Hermann Beck, der Vorsitzende des TV Hegensberg, sieht wachsenden Bedarf für Sport- und Bewegungsangebote. Foto: Roberto Bulgrin

Die Stadt Esslingen möchte Teile des ihr gehörenden Sportgeländes des TV Hegensberg für Wohnbebauung nutzen. Einen ersten Bebauungsplan hat der Verwaltungsgerichtshof kassiert. Nun wagt die Stadt einen neuen Anlauf. Der Verein fühlt sich übergangen.

Weil Wohnraum in Esslingen knapp ist, sucht die Stadt händeringend nach Möglichkeiten, Wohnungen zu bauen. 2015 rückte das Sportgelände des TV Hegensberg, das der Stadt gehört, in den Fokus. Auf einem Teil des Areals sollen 17 Wohnungen entstehen. Grundsätzlich zeigte sich der Verein damals – auch unter dem Eindruck der dramatischen Flüchtlingskrise – offen, einen gemeinsamen Weg zu suchen. Doch je intensiver sich der Vorstand mit den Plänen beschäftigte, desto mehr wuchsen die Zweifel – zumal der Verein einen stetig wachsenden Bedarf an Bewegungsmöglichkeiten verzeichnet. Dennoch hat der Gemeinderat im Februar 2020 einen Bebauungsplan für das Areal Wilhelm-Nagel- und Breitingerstraße abgesegnet. Doch der wurde 2021 vom Verwaltungsgerichtshof in einem Normenkontrollverfahren gekippt. Nun hat der Ausschuss für Technik und Umwelt (ATU) des Gemeinderats grünes Licht gegeben, das Verfahren neu aufzurollen – wohl wissend, dass der TV Hegensberg zuvor moniert hat, die Zweifel seien nicht ausgeräumt worden und der erhoffte Dialog mit der Stadt sei ausgeblieben.

Zweiter Anlauf

Kurz nach der Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofs (VGH) gegen den Bebauungsplan hatte der Esslinger Baubürgermeister Hans-Georg Sigel bereits erklärt, er finde es weiter notwendig, „auf der nicht für den Vereinssport erforderlichen Teilfläche Wohnungen zu bauen“. In ihrer Urteilsbegründung hätten die Richter nicht die geplante Wohnbebauung generell in Frage gestellt. Deshalb werde man umgehend ein neues Bebauungsplanverfahren einleiten. Diesen Schritt ist die Stadt nun gegangen.

Baubürgermeister Hans-Georg Sigel erklärte nun im ATU, einzelne Festsetzungen im Plan, die die Richter moniert hatten, seien korrigiert worden, auch ein überarbeitetes Schallgutachten hatte die Stadt in Auftrag gegeben. Ansonsten seien sowohl die Fläche als auch das städtebauliche Konzept gleich geblieben. Auch an der Absicht der Stadt, Wohnraum für Menschen zu schaffen, die sich auf dem Wohnungsmarkt nicht oder nur erschwert aus eigener Kraft versorgen können, habe sich nichts geändert. Die Nutzung der Fläche als Vereinssportanlage mit Vereinsheim und -gaststätte soll planungsrechtlich gesichert werden. Die Stadt habe im Sommer mit dem Verein gesprochen – klar sei gewesen, dass dort Wohnbebauung kommen soll. Man sei nach wie vor offen für Gespräche, das Bebauungsplanverfahren müsse nun aber beginnen.

Vertagung abgelehnt

In einem Schreiben an die Ratsfraktionen hatte Hermann Beck, der Vorsitzende des TV Hegensberg, im Vorfeld der ATU-Sitzung betont, dass ihm an einer einvernehmlichen Lösung gelegen sei. Der Bau von Wohnungen sei wichtig, gute Rahmenbedingungen für Sport vor Ort jedoch ebenso. Und da sieht der Verein mit seinen rund 1500 Mitgliedern und einem stetig wachsenden Bedarf an zusätzlichen Angeboten eine Interessenkollision, die sich weiter verschärfen könnte, wenn sich künftige Anwohner durch den Sport- und Freizeitbetrieb gestört fühlen könnten. Deshalb hatte Beck darum gebeten, bis zur Klärung der strittigen Grundsatzfragen die Entscheidung über den Start des Bebauungsplanverfahrens zu vertagen – zumal die Stadt seit Sommer trotz vieler offener Fragen nicht mehr den Dialog gesucht habe.

Doch im Ausschuss für Technik und Umwelt konnte sich der TV Hegensberg mit seinem Appell nicht durchsetzen. Andreas Fritz (Grüne) signalisierte Verständnis für den Verein, befand jedoch: „Wir sollten weiterkommen.“ Wichtig sei ihm, dass im Plan die nötigen Voraussetzungen für Photovoltaik geschaffen werden. Heidi Bär (SPD) ist es „ein Anliegen, den Bau von 17 Wohnungen auf den Weg zu bringen“. Wichtig sei aber auch ein gutes Miteinander mit dem TV Hegensberg, „damit sich die Fronten nicht verhärten.“ Eberhard Scharpf (Freie Wähler) geht davon aus, dass es schon im ersten Anlauf zum Bebauungsplan Gespräche mit dem TV Hegensberg gegeben habe. Im weiteren Verfahren könne der Verein seine Bedenken formulieren. Das sieht Ulrich Fehrlen (Freie Wähler) nicht anders. An der Absicht, neuen Wohnraum auf einem Teil des Sportgeländes zu schaffen, habe sich nichts geändert. Trotzdem empfahl er der Verwaltung, „auf den Verein zuzugehen und zu versuchen, einen Kompromiss zu finden“.

„Dialog wäre wichtig“

Karin Pflüger (CDU) sah ebenfalls die Chance, Unstimmigkeiten in den nächsten Verfahrensschritten zu klären. Johanna Renz (Linke) betonte die Bedeutung von zusätzlichem Wohnraum, sah aber auch die unterschiedlichen Interessen künftiger Anwohner und des Sports, die sich nicht unbedingt vereinbaren ließen. Und Andreas Koch (SPD) betonte, Wohnbebauung zu schaffen, sei wichtig: „Wir sind über den bisherigen Gang des Verfahrens nicht glücklich. Ein Dialog wäre vorher wichtig. Im Bebauungsplanverfahren tut sich oft nicht mehr viel.“

Wohnen auf einstigen Sportplätzen

Bedarf
 Quer durch die Republik suchen Kommunen Bauflächen. Mancherorts denkt man deshalb über die Bebauung von Sportflächen nach – vor allem dann, wenn sie der Kommune gehören. Doch das ist nicht unproblematisch: Einerseits sind Grün- und Bewegungsflächen vielerorts rar, andererseits kann es Streit mit Anwohnern wegen des Lärms geben.

VfL-Post-Areal
 Über die Bebauung des früheren VfL-Post-Areals in der Pliensauvorstadt in Esslingen, das – anders als das Areal des TV Hegensberg – für den Vereinssport nicht mehr genutzt wird, wurde lange diskutiert. Die Pläne waren nicht nur im Stadtteil umstritten. Manche lehnten das Projekt generell ab und hätten sich gewünscht, dass das Sportgelände als Frischluftquelle und Bewegungsareal erhalten bleibt. Andere kritisierten die Dichte der Bebauung, die daraufhin etwas reduziert wurde. Auf dem 2,5 Hektar großen einstigen VfL-Post-Areal soll nun ein Stadtquartier mit vielfältigen Wohnformen entwickelt werden. 150 Wohnungen in neun Gebäuden und eine fast 10 000 Quadratmeter große Freifläche sind dort geplant.