„Was mache ich hier eigentlich?“ Viele Arbeitnehmer empfingen ihren Job nicht als sinnvoll, das kann belasten. Foto: dpa-tmn/Alexander Heinl - dpa-tmn/Alexander Heinl

Wer seinen Job als sinnlos empfindet, lebt ungesund. Doch wann ist ein Job sinnvoll - oder fühlt sich wenigstens so an? Und wie motiviert man sich für vermeintlich sinnlose Tätigkeiten? Experten geben Antworten.

Innsbruck/MünchenDer US-amerikanische Autor David Graeber hat den Begriff „Bullshit-Job“ geprägt. Seine These: Es gibt immer mehr Tätigkeiten, die vollkommen sinnlos sind – so sinnlos, dass selbst die ausführende Person sich nicht mehr einreden kann, dass es dafür irgendeinen stichhaltigen Grund gibt. Umgekehrt ist es aber gar nicht so leicht zu sagen, was einen Job überhaupt sinnvoll macht.

Tatjana Schnell leitet als assoziierte Professorin an der Universität Innsbruck die Arbeitsgruppe Empirische Sinnforschung. Sie findet es wichtig, zwischen einem als sinnvoll erlebten Job und dem Beruf als Sinnquelle für das Leben zu unterscheiden. „Ein sinnvoller Job ist nicht unbedingt einer, der meinem Leben Sinn gibt“, erklärt sie. Grundsätzlich sei es aber von Bedeutung, dass Berufstätige ihren Job als sinnvoll erleben. „Wir stecken sehr viel Zeit in unseren Beruf – wird er als sinnlos erlebt, dann ist das eine sehr hohe Belastung.“ Bernd Slaghuis, Karriereberater und Coach aus Köln, hat die Erfahrung gemacht, dass Sinn für Berufstätige heute ein „extrem wichtiger Wert“ ist. Es gehe aber weniger darum, die eigene Berufung zu finden – sondern darum, „abends zufrieden nach Hause zu gehen“. Sinn bedeute für viele, sich mit dem eigenen Arbeitgeber und seinen Produkten identifizieren zu können.

Doch wann ist das erfüllt? Denn generell bedeutet Sinn für jeden etwas anderes. Sinnzuschreibung im Beruf sei „immer subjektiv“, erklärt Schnell – und abhängig von der eigenen Situation: Manche Menschen können zum Beispiel eine monotone Arbeit als sinnvoll empfinden. Etwa, weil sie so ihre Familie ernähren.

Grundbedürfnisse befriedigen

Madeleine Leitner, Psychologin und Karriereberaterin aus München, verweist auf die Bedürfnispyramide des Psychologen Abraham Maslow: „Ganz unten steht das Überleben, und erst die oberste Stufe ist die Selbstverwirklichung.“ Das heißt: Wer seine Grundbedürfnisse nicht befriedigen kann kümmert es wenig, wie erfüllend die eigene berufliche Tätigkeit sein mag.

In der Forschung gibt es vier Kriterien, um die Wertvorstellung vom eigenen Job messbar zu machen: Zunächst einmal das Empfinden, dass der eigene Job eine Bedeutung hat, erklärt Schnell. „Das kann man als Gegenteil von Egalsein verstehen“, erläutert sie. „Ich erlebe, dass es eine Rolle spielt, was ich tue – und auf welche Weise.“ Das zweite Kriterium ist Kohärenz – „hier wird die Stimmigkeit überprüft“, erklärt Schnell: Passe ich mit meinen Werten auf meine Stelle? Drittens und viertens sind Orientierung und Zugehörigkeit wichtig. Das eine bezeichnet das Empfinden, dass man hinter dem stehen kann, was der Job verlangt. Das andere bezieht sich auf das Gefühl, am Arbeitsplatz als Mensch wahrgenommen zu werden.

„Diese Werte müssen einzeln nicht extrem ausgeprägt sein, um einen Job als sinnvoll zu empfinden“, betont Schnell. Wenn aber einer oder mehrere der Kriterien nicht erfüllt sind, bröckelt das berufliche Sinnerleben. In diesem Fall sollte man sich kritisch damit auseinandersetzen und nach konkreten Ursachen suchen. Hilfreich ist hier, die Vor- und Nachteile des eigenen Jobs zu notieren. „Die Nachteile werden meist deutlicher gefühlt – aber wenn wir aus einer Gesamtperspektive schauen, kann es sein, dass letztendlich doch die Vorteile überwiegen“, sagt sie.

Gerade wer wegen eines vermeintlich sinnlosen Jobs bereits innerlich gekündigt hat oder auf dem Weg ins Burn-out ist, sollte sich überlegen: Welche Möglichkeiten habe ich? Es könne sich lohnen, mit dem Chef zu sprechen – vielleicht findet sich eine Lösung. Wenn das nichts bringt, ist über eine Arbeitszeitkürzung oder einen Jobwechsel nachzudenken.

Beschäftigte sollten sich dabei aber eine Sache vor Augen führen: „Es gibt nicht so viele Jobs, in denen ich die Welt retten kann. Arbeit ist heute meist Broterwerb – das kann Kompromisse verlangen. Denn besonders die gesellschaftliche Relevanz, die Bedeutsamkeit des eigenen Jobs also, spielt bei der Suche nach dem Sinn oft eine große Rolle. Ist sie stark ausgeprägt, seien Beschäftigte besonders motiviert. „Wir sollten solche Bedeutsamkeit aber nicht nur im Beruf suchen“, sagt Schnell. Gesellschaftliches oder familiäres Engagement etwa sind ebenso wichtig.

Die Professorin betont, dass es nicht allein die Aufgabe des Einzelnen sei, sich zu motivieren, wenn man Aspekte des eigenen Jobs als wenig sinnvoll empfindet – sondern auch eine Aufgabe des Arbeitgebers. Es kann sich lohnen, zum Beispiel mit dem Betriebsrat zu sprechen und Veränderungen in der Organisationskultur anzustoßen – etwa, indem man sich über sinnlose Aufgaben beschwert und die Ursache für Motivationslosigkeit nicht nur bei sich selbst sucht. Manchmal helfe schon dieses Eingeständnis, wieder engagierter bei der Sache zu sein.

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