Viele hielten trotz Kälte und Nässe schon keine dampfenden Tassen mehr, sondern kühle Stielgläser in der Hand. Foto: Krytzner - Krytzner

Der Anfang vom Ende der Adventszeit: Nicht besinnlich, sondern feuchtfröhlich ging es wieder beim Heiligen Vormittag in Esslingen zu.

EsslingenDas sah am frühen Montagmorgen mal gar nicht gut für den Heiligen Vormittag in Esslingen aus. Doch scheinbar bekam auch der Wetterverantwortliche nicht genug vom Feiern und er stellte den Regen bis 12 Uhr fast ganz ein. Allerdings hätte wohl selbst die Nässe den tausenden Feierlustigen in der Innenstadt nichts ausgemacht, schließlich lebt man hier eine Tradition, die es seit über 50 Jahren gibt.

Nur noch wenige werden sich an die Entstehung der Idee im „Posthörnle“ an der Pliensaustraße in den 1960er Jahren erinnern. Den meisten wird es auch egal sein. Einige waren schon sehr früh unterwegs und ganze Familienverbände verabredeten sich zum Beispiel im „uferlos“ an der Maille zum Frühstück. Inhaberin Marina Siaga war dementsprechend guter Dinge. Zum einen bringt der Heilige Vormittag seit Jahren viele Gäste in das Bistro und zum anderen steht zum Jahreswechsel bei ihr ein längerer Urlaub bevor. „Es geht nach Griechenland“, freut sie sich. Da sei es zwar auch nicht unbedingt viel wärmer, „aber“, kommt sie ins Schwärmen, „man sieht die Sonne viel länger“.

Erster Sekt, letzter Glühwein

In der Maille versammelten sich mittlerweile immer mehr Feierfreudige. Wie beim Stehempfang genossen einige beim Café Maille ihren ersten Sekt seit Langem oder einen der letzten Glühweine des Winters. Immerhin hat der Heilige Vormittag ja gleich mehrere Bedeutungen. Abgesehen von einigen Last-Minute-Einkäufern auf der Suche nach besonderen Weihnachtsgeschenken oder Schnäppchen lautete das Credo in Esslingen: Begegnen, Feiern, Abschied nehmen.

Letzteres gilt allerdings nicht für die menschlichen Beziehungen, sondern für das Traditionsgetränk zur Weihnachtszeit. An vielen Treffpunkten wurden die Tassen mit Glühwein erhoben. Dieser heiße, süffige Traubensaft mit Schuss schmeckt den meisten nach Weihnachten einfach nicht mehr. So fanden beim Krok, im Bermuda-Dreieck von Astra, Lolas und Einhorn und auch beim Karmeliter schon vermehrt Sekt und Bier den Weg in die Gläser und Kelche. Wobei die Sektkellerei Kessler eindeutig dem Qualitätsschaumwein den Vorrang gab. Auch um die Stadtkirche herum war daher ab elf Uhr nicht mehr viel Platz. Wer am Krok mitfeiern wollte, musste früher aufstehen, der Platz dort füllte sich bereits kurz nach 10 Uhr mit den ersten Gästen. Einige konnten wohl das gemeinsame Schmücken des Weihnachtsbaumes zuhause nicht abwarten und hatten sich direkt selbst mit passender Dekoration zum Hingucker verziert. Hüte, Elchgeweihe und Nikolausmützen wurden gesichtet.

Während in den Gassen der Innenstadt noch die Straßenmusiker mit Gitarre, Posaune oder Akkordeon versuchten, die Passanten mit Weihnachtsmelodien zu begeistern, waren die Klänge aus den Lautsprechern der mitgebrachten Pads und Handys schon etwas moderner. Die Stimmung war überall fröhlich und ausgelassen. Am Sekt nippend ließen viele das vergangene Jahr Revue passieren, erzählten sich von den nahen Urlaubsplänen oder verrieten das Menü für die Festtage. Lachend wurde über das drohende Hüftgold hinweggesehen. Man habe ja dann wieder ein Jahr Zeit, dieses loszuwerden.

Export nach Kanada

Für viele war der Heilige Morgen vor allem ein Moment des stressfreien Weihnachtstrubels. Einfach mal die Zeit stehen zu lassen, sich mit Freuden oder alten Bekannten treffen und gemeinsam zu feiern. Und da waren es nicht nur Esslinger, die den Heiligen Vormittag auskosteten. Eine Familie aus Vancouver, Kanada, besucht zurzeit ihre Familie in Ostfildern. Sie kannten den Heiligen Vormittag bisher nur aus Erzählungen und wollten sich das mal live anschauen. Tochter Melissa war begeistert: „Dass so viele Menschen einfach in die Stadt gehen, nur um herumzustehen, zu trinken und feiern, ist großartig.“ Für Mama Heather Williams sind die Ansammlungen von Menschen ungewohnt: „In Vancouver ist jeder immer gestresst, gerade zur Weihnachtszeit. Da sollten wir uns an der Esslinger Gemütlichkeit ein Beispiel nehmen.“ Sie wollen zuhause auf jeden Fall vom Heiligen Vormittag in Esslingen erzählen. So dürfte die langjährige Tradition des Heiligen Vormittags nicht nur für die Esslinger zum Mekka der Vorweihnachtsfeiern geworden sein.

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