In den kommenden Monaten wird nach Einschätzung mehrerer Verbände die Kurzarbeit steigen. Foto: dpa/Jens Büttner

Angesichts rückläufiger Auftragseingänge in der Industrie überlegt sich wieder eine wachsende Zahl an Unternehmen im Kreis Esslingen, Arbeitszeiten zu reduzieren. Betroffen ist offenbar vor allem der Maschinenbau, unter anderem die Index-Werke.

Die Kurzarbeit ist wieder zurück, zumindest bei den Index-Werken. „In der zweiten Jahreshälfte 2023 entwickelt sich der Auftragseingang nicht so wie gewünscht“, erklärt der Vorsitzende der Geschäftsführung, Dirk Prust. Das sei nichts Dramatisches, aber bereits im ersten Halbjahr seien hohe Vorleistungen für das weitere Geschäft getätigt, viele Baugruppen vormontiert worden – Arbeit in der Fertigung, die nun wegfalle. Seit November ist das Unternehmen, das etwa 2000 Mitarbeitenden in Esslingen, Deizisau und Reichenbach hat, in Kurzarbeit. Wie Index geht es weiteren Firmen im Kreis Esslingen. Der Sensorhersteller Leuze in Owen hatte im September Kurzarbeit angemeldet. Der Esslinger Automatisierungsspezialist Festo bereitet eigenen Aussagen zufolge die Mitarbeitenden zumindest auf eine mögliche Kurzarbeitsphase vor, die frühestens im ersten Quartal 2024 eintreten werde. Rollt wieder eine Welle der Kurzarbeit auf den Landkreis zu, wie es in der Coronapandemie der Fall war?

Gesicherte Zahlen liegen der Agentur für Arbeit nur mit zeitlichem Versatz vor: Im April 2023 waren im Kreis Esslingen 107 Betriebe und 1116 Personen in konjunkturell bedingter Kurzarbeit. Zum Vergleich: Auf dem Höhepunkt der Kurzarbeit in der Coronapandemie im Juni 2020 waren es 44 134 Beschäftigte. Die Zahl der betroffenen Betriebe und Beschäftigten ist derzeit längst nicht so hoch. Mehrere bekannte Industriebetriebe im Kreis Esslingen planen eigenen Aussagen zufolge keine Kurzarbeit, darunter Pilz, Heller, Nagel, Gehring, Metabo. Dennoch gibt es Anzeichen dafür, dass die Zahlen wieder steigen, wenn auch nicht so stark wie 2020. „Wir sehen eine deutliche Zunahme der Beratungsanfragen im Vergleich zu den Vormonaten“, teilt die Agentur für Arbeit für den Kreis Esslingen mit. Dabei sei die Industrie verhältnismäßig stark betroffen, insbesondere der Maschinenbau und Zuliefererbetriebe. Der Bausektor sei ein weiterer Schwerpunkt.

Kurzarbeit statt Stellenabbau

Ähnliche Beobachtungen machen Interessensverbände. So der Arbeitgeberverband Südwestmetall im Bezirk Neckar-Fils. „Das Thema Kurzarbeit ist sehr aktuell zur Zeit“, sagt Geschäftsführer Ralph Wurster. In diesem Monat oder spätestens im Dezember sei mit verstärkten Anmeldungen seitens der Betriebe zu rechnen. Betroffen seien vor allem Unternehmen aus dem Maschinenbau wie auch dem Automotive-Bereich. Als Gründe nennen die Befragten vor allem die geringeren Auftragseingänge. „Das Neugeschäft lässt seit mittlerweile 18 Monaten nach“, sagt Dietrich Birk, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Maschinen und Anlagenbau Baden-Württemberg. Seit Jahresbeginn seien die Auftragseingänge im Maschinenbau im Land um 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Zwar konnten viele Unternehmen vor allem im ersten Halbjahr noch auf den Auftragsstau bauen, der aus den Lieferkettenproblemen der vergangenen Jahre resultiert. Doch wenn es so weitergehe, Bestellungen im Neugeschäft weiter nachließen, seien die Kapazitäten spürbar weniger ausgelastet, so Birk. Dazu tragen den Befragten zufolge Unsicherheiten aufgrund der weltweiten Konflikte bei, ebenso wie Preis- und Zinssteigerungen, aufgrund derer weniger investiert werde.

Auf der anderen Seite betont Birk, die Beschäftigungslage sei weiterhin stabil. Zwar seien die Unternehmen mit Blick auf das nachlassende Neugeschäft vorsichtiger bei der Personalentwicklung, der Beschäftigungsaufbau lasse nach. Doch versuchten sie mit Blick auf den Fachkräftemangel auch, die Beschäftigung zu halten. „Da ist Kurzarbeit ein wichtiges Instrument, um Entlassungen zu vermeiden.“ Diese werde in der Breite aber nicht vergleichbar sein wie zu Zeiten der Pandemie. Bei Index ist die Arbeitsreduzierung beispielsweise geringer als in Zeiten der Coronapandemie, sagt Prust. Ziel sei, die Arbeitszeit um insgesamt bis zu 20 Prozent zu reduzieren. Index befolge den Gleichheitsgrundsatz und schicke nicht nur die Fertigung, sondern auch weitere Abteilungen in Kurzarbeit.

Hoffnung: 2024 soll es wieder bergauf gehen für die Industrie

Ein Grund dürfte sein, dass die Konditionen für Arbeitgeber weniger attraktiv sind als in der Pandemie. Kurzarbeit ist für sie teurer. Für Arbeitnehmer bedeutet sie in Zeiten gestiegener Verbraucher- und Energiepreise einen Einkommensverlust. „Natürlich ist das ein wirtschaftlicher Faktor, der individuell zuschlägt“, sagt Alessandro Lieb, erster Bevollmächtigter der IG Metall Esslingen. In der Metallindustrie sei eine Aufstockung durch die Betriebe tarifvertraglich zugesichert. Das könne den wirtschaftlichen Druck mildern, aber nicht neutralisieren. Großes Anliegen der Gewerkschaft sei, dass Mitarbeitern während der Kurzarbeit Qualifizierung angeboten werde.

Die Betriebe haben die Hoffnung, dass es 2024 wieder bergauf geht mit den Bestellungen. Auch Index. „Ich denke, dass der Auftragseingang noch verhaltener sein wird im ersten Quartal, ab dem zweiten wird er wieder anziehen“, sagt Prust. Die Kurzarbeit in der Fertigung werde mutmaßlich etwas früher beendet. Denn dann gebe es die Herausforderung, dass die neuen Aufträge noch möglichst im gleichen Jahr in Umsatz verwandelt würden.

Der Arbeitsmarkt im Kreis Esslingen

Monatszahlen
Laut Einschätzung der Agentur für Arbeit sank die Arbeitslosigkeit im Kreis Esslingen im Oktober zwar im Vergleich zum Vormonat, sie ist aber höher als im Jahr zuvor. Als Ursache sieht sie zahlreiche Herausforderungen und deren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, wie beispielsweise den Krieg in der Ukraine. Im Landkreis Esslingen waren im Oktober 11 711 Menschen arbeitslos gemeldet – 0,7 Prozent weniger als im September, aber 6,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Arbeitslosenquote betrug 3,8 Prozent (Region Stuttgart 4,1; Land 3,9).

https://www.esslinger-zeitung.de/inhalt.arbeitsmarkt-region-stuttgart-kurzarbeitergeld-zahlen-und-fakten.ae406fdd-bcec-48b1-9b09-265a4a3c14f1.html

Kurzarbeitergeld
Meist ist das konjunkturelle Kurzarbeitergeld gemeint. Mitarbeiter in Unternehmen, die aufgrund der Turbulenzen in der Weltwirtschaft vorübergehend die Arbeitszeit reduzieren, erhalten für ihre Gehaltseinbußen einen Ausgleich von der Arbeitslosenversicherung. Das sind 60 Prozent des Nettolohnverlusts oder 67 Prozent, wenn Kinder mit zu versorgen sind. Seit Juli 2023 gelten wieder andere, für Unternehmen weniger attraktive Konditionen, nachdem in der Pandemie eine Sonderregelung gegriffen hatte. So müssen Betriebe etwa Sozialbeiträge wieder in voller Höhe bezahlen.