Dieses Bild von Elisabeth Heim steht bei ihrer Tochter auf dem Esstisch. Foto: privat/Familie Heim

Ein Sturz im Treppenhaus bringt Elisabeth Heim erst ins Krankenhaus und dann in eine Rehaklinik. Dort infiziert sie sich mit dem Coronavirus. Was für die pensionierte OP-Schwester folgt, ist ein einsamer Abschied.

Stuttgart - Das Foto steht bei Beate Heim auf dem Esstisch, in einem silbernen Rahmen, mit einem Sträußchen Blumen und einer Kerze davor. Manchmal legen die Kinder ein Bild oder etwas Gebasteltes dazu. Elisabeth Heim lächelt darauf, ihre Augen schauen herzlich und zuversichtlich. „So ist sie immer bei uns.“ So möchte Beate Heim ihre Mutter in Erinnerung behalten, nicht wie sie sie ein letztes Mal sah: Dem Tode nah und „so unendlich zerbrechlich“ in einem Reutlinger Krankenhausbett, mit einer Sauerstoffmaske, die ihr beim Atmen helfen sollte. Elisabeth Heim starb am 27. Dezember 2020 an Corona. Sie wurde 72 Jahre alt. Sie fehlt – ihrer Tochter, ihrem Sohn, den Enkelkindern.

Als Elisabeth Heim in der Reutlinger Klinik lag, sprach sie selbst mit den Ärzten über ihren Zustand. Sie war vom Fach. Jahrzehntelang hatte sie im Stuttgarter Katharinenhospital als OP-Schwester in der Neurochirurgie gearbeitet. Hochanspruchsvolle Arbeit, komplizierte Operationen. Wenn ein Assistenzarzt danach hurtig zunähen wollte und es für ihr Gefühl an der nötigen Sorgfalt mangeln ließ, mahnte sie ihn: „Stellen Sie sich mal vor, hier läge Ihre Frau.“

Eine oberschwäbische Kindheit

Die Ausbildung zur Krankenschwester war ihr Ticket vom oberschwäbischen Dorf in die Großstadt: 1948 kommt Elisabeth Loderer in Hopferbach zur Welt. Zusammen mit ihren Eltern und ihren beiden Geschwistern lebt sie auf einem Bauernhof. Doch Elisabeths Kindheit ist keine Idylle: Kinder haben mitzuhelfen auf dem Hof, bei der Kartoffelernte und wenn sie nicht spuren, gibt es auch Schläge. Tief katholisch ist die Region und so wird Elisabeth auch erzogen. Bis zuletzt konnte sie die Furcht vor dem jüngsten Gericht nicht ganz ablegen.

Trotz sehr guter Noten muss die Landwirtstochter die Dorfschule nach der achten Klasse verlassen. Dass sie ein Gymnasium besuchen könnte, ist weder finanziell drin, noch für ein Mädchen vorgesehen. Mit 16 verlässt Elisabeth den elterlichen Hof und nimmt in Ulm eine Stelle als Haushaltshilfe, dann als Stationshelferin in einem Ulmer Krankenhaus an. Schließlich beginnt sie 1966 in Wangen im Allgäu die Ausbildung zur Krankenschwester. „Der Beruf war ihre große Leidenschaft, darin ist sie aufgegangen“, sagt ihre Tochter.

Mit dem VW-Bus nach Marokko und Norwegen

1968 lernt Elisabeth Loderer ihren späteren Ehemann kennen. Ein Architekturstudent aus Stuttgart, aus wohlhabendem Haus. Mit der Ehe lassen die beiden sich Zeit. Es sind die 60er Jahre, eine Zeit des Aufbruchs und der Rebellion gegen alles althergebrachte, verstaubte. Mit einem VW-Bus fahren sie durch Europa, bis nach Marokko oder Norwegen. Im Münchner Szeneviertel Schwabing leben sie ohne Trauschein zusammen – damals bei Weitem keine Selbstverständlichkeit. Es gibt Bilder von Abenden mit Freunden – „in den heißesten Klamotten“. 1973 heiraten die beiden, Elisabeth trägt Minikleid.

1974 kehrt das Paar nach Stuttgart zurück und zieht ins große Haus des Schwiegervaters. Innerhalb von zwölf Monaten bekommt Elisabeth Heim zwei Kinder: Im August 1975 kommt Beate zur Welt, im August 1976 Christoph. Doch schon bald nach der Geburt der Kinder gerät die Ehe ins Wanken. Elisabeth Heim ist ihr Beruf zu wichtig, als dass sie sich nur auf die Rolle als Hausfrau und Mutter beschränken lassen will. Ihr Mann schaut sich indes auch nach anderen Frauen um.

In einer Woche das komplette Leben umgekrempelt

1980 ändert Elisabeth Heim innerhalb einer Woche ihr komplettes Leben: Sie holt sich ihre alte Stelle am Katharinenhospital zurück, sichert sich für ihre beiden Kinder zwei Plätze im Betriebskindergarten und reicht die Scheidung ein. Was folgt, ist ein jahrelanger Streit um den Unterhalt. „Meine Mutter war komplett überlastet, ganz allein, sie hatte keine Unterstützung. Ihre Familie war weit weg und ihre Eltern waren entsetzt, dass sie sich hat scheiden lassen“, erinnert sich Beate Heim.

Elisabeth Heim rutscht in eine depressive Erkrankung, mit der sie bis zu ihrem Lebensende ringt. Die Diagnose Burnout stellt damals noch niemand. Beate Heim erinnert sich, unter welchem Druck ihre Mutter stand: „Ständig die Frage: Wie schaffe ich das alles? Die Arbeit, die Kinder, das Finanzielle. Dazu kamen die Schuldgefühle wegen der Scheidung.“ Die Drei – Mutter, Tochter, Sohn – halten zusammen, sind aber auch weitgehend auf sich alleine gestellt. Elisabeth Heims Ex-Mann kümmert sich kaum. „Das war schwer für uns Kinder, aber auch sehr verbindend.“ Schließlich muss die Familie auch aus dem großväterlichen Haus im Stuttgarter Westen aus- und in eine Hochhauswohnung in Botnang einziehen. Der Kontakt zum Vater bricht ab. Ihre Tochter weiß um die Vorwürfe, die Elisabeth Heim sich macht: „Meine Mutter hatte das Gefühl: Durch meinen Entschluss habe ich meinen Kindern viel genommen.“

Beate und Christoph müssen schnell erwachsen werden. Das Verhältnis zwischen Mutter und Kindern kehrt sich in den Jahren immer mehr um: „Wir mussten uns viel zu früh Sorgen um unsere Mutter machen, auf sie Acht gegeben, nicht umgekehrt“, erinnert sich die Tochter. „Doch wir haben die Dinge in tiefer Verbundenheit und gegenseitigem Respekt gemeinsam getragen.“

Ein Leben umgeben von Büchern

Ende der 90er Jahre zieht Elisabeth Heim noch einmal in eine neue Wohnung: In der Rosenbergstraße, in unmittelbarer Nähe zum Katharinenhospital. „Für sie war es das erste richtige Zuhause.“ Hier lebt Elisabeth Heim 23 Jahre lang, bis zu ihrem Tod. Ihre Tochter sieht sie noch vor sich: Auf dem Balkon in der Sonne, bei einem Kaffee und einer Zigarette. In den Regalen ihre unzähligen Bücher, viele über Theologie und Psychologie. „Sie hatte so viele Fragen, sie war eine ewig Suchende.“

Doch die Depression bleibt. Immer wieder unterbrechen Klinikaufenthalte ihr Arbeitsleben, mit 61 geht die OP-Schwester in Rente. Elisabeth Heim zieht sich immer mehr zurück, „sie hatte das Gefühl, sie könne sich niemandem zumuten.“ Ihre einzigen Freunde sind ihre Kinder und ihre drei Enkel – auch wenn sie die fitte Oma, die mit den Enkeln in die Wilhelma geht oder für alle Pfannkuchen backt, nicht sein kann. 2018 machen Elisabeth, ihre Tochter und deren drei Kinder eine Urlaubsreise an den Gardasee – „im Rückblick war das unser letztes schönes gemeinsames Erlebnis.“ Doch ab da geht es Elisabeth Heim auch körperlich zunehmend schlechter, sie isst sehr wenig, nimmt ab, wird schwächer.

Dann kommt das Coronajahr 2020. Elisabeth Heim geht kaum mehr aus dem Haus. Sie leidet an Osteoporose, wiegt nur noch 44 Kilo, ein Pflegedienst muss kommen. „Sie hat kaum mehr etwas gegessen“, sagt Beate Heim. „Sie war so zerbrechlich.“ Trotz Corona sind sie und ihr Bruder für ihre Mutter da, telefonieren jeden Tag, kaufen ein, begleiten sie zum Arzt und zum Friseur, besuchen sie – mit Abstand, bei weit aufgerissener Balkontür.

Ein Sturz verändert alles

Am 3. November, als die Welt auf die Präsidentschaftswahlen in den USA schaut, betätigt Elisabeth Heim ihren Hausnotrufknopf, den sie am Handgelenk trägt. Sie ist im Treppenhaus gestürzt. Im Diakonissenkrankenhaus schiebt man sie ins CT. Die Diagnose: Beckenfraktur. Zwei Mal muss sie operiert werden. Stangen und Schrauben sollen die Knochen stabilisieren. Wegen Corona herrscht Besuchsverbot: „Wir haben sie nicht mehr gesehen, von diesem Tag bis ein paar Stunden vor ihrem Tod – fast zwei Monate lang.“

„Nach den Operationen sah sie ganz zuversichtlich einem langen und schwierigen Heilungsprozess entgegen.“ Ein Rehaaufenthalt in Bad Urach soll sie dabei unterstützen. Am Telefon berichtet Elisabeth Heim ihren Kindern, wie es mit dem Laufen immer besser klappt.

In der Reha mit Corona angesteckt

Am 18. Dezember, einem Freitag, ist es aber nicht ihre Mutter, die durchruft, sondern eine Ärztin: Die Zimmernachbarin ihrer Mutter sei positiv auf das Coronavirus getestet worden, ihre Mutter bei einem Schnelltest aber negativ. Doch noch am selben Abend wird Elisabeth Heim ins Krankenhaus nach Reutlingen verlegt. Sie hat Fieber und Husten – ein weiterer Coronatest fällt jetzt auch positiv aus. Erst am Montag kann Beate Heim mit einer Ärztin telefonieren. „Meine Mutter hatte eine beidseitige Lungenentzündung, die Lunge sah schlecht aus.“ Die Ärztin verspricht, sich zu melden, sobald sich der Zustand verändert. „Darauf haben wir vertraut.“ Beate Heim telefoniert täglich mit ihrer Mutter auf dem Handy. Sie hört den Sauerstoff rauschen, der ihrer Mutter das Atmen erleichtern soll – jeden Tag ein bisschen lauter.

Weihnachten kommt und am zweiten Feiertag kann die Tochter ihre Mutter nicht mehr erreichen, weder am Handy noch auf dem Festnetztelefon im Zimmer. Als sie auf Station anruft, sagt die Krankenschwester: Ihre Mutter kann nicht ans Telefon, es geht ihr schlecht. „Das hat mich völlig umgehauen.“ Beate Heim besteht darauf, dass sie und ihr Bruder ihre Mutter besuchen dürfen. „Wir wollten sie unbedingt noch sehen, so lange sie noch bei Bewusstsein war. Wir rechneten damit, dass sie auf die Intensivstation verlegt werden muss.“ Als die zuständige Ärztin ihr Einverständnis gibt, springt Beate Heim ins Auto, holt ihren Bruder ab und gemeinsam fahren sie nach Reutlingen.

„Niemand hat uns gesagt: Das ist jetzt der Abschied“

Mit Maske, Handschuhen und Kittel sitzen sie dann am Bett ihrer Mutter. Jeder für eine halbe Stunde. Beate Heim stellt einen von ihrer Tochter gezeichneten Schutzengel auf den Nachttisch. „Niemand hat uns gesagt, dass unsere Mutter nur noch wenige Stunden zu leben hat. Niemand hat uns gesagt: Das ist jetzt der Abschied.“ Was die Kinder nicht wissen: Die Ärztin hat am Tag zuvor mit Elisabeth Heim, der erfahrenen Krankenschwester, gesprochen. Darüber, dass sie nicht beatmet werden würde, dass dies nur eine Verlängerung ihres Leidens bedeuten würde. „Aber niemand hat das mit meinem Bruder und mir besprochen.“ Beate Heim sitzt in dem Krankenhauszimmer, hält ihrer Mutter die Hand, „Alles wird gut“, sagt die schwer kranke Frau ihrer Tochter. „Ich konnte ihr nicht einmal einen richtigen Kuss geben und sie umarmen.“ Dann müssen sie gehen und lassen ihre Mutter unter der Maske schnell atmend zurück. „Uns war nicht bewusst, dass wir sie nie wieder sehen.“

Am nächsten Morgen klingelt Beate Heims Handy: „Ihre Mutter ist in den frühen Morgenstunden gestorben“, teilt ihr die Ärztin mit, die in der Nacht Dienst hatte. Elisabeth Heim ist allein gestorben, „ohne Vitalzeichen“ habe man sie gefunden, heißt es nüchtern im Arztbericht. Nur der Schutzengel ihrer Enkeltochter war an ihrer Seite.

Konnte sie im letzten Moment ihre Angst loslassen?

„Wir haben erfahren, was es bedeutet, wenn über ein mittelgroßes Krankenhaus die zweite Welle schwappt.“ Die Kinder wollen Antworten, sie schreiben an die Klinikleitung. Schließlich meldet sich ein Oberarzt bei der trauernden Tochter. Ihm stellt sie ihre quälendsten Fragen: „Warum hat niemand mit uns gesprochen? Wie ist sie gestorben? Hat sie gelitten?“ Elisabeth Heim, die tief gläubig war, das jüngste Gericht fürchtete, starb ganz allein. Beate Heim hofft, dass ihre Mutter im letzten Moment ohne Angst loslassen konnte.

Elisabeth Heim wird in ihrer oberschwäbischen Heimat beerdigt – auf dem kleinen Friedhof, auf dem auch ihre Eltern und ihr Bruder die letzte Ruhe fanden. „Es war ein strahlender Tag, mit Sonnenschein, blauem Himmel und viel Schnee.“ Nach der Trauerfeier in der Otterswanger Barockkirche nehmen die Familie und Freunde von Beate und Christoph im kleinen Kreis Abschied am Grab – mit Masken, Abstand und ohne Umarmungen. „Wir verabschiedeten uns auf dem kalten Friedhof, ohne noch beisammenzusitzen, ohne Erinnerungen auszutauschen, ohne uns gegenseitig zu trösten.“ Die Geschwister wollen eine Gedenkfeier nachholen. Wann das sein wird, weiß niemand.

Abends zündet Beate Heim die Kerze vor dem Bild ihrer Mutter an – und eine Kerze im Fenster. Für die über 80.000 Menschen, die in Deutschland an oder mit Corona gestorben sind.

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