Fast jeder hatte schon einmal einen Marco Polo, Baedeker oder Dumont im Gepäck. Dahinter stehen die Stuttgarterin Stephanie Mair-Huydts und eine abenteuerliche Familiengeschichte.
Von Down Under geht es die Treppen hinauf über Berlin nach New York, wo sich auf der zweiten namensgebenden Etage die Tür in die Welt von Stephanie Mair-Huydts öffnet. Hunderte Reiseführer und viele Familienbilder flankieren die Bürowände, am Regal lehnt ein Hula-Hoop-Reifen, den die Verlegerin von MairDumont in mancher Pause schwingt.
Hier blickt sie über die Fildern zum Stuttgarter Flughafen, wo in diesen Ferientagen Tausende Passagiere mit ihren Reiseführern hinausfliegen, nach Sizilien, Griechenland oder Fidschi. „Ich liebe Ausblicke wie diese“, sagt sie. Auch deshalb fühle sie sich in der Region Stuttgart mit all ihren Hügeln wohl.
Kemnat ist bei den Reiseführern ein Kosmopolit
In Kemnat, einem 5000-Seelen-Stadtteil von Ostfildern, versteckt sich der weltgrößte Reiseverlag, der den meisten nur so bekannt ist wie ein Geheimtipp auf Spitzbergen. Und doch stammt jeder zweite in Deutschland gekaufte Reiseführer von hier – allen voran Marco Polo, Dumont und Baedeker, dazu die Karten von ADAC, Falk oder Kompass. Es ist fast so, als man den Verlag, der seine Leser und Leserinnen „zu Entdeckerinnen und Entdeckern“ machen möchte, selbst erst entdecken müsste.
Das Entdecken-Motto hat Mair-Huydts geprägt, nachdem sie 2010 die Führung von ihrem Vater Volkmar Mair übernahm. Dessen Vater Kurt hatte den Verlag 1948, vor 75 Jahren, in einem von Bomben beschädigten Stuttgarter Büro als Kartografisches Institut gegründet. Sein „Shell Autoatlas“ sollte noch Jahrzehnte später in den Handschuhfächern liegen.
Längst reisen die Menschen auch digital durch die Welt. Mair-Huydts zieht aus den Büroregalen die Führer von Marco Polo und Kompass, sie alle bieten auch Apps für die Erkundungen vor Ort. Die 60-Jährige, deren Geburtstag mit dem Welttag des Buches zusammenfällt, hat sich Notizen gemacht, sie sei gründlich, sagt sie und lacht. „Ich bekomme oft zu hören, dass ich ins Detail gehe, aber ich möchte alles verstehen, da kann ich etwas lästig werden.“ Sie lacht viel und ungekünstelt, hört aufmerksam zu. Eine Mitarbeiterin in einem der Besprechungsräume sagt, dass „Stephanie“ bodenständig und aufgeschlossen sei, dass sie „mittendrin sein möchte“, auch deshalb habe sie ihr Büro im zweiten statt im obersten Stock. Die Umstehenden nicken.
Das Duzen bot Mair-Huydts allen vor sechs Jahren an, als sie im Führungskreis eine neue Geschäfts-„Vision“ erarbeitet hatten. Dieser Moment sei für sie „sehr emotional“ gewesen, ein Zeichen, dass sich die Unternehmenskultur tatsächlich verändere.
Schon zuvor hatte sie den Frauenanteil auch auf der Führungsebene des Verlages auf 50 Prozent erhöht und die betriebseigene Kita Marco Polo Kids errichtet. Sie selbst hätte sich diese Kita bereits für ihre beiden – inzwischen erwachsenen – Kinder gewünscht, sagt sie und öffnet einen jener himbeerfarbenen, „visionären“ Ordner, die im Verlag Kultstatus besitzen.
Reiseführer sind genau auf konkrete Zielgruppen zugeschnitten
Caro, Pia und Susanne erscheinen als Bildgeschichten darin, die personifizierten Essenzen des kompletten Verlagsprogramms. Was sie stellvertretend denken und wissen, wie viel sie verdienen und reisen, erschließt alle Reiseführerreihen mit ihren Ablegern: Rund 1000 Titel und vier Millionen Bücher waren es im vergangenen Jahr, dazu kamen noch zwei Millionen verkaufter Karten. Caro (30) etwa steht für die „maximal entspannte“ Welt der Marco-Polo-Serien und ist mit jedermann per Du. Pia (40) taucht ein in fremde Kulturen, in die Welt der Garküchen und Straßenmärkte von Dumont und Stefan Loose. Weil sich Susanne (50) das Besondere leisten kann, wurde den zugehörigen Baedeker-Reihen ein samtener Einband verpasst.
Kein anderer Reiseverlag hat das Konzept der auf Zielgruppen maßgeschneiderten Reiseführer so weit getrieben wie Mair Dumont. Für Mallorca oder andere Topdestinationen schaffen es mittlerweile ein halbes Dutzend Reiseführer in die Buchhandelsregale. „Zuvor wollten wir mit jedem Reiseführer alle beglücken, da hätten den Händlern drei Reihen gereicht. Aber keiner hätte die Reisenden ganz zufrieden gestimmt.“
An etlichen der Reiseführerziele hat sie selbst schon gelebt. In der Schweiz promovierte sie über die mittelständische Druckindustrie. Bevor sie im Verlag ihres Vaters einstieg, machte sie Praktika bei Banken, Konsumgüter- und Medienunternehmen in New York, England und Paris. Seit Langem ist sie mit einem Niederländer verheiratet, den sie „ihren treuesten Wegbegleiter“ nennt, vor allem schätze sie seine Offenheit und Toleranz. Welch „wunderbarer Zusammenschluss von unterschiedlichsten Kulturen“ Europa doch sei, nur schätzte man die eigene Freiheit zu wenig: „Wir müssen uns mehr für die Demokratie einsetzen und auch für die Natur. Beides ist in Gefahr.“
Jetzt wütet im Osten Europas der Krieg, viele Menschen flüchten, anstatt zu reisen. Als ihr Großvater nach dem Zweiten Weltkrieg in Stuttgart das Kartografische Institut Kurt Mair gründete, lag der Tourismus am Boden. Für den ersten „Shell Atlas“ ließ der Österreicher Hunderttausende Straßenkilometer in Deutschland neu vermessen, 100 Kartografen arbeiteten daran. Mair selbst war in den 1920er Jahren mit Ehefrau Hilde und dem Auto in Nordafrika, auf dem Balkan und selbst am Polarkreis unterwegs. Er hatte die Alpen kartografiert und den Klassiker „Die Hochstraßen der Alpen“ geschrieben. Als er 1957 unerwartet starb, übernahm sein Sohn Volkmar den Verlag – mit gerade einmal 26 Jahren, mitten in der Promotion.
Vater Volkmar Mair (92) steigt fast täglich zum Schwimmen in den Bodensee
Jetzt ist er 92 Jahre und meldet sich vom Bodensee am Telefon. „Da hat man sich in die Pflicht gestellt und gesagt, das musst du machen. Die Familienfrage war damals größer als heute.“ Volkmar Mair ist an diesem Morgen bereits bei Unteruhldingen ins Wasser gestiegen, die berühmten Pfahlbauten im Blick. Fast täglich zieht er seine Runden. Dienstags jedoch pendelt er nach Stuttgart, um seine Tochter im Büro zu treffen. Noch immer sei er „brennend interessiert“ am Verlag, sagt er, man freue sich sehr aufeinander.
Schon als Kind habe Stephanie mit ihm und ihrem jüngeren Bruder Frank den Wilden Kaiser bestiegen und ihn beim Segeln begleitet – „auch bei Sturm, das waren muntere Touren“. Er selbst segelte schon um das Kap Horn und ging auf einem russischen Eisbrecher an Bord. Im Verlag konnte er seine Tochter auch in unruhigen Zeiten an den Aufgaben wachsen sehen. Nie habe er sie „gängeln“ wollen – „das hätte sie auch nicht gewollt“. Ohnehin habe sie ein enormes Durchhaltevermögen, ihre Energie sei „unglaublich“, sagt Mair. Als er vor 13 Jahren das operative Geschäft übergab, war dieses Mal der Generationenwechsel jahrelang vorbereitet worden. „Ich wusste, dass das Ding in guten Händen ist.“
Auch Stephanie Mair-Huydts führt die Reiseabenteuer von Vater und Großvater fort, war schon mit der Transsibirischen Eisenbahn unterwegs. Von ihrem Vater habe sie auch „die positive Lebenseinstellung und Tatkraft“ übernommen, „und dass kein Mensch besser als ein anderer ist“, erzählt sie.
In der Verlagsführung geht sie aber eigene Wege. „Mein Vater war stolz darauf, alles selbst machen zu können – das geht in der heutigen Komplexität und Größe nicht mehr. Wir brauchen ganz viele.“ Und doch hat sie ihre eigene Wegmarke gesetzt: Der Großvater hat sich mit dem „Shell Autoatlas“ verewigt und der Vater den Marco Polo gegründet – mit den „Eskapaden“ hat Mair-Huydts ihre Erfolgsgeschichte geschrieben.
Als in der Pandemie das Reisen kaum möglich war, schärfte sie das Verlagsprofil erneut – für die Erkundungen vor Ort, für das nachhaltige, langsame Reisen. 60 „Eskapaden“ mit jeweils „52 Ausflügen und Miniurlauben“ hat der Verlag seitdem publiziert – ob über das Allgäu, Freiburg oder das ostwestfälische Lippe. „Wichtiger als der Marco Polo“ sei die Reihe in den Coronajahren gewesen, sagt Mair-Huydts. Inzwischen gibt es viele weitere Serien wie „Camper-Guide“, „Feierabend-Eskapaden“ und „Radelzeit“. Instagrammer führen in „Guide Me“ durch ihre Heimatstädte und Freizeitparks. Im Herbst erscheint die „Wanderzeit“ für den „Schlendermodus“. „Diese Trends bleiben, damit werden wir weiter wachsen“, sagt Stephanie Mair-Huydts.
Die persönliche Eskapade von Stephanie Mair-Huydts ist der Eichenhain
Von New York geht es über Berlin die Treppen nach unten, hinein in ihren weißen Tesla und die Straße hinab. Mair-Huydts zeigt auf Bitten die persönliche Eskapade: den Eichenhain in Sillenbuch. Das Gras ist verbrannt, doch die Bäume trotzen noch der Hitze. In der Nähe weiden Schafe, am Horizont zeichnen sich die Hochhäuser des Asemwalds ab. Früher spielte sie hier oft mit den Kindern. Jetzt ist sie an manchen Wochenenden hier, zum Radfahren und Joggen.
Seit sie 1989 im Verlag anfing, wohnt sie in unmittelbarer Verlagsnähe. Auch wenn das Geschäftliche Thema beim Abendessen sei, nehme sie sich privat Zeit für die ihr wichtigen Dinge, sagt sie beim Spazierengehen. Wie mit dem Literaturkreis, wo es zuletzt um das das radikale „Blutbuch“ von Kim de l’Horizon ging – „furchtbar zu lesen, aber wahnsinnig bewusstseinserweiternd“. Auf dem Klavier spiele sie gerade die Rhapsodie von Rachmaninoff. Der Klavierlehrer kommt einmal die Woche nach Hause, dass sie auch übt. Ein Traum sei, auf einem Güterzug die neue Seidenstraße zu befahren.
Stephanie Mair-Huydts weiß, dass sie privilegiert ist
Sie ist sich ihrer Privilegien bewusst. Sie wurde am noblen Stuttgarter Frauenkopf groß, besuchte in Bad Cannstatt die Schule. Eine „fröhliche, unbesorgte und chancenreiche Kindheit“ habe sie erlebt. Auch deshalb wolle sie etwas der Gesellschaft zurückgeben – auch wenn sich das „so doof anhöre“, wie sie meint. „Aber ich bin dankbar, dass es mir so gut geht. Ich bin gesund, habe meine Familie und kann mir alles leisten, was ich mir leisten möchte.“
2004 gründete sie mit anderen den Förderverein Kinderfreundliches Stuttgart, seit 2019 ist sie auch im Stiftungsrat der Stuttgarter Kinderstiftung. Sie spricht von einem „Herzensprojekt“. „Wenn bei Kindern die Chancenungleichheit und Ungerechtigkeit schon anfängt, wie soll das dann erst später sein?“, fragt sie. Benachteiligte Grundschüler trainieren etwa beim VfB Stuttgart, danach geht es zum Deutschunterricht. Kindergartenkinder lernen von Musikern Instrumente kennen. „Allein, dass sie ausgewählt wurden, gibt den Kindern einen Schub für ihr Selbstbewusstsein.“
Es geht zum Verlag zurück, einen der Hügel hinauf, die sie der Aussichten wegen so mag. Sie habe ihrer Tochter und ihrem Sohn weitergegeben, dass sie sich trauen sollen. Mit ihren 26 bzw. 23 Jahren haben auch sie schon im Ausland studiert und Erfahrungen gesammelt. Vielleicht folgt ja die vierte Verlagsgeneration mit anderen, mit neuen Ideen. Oft habe sie ihnen einst „Pippi Langstrumpf“ vorgelesen, die Autorin Astrid Lindgren zähle zu ihren Vorbildern, sagt Mair-Huydts. „Wie sie die Fantasie anzuregen vermag, das ist etwas so Schönes. Pippi macht, was sie möchte.“
Die Autorinnen und Autoren hinter den Titeln
Autoren
Mit 800 Autorinnen und Autoren arbeitet Mair Dumont zusammen. „Künstler“ seien es, „sie müssen schreiben können und akribisch sein“, sagt Stephanie Mair-Huydts. Gegenchecken, welches Café noch geöffnet hat, den Restaurant-Tipp selbst in Augenschein nehmen. Im Schnitt werden die Reisebücher alle zwei Jahre aktualisiert. Bei einem Marco-Polo-Führer wird ein Drittel des Inhalts ausgetauscht, bei einem Baedeker mit vielen Hintergrundtexten ist es weniger.
Existenzen
Es sind Künstler, die fast alle in den Reiseführer-Orten leben – und auf eigene Rechnung arbeiten, denn nur die Kernmannschaft in der Zentrale ist fest angestellt. Als in der Pandemie der Markt für Reisetitel zusammenbrach, schob man in der Zentrale Frust – weiter draußen bangten die Autorinnen und Autoren um ihre Existenzen, zum Glück hatten ohnehin die meisten noch einen anderen Job. Mit der neuen Reiselust aktualisierten sie zuletzt so viel wie noch nie: Das aktuelle Sommerprogramm ist das größte der Verlagsgeschichte.