Trainer Tim Walter verneigt sich vor Nicolas Gonzalez. Foto: Baumann - Baumann

Mit neuem Schwung hat Nicolas Gonzalez dem VfB Stuttgart zum 2:1 gegen den FC St. Pauli verholfen.

StuttgartDer Trainer hat sich verbeugt. Kurz nach dem Abpfiff empfing er strahlend seinen späten Siegtorschützen Nicolas Gonzalez und huldigte ihm noch am Spielfeldrand. Eine nette Geste nach dem 2:1-Sieg des VfB Stuttgart gegen den FC St. Pauli, mag man als unbedarfter Beobachter denken. Doch es ist auch eine Szene, in der mehr steckt.

Denn Tim Walter wäre nicht Tim Walter, wenn er nicht gleichzeitig mit Gonzalez’ Hand die Chance ergriffen hätte, den Angreifer des Fußball-Zweitligisten zum einen auf extrovertierte Art zu wertschätzen, zum anderen ihn aber ebenso auf seine verdaddelte Riesenchance zuvor anzusprechen, um ihm mehr Ruhe in den entscheidenden Momenten zu vermitteln.

Ein Luftloch hatte Gonzalez geschlagen – nach einem Angriff, in dem sich seine Stärken und Schwächen in einer Aktion verdichteten. Er sprintete mit Ball davon, er schlug einen schönen Haken mit links, den selbst ein Mario Gomez in seiner Glanzzeit nicht besser hinbekommen hätte. Aber Gonzalez traf das Spielgerät nicht, als es vor dem Tor darauf ankam. „Schon wieder“, dachten sich viele Fans, da sie mit dem Argentinier viele vergebene Möglichkeiten aus der Vorsaison verbinden – und ein Bild aus dem Relegationsrückspiel in Berlin nicht aus dem Kopf bekommen, das für sie letztlich den Abstieg bedeutete.

Im Abseits gestanden

Gonzalez stand bei einem direkten Freistoß im Abseits und verhinderte auf diese unfassbare Weise die Führung des VfB. Wochenlang hatte der 21-Jährige diese Last mit sich herumgetragen. Zum Vorbereitungsstart präsentierte er sich jedoch wieder erholt, lebenslustig und voller Tatendrang.

Eine Mischung, die Walter gefällt. Und wenn man den Chefcoach in den ersten Wochen seines Wirkens in Stuttgart nicht ganz missverstanden hat, ist Gonzalez auf dem besten Weg, einer seiner Lieblingsschüler zu werden. Jedenfalls widmet sich der Fußballlehrer nur Talenten so innig wie dem Südamerikaner, die seiner Einschätzung nach sensibel sind – und die es ihm auch wert sind.

„Von mir aus kann er noch mehr Chancen verpulvern, wenn er in der 90. Minuten dasteht und den Ball reinmacht“, sagt Walter. Durchaus technisch anspruchsvoll war der Treffer – und für Gonzalez Balsam für seine lange geschundene Seele. „Ich bin überglücklich, ein so wichtiges Tor erzielt zu haben“, sagt der Stürmer. Es stärkt den Glauben der Mannschaft an das neue System, und es hilft ihm, die Vergangenheit weiter hinter sich zu lassen. „Der Trainer schenkt mir viel Vertrauen. Das wirkt sich positiv aus“, sagt Gonzalez.

Zumal es der Mann mit der Nummer 22 nicht mehr gewohnt war, dass sich ein Trainer intensiv mit ihm beschäftigt. Walters Vorgänger hatten das Bürschchen aus Buenos Aires unter Ergebnisdruck nur auf seine physischen Vorteile reduziert: Schnelligkeit und Kopfballstärke. Mehr sollte er nicht einbringen. Die spielerische Entwicklung blieb auf der Strecke. Jetzt ist der Ansatz, Gonzalez zu fördern, ihm aber nicht zu viel Verantwortung für das Stuttgarter Spiel aufzubürden.

Weniger wäre mehr gewesen

Im Grunde war ein Drei-Phasen-Plan auch vor einem Jahr vorgesehen, als Michael Reschke ihn verpflichtete. Kurzfristig sollte Gonzalez über Teileinsätze sich eingewöhnen, mittelfristig zum Stammspieler reifen und langfristig für viel Geld weiterverkauft werden. Das Problem war allerdings, dass der Stürmer gleich in die Mittelfristigkeit katapultiert wurde, weil weder Tayfun Korkut noch Markus Weinzierl auf seinen Eifer verzichten wollten.

Vermutlich wäre für Gonzalez weniger mehr gewesen. Das hagere Energiebündel ist mit seinem Elan jedoch schwer zu bremsen, wie er nach seiner Rückkehr von den Panamerikanischen Spielen erneut bewies. Er wollte Mitte der Woche nicht regenerativ trainieren, sondern sofort mit der Mannschaft. Er wäre am liebsten auch in der Startelf gestanden. „So einen Spielertyp kann ich immer bringen“, betont Walter zwar, aber er dosierte den Einsatz – um den Jungen nicht zu verheizen, aber dessen Euphorie nach dem Gewinn der Goldmedaille mit der U 23 Argentiniens zu nutzen.

„Es war natürlich eine kurze Nacht nach der Siegerehrung“, sagt Gonzalez. Von Lima führte ihn sein Weg nach den Feierlichkeiten über Buenos Aires und einem kurzen Besuch bei der Familie nach Stuttgart zurück. Aber müde sei er nicht gewesen, lacht der Angreifer, der nun sogar mit einer Beförderung in die A-Nationalmannschaft liebäugelt.

Zunächst zählt aber wieder der VfB Stuttgart, für den er auf und außerhalb des Platzes „belebend“ auf das Team wirkt, wie Marc Oliver Kempf meint. „Er zaubert einem ein Lächeln ins Gesicht, wenn er da ist“, sagt der Kapitän – vor allem dem Trainer.

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