Sandra Wurster möchte Frauen zu einem besseren Körper- und Selbstwertgefühl verhelfen. Foto: PR/JeanetteBak

Sandra Wurster aus Stuttgart möchte Menschen zum Tanzen animieren. Mit ihrem neuen Buch „Bring dein Herz zum Tanzen“ hat sie eine Anleitung geschrieben, wie Menschen durch Tanzen innere Stärke und ein besseres Körpergefühl entwickeln können.

Als kleines Mädchen hat sie sich ständig anhören müssen: „Zieh Kleidung an, die dich schlank macht.“ Oder: „Dicke“ könnten nicht schön und erfolgreich sein oder auf Bühnen tanzen. Lange hat Sandra Wurster (33) aus Stuttgart deshalb „den Bauch eingezogen“ oder versucht, mit hungern Gewicht zu verlieren. Irgendwann habe sie auf den ständigen Zwang sich zu optimieren, keine Lust mehr gehabt, schreibt sie in ihrem neuen Buch „Bring dein Herz zum Tanzen“. „Ich wagte ein ‚Experiment’ und veränderte endlich mein Ziel von ‚Dünnhausen’ in ‚Endlich-ich-Hausen’ und baute mir meine eigene Bühne.“

Tanzen hat immer zu ihrem Leben dazugehört

Ihren Buchtitel meint sie nicht nur im übertragenen Sinne. Sandra Wurster tanzt seit sie fünf Jahre alt ist, erzählt sie bei einem Besuch bei ihr Zuhause in Botnang. „Das ist mein ganzes fucking Leben!“ Sie erinnert sich aber eben auch noch zu gut an Schamgefühle in der Tanzschule, weil sie sich zu dick fühlte, weil sie Angst hatte, nicht „ästhetisch“ genug zu sein. Wenn sie schon nach 20 Minuten stark geschwitzt habe, habe sie sich eingebildet, die anderen denken: „War ja klar, dass die Dicke nicht mehr kann.“

Sie erzählt auch von Tanzlehrerinnen, die ihr an den Bauch gefasst hätten und meinten, mit mehr Tanztraining seien die überflüssigen Pfunde am Bauch schneller weg als sie schauen könne. In den Blicken der anderen meinte sie die Frage zu erkennen, was sie überhaupt dort wolle und ob „so eine wie sie“ überhaupt tanzen könne.

„Für mich stellt sich gar nicht mehr die Frage, ob Bewegung wichtig ist oder ob wir uns bewegen sollten“, sagt auch Sandra Wurster. Ihre liebste Bewegungsform sei tanzen. Aber eben nicht um abzunehmen, sondern um sich gut zu fühlen. Und aus eigener Erfahrung könne sie allen anderen, die sich „als unsportlich“ sehen würden, deshalb empfehlen zu tanzen. Sie rate auch jeder Frau mal einen Kurs in Burlesque-Tanzen oder Pole-Dance zu machen. Es könne helfen, Ekstase oder Lust zu empfinden und sich wohler im eigenen Körper zu fühlen.

Tanzen hält körperlich gesund, tanzen macht aber auch glücklich. Eine australische Studie kam zu dem Ergebnis, dass Tanzen sogar den stärksten Effekt bei Depressionen hat – im Vergleich mit anderen Ausdauersportarten wie joggen und schwimmen. Der Psychologe Michael Noetel von der Queensland Universität in Australien verglich in einer Metastudie verschiedene Behandlungsmethoden bei Depressionen. Die 218 ausgewählten Studien mit insgesamt 14 170 Teilnehmenden befassten sich entweder mit der Wirksamkeit verschiedener Bewegungsformen, der Einnahme von Antidepressiva in Form selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) oder kognitiver Verhaltenstherapie.

Tanzen ist auch ein Stimmungsaufheller

„Tanzen ist eben nicht nur ästhetisch, es ist auch ein Stimmungsaufheller“, das ist auch Sandra Wursters eigene Erfahrung. Heutzutage wolle jeder „heilen“, habe einen Coach oder Therapeuten, aber das findet aus ihrer Sicht alles viel zu sehr „im Kopf statt“: „Gefühle müssen fließen“, glaubt sie. Und schon kleine Kinder würden sich zu Musik bewegen, wippen oder tanzen, es sei eine „sehr natürliche Form“ der Bewegung.

Deshalb wolle sie mit ihrem Buch, aber auch mit ihren Workshops und Coachings anderen Frauen vermitteln, dass jede tanzen könne. „Das ist nicht nur für talentierte, gut aussehende oder dünne Personen“, sagt Wurster.

Vor einigen Jahren hat sie auch das Unternehmen „Bauchfrauen“ gegründet, um alle Frauen zu ermutigen, mit sich und ihrer Figur zufrieden zu sein. Vor allem wer als übergewichtig gilt, wird in unserer Gesellschaft immer noch stark diskriminiert trotz Body-Positivity-Bewegung. Mythen, wie „dicke Menschen sind faul, bewegen sich nie und essen ständig“, halten sich nach wie vor hartnäckig.

Warum sollen nur schöne Menschen tanzen können

Dagegen will Wurster ankämpfen. Für die anderen Frauen. Aber auch für sich selbst. Tanzen sei dabei sehr gut für Menschen mit großen Körpern, die negative Erfahrungen hatten, sagt sie. Noch immer würden wir lernen „gut aussehen“ über den Körper zu lösen. „Aber das lösen wir nicht im Außen“, findet sie. Auch würde immer zu sehr vermittelt, man müsse erst das und das haben, um glücklich sein zu dürfen. „Aber du bist ja wertvoll, weil du existierst“, sagt sie.

Manches prangert sie auch in der Tanzszene an, denn teils sei diese sehr diskriminierend. So sei es ein „trauriges Phänomen“, dass in Tanzschulen und Yogastudios hauptsächliche dünne Menschen anzutreffen seien. Sie selbst entspreche mit ihrer Figur nicht dem „Pretty-Privilege“ – so werden Menschen bezeichnet, die einem vermeintlich klassischen Schönheitsideal entsprechen: schlank, groß, symmetrisches Gesicht.

Angefangen hat Wurster als Tanzpädagogin und -lehrerin. Inzwischen sie ist aber nicht nur Unternehmerin und Autorin, sondern versteht sich auch als „Selbstliebe-Expertin“. Auf Instagram und in ihren Workshops setzt sie sich für ein besseres Körperbewusstsein ein. Sie will mit ihren Posts und ihren Büchern Frauen ermutigen, ein „selbstermächtigendes Leben“ zu führen und auch Veränderungen anzugehen.

Ihr Leben ist ihre Bühne

Und das versucht sie auch bei sich selbst. „Ich liebe den Prozess“, sagt sie. Sie wage deshalb immer wieder Neues. Im nächsten Jahr will sie für ein Jahr auf Reisen gehen. Dazu müsse sie „ihre innere Sicherheitsliebe“ überwinden. „Ich bin halt ein richtiger Steinbock“, ergänzt sie dazu noch. Die Reise ist für sie vor allem etwas Besonders, weil Wurster lange an Ängsten und Panikattacken litt, wie sie offen zugibt. Vor allem Flugreisen oder weit weg von zu Hause zu sein, sind ihr lange schwer gefallen.

Sie musste lange an sich arbeiten, damit ihr die Meinung anderer egal ist. Häufig hätten sie viele Menschen in ihrem Umfeld als „zu laut“, „zu bunt“ oder eben „zu dick“ empfunden, sagt sie. Sie kritisiert, dass die Gesellschaft es nicht gewohnt ist, dass dickere Frauen Raum einnehmen und sogar Spaß daran haben. Und ja ihr Stil ist bunt und auffällig, sie redet schnell und viel. Dafür will sie sich auch nicht mehr kritisieren lassen. „Ich bin jetzt meine eigene Lebensabenteuerin“, sagt sie dazu nur.

Bei ihr geht es im Gespräch, in ihren Kursen und in ihrem Buch daher nicht nur ums Tanzen, sondern auch viel um Selbstreflexion, Gesundheits- und Körperbewusstsein. Überhaupt hat Wurster das 1x1 der Selbstliebe-Coaches, die sich in sozialen Netzwerken inzwischen zu Tausenden tummeln, gut drauf: Selbstliebe, Sternzeichen, Abkehr von der Leistungsgesellschaft, Du-darfst-so-sein-wie-du-willst – Wurster kann die Buzzwords der Selbstliebe-Community in- und auswendig. Eine psychotherapeutische Ausbildung hat sie aber nicht, sie ist staatlich anerkannte Tanzpädagogin.

Manche ihrer Ratschläge klingen leicht esoterisch, wie zum Beispiel auch gemäß dem eigenen Zyklus und in der „weiblichen Energie“ zu leben. Das ist sicher Geschmackssache. Das Zurückgreifen auf klare, geschlechtliche Rollenverteilungen – die männliche Energie wird dabei als die starke, dominante und führende beschrieben, die weibliche hingegen als passiv, weich, sensibel und empfangend – ist seit einiger Zeit in Instagram- und Tiktok-Kreisen weit verbreitet. Auf manche habe es einen positiven Effekt, sagt Sarah Pohl, Leiterin der Zentralen Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen in Baden-Württemberg, weil es der Orientierung diene und der Reduzierung von Komplexität. „Aber es ist eben eine sehr männerdominierte Sicht auf Frauen. Es wird klar vorgegeben, wie ich als Frau zu sein und wie ich mich anziehen und verhalten muss, um als weiblich zu gelten“, sagt Pohl.

Sandra Wurster wiederum findet, dass es ihr besser gehe, seit sie sei nicht mehr zu sehr „ihre männlichen Anteilen“ auslebt, sondern „weich, empfangend und emotional“ sein darf und auf ihren Körper achtet während ihres Zyklus, so schreibt sie es in ihrem Buch.

Mit Tanzen zu einem besseren Lebensgefühl

Leben
Die Stuttgarterin Sandra Wurster ist ausgebildete Tanzpädagogin und tanzt schon seit sie ein kleines Mädchen ist. Heute arbeitet sie als Autorin, Speakerin und Coachin. Im Jahr 2017 gründete sie das Label „Bauchfrauen“.

Buch
Ihr aktuelles Buch „Bring dein Herz zum Tanzen. Finde zu deiner inneren Stärke und feiere deinen Körper“ ist ein persönlicher Ratgeber dafür, wie man mit dem Tanzen beginnt und wie man sich selbst besser akzeptieren könnte. (nay)