Die S-Bahn ist das Rückgrat des Nahverkehrs in der Region. Foto: dpa - dpa

Im April erfand der VVS sein Tarifzonensystem neu – jetzt suchen Experten weitere Stellschrauben, um den Nahverkehr in der Region attraktiver zu machen

StuttgartDie Experten in Sachen Nahverkehr sprechen von einer Zeitenwende. Jetzt müsse der Nahverkehr mit geringeren Preisen attraktiver werden. Das wurde bei einer Tagung in Stuttgart deutlich.

Wie war es früher?

Vierzig Jahre lang kam der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) ohne grundlegende Veränderungen seines Tarifsystems aus. Im April trat dann die große VVS-Zonenreform in Kraft. Doch die Forderungen aus der Politik nach einem attraktiveren Nahverkehr sind damit nicht erfüllt. Aktuell geht es im VVS vor allem um Stadttickets und den 365-Euro-Jahresfahrschein – und um die Frage, ob es zum Jahreswechsel wie von den Verkehrsunternehmen gewünscht wieder eine Tariferhöhung geben wird. Sie fand in diesem Jahr wegen der Zonenreform nicht statt. So oder so: „Wir erleben eine Zeitenwende in der Tarifpolitik“, sagt VVS-Chef Horst Stammler.

Was hat sich geändert?

Mit wie viel Fahrt die Tarifdebatte geführt wird, das ist auch auf dem ÖPNV-Forum des VVS in Stuttgart deutlich geworden, an dem mehr als 100 Experten teilnahmen. „Vor Jahren haben wir uns mit der Frage beschäftigt, wie wir mehr Geld von den Fahrgästen erhalten“, sagt Alexander Pischorn, Vorsitzender der Landesgruppe im Verband Deutscher Verkehrsunternehmen und zugleich Geschäftsführer der Verkehrsbetriebe Karlsruhe, „jetzt geht es um Reformen, wie wir mit geringeren Preisen den Nahverkehr attraktiver machen.“

Wie geht es in der Region weiter?

Stammler verweist auf die Tarifzonenreform: Aus 52 Zonen wurden fünf Ringzonen, in Stuttgart gibt es nur noch eine statt zwei Zonen. Auch in den Kreisen fiel eine Zone weg. Das hat für viele Fahrgäste zu günstigeren Preisen geführt; das Land und die Stadt Stuttgart legen dafür jährlich 41 Millionen Euro auf den Tisch. Im April registrierte der VVS eine Zunahme der Fahrten um 4,1 Prozent, in den Monaten zuvor war es knapp ein Prozent. Seriös könne man die Entwicklung aber noch nicht bewerten, sagt Stammler: „Für eine sichere Aussage müssen wir die Ergebnisse von noch mindestens drei Monaten abwarten.“ Das dauert der FDP zu lange. Sie will schon in der Verkehrsausschusssitzung am 26. Juni genaue Zahlen, wie sich die Zuwächse auf Stuttgart und die Kreise sowie auf einzelne Fahrscheine verteilen. Zudem sieht sie die Rolle der Region und der Kreise zu wenig gewürdigt.

Wie ist der Stand beim 365-Euro-Ticket?

Für einen Euro pro Tag mit Öffentlichen fahren – das Beispiel Wien soll auch in der Region Schule machen. Allerdings weisen die Experten auf dem ÖPNV-Form darauf hin, dass der Erfolg in der österreichischen Hauptstadt auch damit zusammenhänge, dass der Pkw-Verkehr stärker reglementiert werde: Die Zufahrt für Autos sei eingeschränkt, Parkplätze wurden reduziert und verteuert. Wie ein 365-Euro-Ticket ausgestaltet werden könnte, darüber wird intern bereits heftig diskutiert. Auf Antrag der SPD im Gemeinderat soll bis zur Sommerpause ein 365-Euro-Ticket-Konzept für Schüler, Studenten, Azubis und Senioren auf den Tisch, das im gesamten VVS gilt. Umstritten ist aber, ob auch Senioren einbezogen werden sollen. In Ludwigsburg und anderen Städten gibt es die Idee eines 365-Euro-Tickets für alle, das aber nur in den jeweiligen Stadtgrenzen gilt.

Was ist mit den Stadttickets?

Dabei werden im Rahmen des VVS-Tarifsystems in Städten günstigere Fahrscheine angeboten. Der VVS favorisiert das Modell, Tagestickets für eine Person (drei Euro) und für Gruppen bis fünf Personen (sechs Euro) zu verkaufen. Sie berechtigen zu beliebig vielen Fahrten an einem Tag im Stadtgebiet. Das gibt es mit viel Erfolg bereits in Esslingen, Ludwigsburg, Herrenberg und (in anderer Form) in Marbach, andere Städte wollen es auch: Leinfelden-Echterdingen, Filderstadt, Nürtingen, Remseck, Kornwestheim, Ditzingen, Böblingen, Bietigheim-Bissingen und einige mehr. Die Kommunen müssen dem VVS die Einnahmeausfälle erstatten – ein Betrag zwischen 50 000 Euro (Remseck) und 650 000 Euro (Ludwigsburg).

Was machen die anderen?

Was beim VVS schon umgesetzt wurde, steht beim Münchner Verkehrsverbund (MVV) noch bevor. Dort tritt zum 15. Dezember eine Tarifreform in Kraft: Das Zonensystem wird vereinfacht, zugleich werden Dauerkarten billiger. „Wer öfter fährt, soll belohnt werden“, sagt Bernd Rosenbusch, MVV-Geschäftsführer, „Monatstickets werden günstiger und haben einen größeren Geltungsbereich, Wochenkarten und Einzelfahrschein werden teurer.“ Zudem wird ein verbundweites Sozialticket eingeführt. Ein 365-Euro-Ticket für Schüler und Azubis ist im Gespräch.

Gibt es neue Ideen?

Experten machen mehrere Trends aus: Fahrscheine für Gruppen und für Zeiten außerhalb des Berufsverkehrs werden zu stark verbilligten Kampfpreisen angeboten; günstige Tickets gibt es nur für Dauerkunden; Touristen- und Einzeltickets werden oft deutlich verteuert. Dabei werden neue Finanzierungsinstrumente genutzt: In Hotelübernachtungen ist die ÖPNV-Fahrt bereits eingepreist, in Unna schlägt die Wohnungsgesellschaft knapp zehn Euro auf jede Miete bei Neuvermietungen für ein Nahverkehrsticket drauf.

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