Elisa Badenes und David Moore tanzten schon über die große Kinoleinwand; nun zeigt das Stuttgarter Ballett John Crankos „Romeo und Julia“ für kurze Zeit online. Wo sonst noch erstklassig und gratis im Netz getanzt wird, verraten wir in unserer Bildergalerie. Foto:Stuttgarter Ballett Foto:  

Trotz überall abgesagter Vorstellungen dreht sich die Welt des Tanzes weiter. Viele Kompanien und Künstler nutzen das Internet als Ersatzbühne, auch das Stuttgarter Ballett, das nun „Romeo und Julia“ ins Rennen schickt.

Stuttgart - Es sind schwere Zeiten. Die Menschen sehnen sich nach Trost, wie ihn Kunst spenden kann. Wie sehr, das zeigt ein Blick auf die Besucherzahlen, die der Youtube-Kanal des Stuttgarter Balletts jüngst zählte: Mehr als 40 000 Zugriffe bekam dort Marcia Haydées „Dornröschen“, das entspricht rund 28 ausverkauften Vorstellungen im Opernhaus; auf den märchenhaften Kampf zwischen Gut und Böse folgten die drei Stücke des Ballettabends „Creations I–III“ und dann Kenneth MacMillans „Mayerling“. Nun legt die Stuttgarter Kompanie John Crankos ersten großen Balletterfolg nach: Vom 17. April, 18 Uhr, bis zum 19. April um 23 Uhr ist „Romeo und Julia“ online abrufbar.

Überhaupt wurden die Stuttgarter Ballettfans schon vor der Corona-Krise reich vom Internet beschenkt. Wer zum Beispiel nach Videos des Stuttgarter Tänzerstars Friedemann Vogel sucht, landet Treffer im hohen fünfstelligen Bereich.

Weil Ballettfans oft leidenschaftlich für ihre Kunst schwärmen und weil der Tanz international ist und Sprachgrenzen überwindet, ist das Internet für sie schon immer eine tolle Informationsquelle; nun wird es durch den reichlichen Ersatz für ausgefallene Vorstellungen zur Fundgrube. Nicht nur Ballettklassiker, auch die großen Hits des modernen Tanzes sind im Angebot. So zeigen zum Beispiel die Berliner Festspiele vom 1. bis 29. April einen Mitschnitt von „Rain“ der belgischen Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker und ihrer Kompanie Rosas aus dem Jahr 2016. Einblicke in die Arbeitsweise De Keersmaekers gibt im gleichen Zeitraum der Dokumentarfilm „Rain“ von Olivia Rochette und Gerard-Jan Claes aus dem Jahr 2012 über die Proben des Pariser Opernballetts zur gleichnamigen Choreografie. Auf der Seite des Théâtre National de la Danse Chaillot in Paris findet sich zum Beispiel Ohad Naharins „Deca Dance“ in kompletter Länge in einer Aufführung der Batsheva Dance Company, aber auch Stücke von Trisha Brown und Saburo Teshigawara.

Christian Spuck bittet zum „Heimspiel“

Das Nederlands Dans Theater (NDT) machte mit seinen Streaming-Angeboten bereits Lust auf den Stuttgarter Ballettabend „Hans und Ludwig“, den das Stuttgarter Ballett vom 3. Juli an plant und der vier Werke Hans van Manens versammeln soll. Das NDT zeigte mit van Manens „Short Cuts“ ein Meisterwerk des niederländischen Choreografen aus dem Jahr 1999. Vier Tänzer, ein Streichquartett von Jacob ter Veldhuis, Begegnungen mit Bodenhaftung, keine himmelstürmende Akrobatik: So ernsthaft muss Kunst momentan sein, um Antworten auf Krisen formulieren zu können. Aktuell zeigt das NDT Chrystal Pytes „Statement“ – aus Stuttgarter Perspektive spannend, da die Choreografin auch im Fokus von Ballettintendant Tamas Detrich ist.

„Heimspiel“ nennen Christian Spuck, sein Ballett Zürich und die dortige Oper ihr Streaming-Angebot, das noch bis Ende Mai die wegen des Coronavirus abgesagten Vorstellungen im Rahmen des Möglichen ersetzen soll. Zuerst war dort Christian Spucks Verdi-Ballett „Messa da Requiem“ zu erleben, das die starke Emotionalität dieser Musik auf die Tanzbühne bringt. Um die Auseinandersetzung mit dem Tod und die großen Fragen der Menschheit geht es für den ehemaligen Stuttgarter Hauschoreografen in diesem Stück. Die Musik erzähle, so Spuck, „von zarten Momenten der Trostsuche, des Loslassens, der menschlichen Gemeinschaft und der Hoffnung im Augenblick größten Schmerzes“. Vom 24. bis 26. April folgt dann Spucks „Nussknacker und Mäusekönig“.

Blicke hinter die Kulissen

Wayne McGregor ist einer der Choreografen, denen Reid Anderson schon früh die Bühne überließ. Mit „Nautilus“ und „Yantra“ schuf der Brite, einer der Hauschoreografen des Londoner Royal Ballet, hier beeindruckende Stücke. Wer mehr über seine Arbeit wissen will, kann vom 10. bis 17. April auf der Seite des Bayrischen Staatsballetts das „Portrait Wayne McGregor“ verfolgen, das drei seiner Choreografien versammelt.

Adressen großer Häuser, die Live-Streams oder Online-Programme anbieten, bündelt die Fedora-Plattform übersichtlich. Wer Lust auf Blicke hinter die Kulissen hat, findet derzeit beim Berliner Staatsballett ein spannendes Angebot: Polina Semionova ist da zum Beispiel in einer Probe für „La Bayadère“ zu bewundern; der Dokumentarfilm „Distance“ zeigt ein tanzpädagogisches Projekt mit vier Schulklassen anlässlich des Mauerfall-Jubiläums.

Überall auf der Welt trotzen Tänzer mit der Kamera dem Coronavirus; so viel Bewegung war nie im Netz. Und doch machen die Mitschnitte auch schmerzlich bewusst: Tanz ist eine Bühnenkunst, die vom Live-Moment und der gemeinsamen Freude daran lebt.

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