Zwei Typen, ein Outfit: der Look des Weihnachtsmanns ist leicht zu kopieren. Foto: dpa/Lino Mirgeler

Früher blamierten sich Verliebte im Partnerlook. Heute sind es spätpubertierende Eltern in der Stuttgarter City.

Stuttgart - Kurz vor dem Lockdown in der Schulstraße. Man steht mit beschlagenen Brillengläsern in der langen Menschenschlange vor dem Bäcker, zuppelt an seiner juckenden Gesichtsmaske herum, schaut durch den eigenen Atemnebel den anderen Gehetzten beim Endzeit-Shopping zu und findet in diesem Dezember alles: ganz, ganz traurig.

Kichern und lästern

Dann, plötzlich, wanken zwei bemüht lustige Gestalten an einem vorbei, die sich lauthals lachend den Weg durch die Menschenmenge in Richtung Königstraße bahnen. Wieso man die zwei untergehakten Damen, eventuell Mutter und Tochter, überhaupt so deutlich beim Kichern, Lästern und Lachen hören kann? Die Frauen verzichten beide auf jegliche Maskierung. Es gibt immer noch welche, die sich für immun halten, auch ohne Impfung – und die deprimierte Maskentypen mit beschlagenen Brillengläsern verhöhnen. Sollen sie doch. Dafür sehen sie auch echt beknackt aus, haben sich im Partnerlook verkleidet, tragen rote Filzmützen mit weißem Kunstfellbesatz und dicken Puscheln. Trara, der doppelte Weihnachtsmann ist da.

Heiße Paare

Da werden Erinnerungen wach. Man denkt an ferne Zeiten, in denen nur religiöse Fundamentalisten ihr Gesicht verhüllten und heitere Paare noch identische Frisuren und Kleiderschränke besaßen. Wenn man beispielsweise Anfang der 90er Jahre zwei Menschen mit, sagen wir, identischen, hell gesprenkelten Jeansjacken in sogenannter Moonwashed-Optik begegnete, gab es drei mögliche Erklärungen für diese Klongeschichte: Entweder handelte es sich hierbei um einen schweren Fall von Geschmacksverlust durch übermäßigen Gebrauch von toxischem Haarspray. Oder es drehte sich um die ganz große Liebe. Oder dieses heiße Paar war eine Vorwende-Beziehung und hatte seinen Kleiderschrank in der ehemaligen DDR bestückt. Der freiwillige Konformismus jener Dekade hatte stets etwas Rührendes, weil man ahnte, wie schwierig die (damals smartphonlose) Abstimmung vor dem großen Auftritt in der Öffentlichkeit gewesen sein musste, zumal nur wenige Klamotten beiden gut standen. Dicke Männerarme in Fledermausärmeln? Unterernährte Frauenkörper in zirkuszeltgroßen College-Jacken?

Unisex mit Knutschfleck

Genau: Die 90er waren mindestens so peinlich wie die 80er. Und einer war immer der Depp. In jener Zeit sah man andauernd doppelt, da halfen weder Entziehungskuren noch Augenärzte. Und es roch überall nach CK One, es war das erste Unisex-Parfum überhaupt. Im Jahr 1994 in großen Werbekampagnen lanciert, gehört Calvin Kleins geschlechtsneutrales CK One noch heute zu den beliebtesten Düften überhaupt. Wer im Jahr 2020 freiwillig so roch, bekam garantiert seinen ersten Knutschfleck in den 90ern. Ein Paar, ein Geruch, so unkompliziert konnte die Liebe sein.

Heidi und Leni

Früher war eben mehr Lametta. Heutzutage reicht es schon, sich paarweise Weihnachtsmannmützen aufzusetzen und ohne Mund-Nasen-Schutz zu lärmen, um Aufmerksamkeit in der Fußgängerzone zu erhaschen. Oder man heißt Heidi Klum, weswegen man mit der Tochter namens Leni auf dem Cover der „Vogue“ landet – und zwar im Partnerlook. Ist das cool.

Ewige Pubertät

Oder auch nicht. Denn seit einigen Jahren darf man sich wieder über den sich ausbreitenden Partnerlook-Virus Sorgen machen, die Infektionsrate rund um den Breuninger, in der Stiftstraße und im Dorotheen-Quartier ist enorm. Minime-Trend nennt sich dieser anhaltende Spleen. Nur dass es nicht mehr Männer und Frauen sind, die ihre Garderobe aufeinander abstimmen – sondern Mütter und Töchter, seltener Väter und Söhne. Der Effekt ist gespenstisch: Die Großen werden zu Kindern, die Kleinen zu Erwachsenen. Die ewige Pubertät. Wie damals in den 90ern, nur noch schlimmer.