengemeinschaft. Außerdem bringt sie sich als Coach bei Bewerbungstrainings für das Jugendbüro ein und engagiert sich als Foodsaverin. Beruflich arbeitet Haug als therapeutische Clownin in Pflegeheimen und als Lebenswegbegleiterin in der Praxis für sinnzentrierte Psychologie. Sie habe mit ihrem Engagement viel investiert in die Stadt. Und nun solle kein Platz mehr für sie sein? Damit will sich die 38-Jährige nicht abfinden.
Weitere Informationen im Internet unter www.villawundervoll.de sowie in einem Beitrag bei ES-TV.
Wohnmodule werden rasch angeliefert
Kosten
Wohnmodule kosten, je nach Ausstattung und Größe, zwischen 50 000 und 150 000 Euro.
Technik
Viele Flachdächer sind für eine Aufstockung geeignet. Vor der Überbauung wird die Tragfähigkeit der Mauern und Fundamente geprüft. Strom, Wasser und Abwasser werden möglichst an bestehende Zuleitungen angeschlossen.
Größe
Die durchdachten Raumkonzepte ermöglichen es, dass Menschen allein oder zu zweit auf einer Grundfläche zwischen 15 und 50 Quadratmetern leben können.
Bau
Das Modulhaus wird vorgefertigt und mit einem Lastwagen angeliefert. In der Regel kann die Aufstellung vor Ort binnen eines Tages erfolgen.
Rechtliches
Wenn das Flachdach im Gebiet eines rechtsgültigen Bebauungsplans liegt, kann in der Regel rasch eine Baugenehmigung erteilt werden. Auch kleinere Ausnahmen und Befreiungen vom Bebauungsplan sind teilweise möglich. Komplizierter wird es, wenn der Bebauungsplan erst geändert werden müsste, dann ist mehr Zeit einzuplanen.