Quelle: Unbekannt

Tim Walter, der neue Trainer des VfB Stuttgart, hat eine klare Vorstellung vom Spiel seiner Mannschaft: aggressiv, schnell und mit viel Ballbesitz. Kann das beim Absteiger gut gehen?

StuttgartVorausgesetzt es gibt im Fußball zwei Grundsituationen: mit Ball und ohne Ball. Dann hat Sven Mislintat während der Trainersuche des VfB Stuttgart vor allem auf den ersten, komplexeren Teil geschaut. „Wir wollten jemanden haben, der das Spiel am Ball denkt“, sagt der neue Sportdirektor – und nicht gegen den Ball, wie es viele andere Fußballlehrer tun. Mit Gegenpressing, hohem Anläufen und dem Spiegeln des Gegners. Vielmehr: eigene Akzente setzen.

Gefunden wurde bekanntlich Tim Walter. Ein Trainer, der während seiner Spielvorbereitungen offenbar so gut wie gar nicht auf die Gegner eingeht. Die eigenen Stärken stehen im Zentrum. Für den VfB war es dennoch Liebe auf den zweiten Blick. Denn Mislintat befand sich eigentlich mehrfach in Stadien, um Atakan Karazor von Holstein Kiel zu beobachten. Dann überzeugte aber nicht nur der Mittelfeldspieler, sondern es gefiel die ganze Spielidee des Zweitligisten.

Agieren statt kontrollieren, angreifen statt verteidigen. Das sind vereinfacht ausgedrückt die Schlüsselbegriffe für Walters Spielstil. Sie decken sich mit Thomas Hitzlspergers und Sven Mislintats Vorstellungen. Immer wieder haben sie sich gefragt, für welchen Fußball der VfB nach Jahren ohne spielerische DNA stehen will. Die Antwort: „Wir wollen mit Mut spielen“, sagt Hitzlsperger. Der Manager hat genug davon, dass die Stuttgarter auf den Platz gehen, um kein Gegentor zu kassieren. Wie zuletzt unter Tayfun Korkut und Markus Weinzierl. Zumal sich diese Herangehensweise – auch aus Mangel an Offensivqualität – bestenfalls als gut organisierte Ereignislosigkeit entpuppt hat. Nur unter Korkut führte sie eine Halbserie lang zum Erfolg.

In der Abstiegssaison steht jedoch vorne eine magere Zahl und hinten eine fette. 32 erzielte Treffer, 70 Gegentore. Auf die Ligapartien übertragen hat der VfB mit dieser Tordifferenz grob überschlagen 34-mal 1:2 verloren. Vernichtend, aber die sportliche Stunde null ist der Ausgangspunkt, um es anders zu machen. Wobei eine offensive Aufstellung noch lange keinen schönen Fußball garantiert – und noch weniger den Wiederaufstieg.

Das weiß auch Walter, dessen innovatives System in Kiel so beschrieben wird: Der Torwart rückt auf die ursprüngliche Linie der Abwehrspieler vor. Die Innenverteidiger schieben nach vorne auf die Sechserposition und sind für die Spieleröffnung zuständig. Entsprechend formiert sich das Mittelfeld ebenfalls tiefer in der gegnerischen Hälfte. Und die Stürmer geben sich tatsächlich angriffslustig, um die gegnerische Ordnung zu durchbrechen. Das birgt ein hohes Risiko bei Ballverlusten. Im Gegensatz zur wilden VfB-Zeit unter Alexander Zorniger bevorzugt Walter jedoch ein flexibles Positionsspiels anstatt eines überfallartigen Umschaltspiels. Also mehr Pep Guardiola im Miniformat und weniger Jürgen Klopp für Arme. Das Herzstück ist das Mittelfeld, in dem sich mit Rückkehrer Orel Mangala sowie den Zugängen Atakan Karazor und Philipp Klement – plus etwas Fantasie – eine neue Mitte bilden könnte.

Walters Ansatz verlangt den Spielern jedoch viel ab, da die Räume auf dem Rasen stets besetzt sein sollen – egal von wem. „Diese Idee, konsequent von hinten herauszuspielen, hat uns begeistert“, sagt Mislintat. Wohl wissend, das es beim VfB dauern kann, um den Plan mit Leben zu füllen. Sechs Wochen, drei Monate, ein Jahr – Mislintat will sich nicht unter Druck setzen lassen. Dennoch befinden sich die Stuttgarter in der paradoxen Situation, dass ihnen angesichts der Erwartungshaltung nur Erfolge die Zeit gewähren, die sie zur Entwicklung benötigen.

In Kiel lief die Vorbereitung vor einem Jahr schleppend. Die Mannschaft hatte Schwierigkeiten, sich auf Walters Vorgaben umzustellen. Doch mit dem Auftaktsieg beim Hamburger SV gewann die Holstein-Elf auch die Überzeugung, dass es mit dem Zweitliganovizen und dessen Ballbesitzfußball funktionieren kann. Im Unterhaus für den VfB vielleicht sogar besser als in der Bundesliga, da es Fehler verzeiht und sich durch eine sichere Grundordnung viel bewegen lässt.

Dafür ist dann ab dem 19. Juni auch Rainer Widmayer zuständig. „Ich denke, er ist eine super Ergänzung zu Tim Walter“, sagt Hitzlsperger über den neuen alten Co-Trainer. Jahrelang hat der 52-jährige Fußballlehrer aus Renningen bei Hertha BSC hinter dem Chefcoach Pal Dardai das taktische Mastermind gegeben. Jetzt kehrt Widmayer in seine schwäbische Heimat zurück, um dem Stuttgarter Spiel Stabilität und Struktur zu verleihen – ausgehend von der Defensive. „Es sind unterschiedliche Charaktere“, sagt Hitzlsperger, „aber wir bringen sie zusammen.“

Das Trainerteam des VfB

Chefcoach: Tim Walter kommt vom Zweitligisten Holstein Kiel zum VfB Stuttgart. Zuvor war er als Nachwuchstrainer beim FC Bayern München und Karlsruher SC tätig. Mit der Münchner U 17 wurde er 2017 deutscher Meister. Der 43-Jährige ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

Co-Trainer: Fünf Assistenten stehen Tim Walter zur Seite. Rainer Widmayer und Michael Wimmer sind die klassischen Co-Trainer. Dazu kommt Rainer Ulrich als Mentor für Walter. Torwarttrainer ist weiter Marco Langner und Athletiktrainer Matthias Schiffers.

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