Superbe Stimme, perfekter Sound: Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt - Lichtgut/Christoph Schmidt

Xavier Naidoo ist Deutschlands bester Soulsänger. Das stellte er in der Stuttgarter Schleyer-Halle eindrucksvoll unter Beweis. 11 000 Fans waren zum deutschen Tourauftakt hin und weg.

StuttgartZuletzt vor zwei Jahren gastierte Xavier Naidoo in der Schleyer-Halle, auf seiner Tour „Nicht von dieser Welt“. Nun heißt die Devise wie sein gleichnamiges neues Album: „Hin und Weg“. Dieser Leitspruch steht auch übergeordnet für das grandiose und ausverkaufte Konzert in Stuttgarts größter Arena: Hin und weg sind 11 000 Fans von dem Mannheimer zum Auftakt seiner Deutschland-Tour.

Naidoo vertraut dieses Mal auf eine Standardbühne, keine Rundbühne wie noch 2017. Relativ klein ist sie, aber von überall sehr gut einsehbar und faszinierend illuminiert. Mal rotierend wie Bienenflügel, mal senkrecht unters Stahldach leuchtend wie Laserstrahlen, schaffen die Scheinwerfer zusammen mit neonfarbenen LED-Umrahmungswänden beeindruckend dekorative Bühnenbilder. Immer wieder scheint es, als ob die Bühne wie eine schwimmende Insel schwebe. Und in der Mitte steht eine hohe Lichtsäule, die zusammen mit einer hinteren Traverse in besonderen Momenten wie ein leuchtendes Kreuz aussieht.

Mit diesem im Rücken startet Naidoo, kariertes Hemd, Schiebermütze und Sonnenbrille, in exorbitanter Soundqualität seinen Frontalangriff auf Sinne, Seele und Verstand. Wie in den Nachthimmel steigende Himmelslaternen schickt er seine exzellente Mischung aus Soul, R&B, Gospel, Reggae und Pop hinaus. Mal warm strahlend, mal gleißend hell direkt ins Publikum zielend, mal laut zischend, mal leise brennend, mal in höchste Sphären entschwindend, mal tief über den Köpfen des fast andächtig lauschenden Publikums schwebend. In manchen Momenten kann man Stecknadeln fallen hören.

Gotteslob und Jubiläumsfeier

Dass der bekennende Christ Naidoo seit seiner Erweckung 1992 ein religiöser Mensch ist, ist längst kein Geheimnis mehr. Auch in der Schleyer-Halle hält er mit seinem Glauben nicht hinterm Berg zurück. In mehreren Liedern, wie beispielsweise in „Mut zur Veränderung“ oder „Seine Straßen“, singt er über das Christsein, singt von Nächstenliebe und Liebe. Wie vom Schöpfer der Erde gemachte Schmetterlinge im Sonnenlicht tänzeln diese Stücke in den Gehörgängen der Fans. Die Klavierballade „Halte durch“ klingt sogar wie ein Lobpreis in der Stille. Die Schleyer-Halle leuchtet im Angesicht dieses stillen Feuerwerks.

Naidoo preist Gott. Und die Fans preisen ihn, nur selten in einen Singalong einfallend wie bei „Wo willst Du hin“. Ihr Glück ist besiegelt. Das muss man nicht mögen, andererseits stehen hier Künstler und Fans für ihren Glauben ein, was in diesen Tagen nicht unbedingt selbstverständlich ist. Vorrangig feiert Naidoo allerdings sein 25-jähriges Bestehen auf den Bühnen der Welt. Wie anders als mit seiner größten Kunst, der des Singens. Der mittlerweile 48-Jährige ist immer noch der beste deutsche Soulsänger. Er hat den hohen Ton geprägt, den alle pflegen, frei von Ironie und voller Inbrunst. Viele versuchen heute zu singen wie er, aber keiner singt derart genial und betörend. Er tönt samtig und weich, er flüstert, scattet, scratcht und rappt, dass es pure Freude ist. Er gleitet vom tiefen Bass bis ins hohe Falsett. Dann wiederum singt er mit derart großer Kraft und mit riesigem Herzen, dass die Halle bebt. So intim und doch so bombastisch. So fern und doch so nah. Wie bei „Dieser Weg“, dem fulminanten Schlussstück des regulären Sets. Es war die Hymne zum fußballerischen Sommermärchen 2006. Unvergessen.

Lange ist das her. Und erst seine komprimierte Zeitreise durch seine großartige Schaffenszeit zeigt, welch’ besondere Hymnen er sonst noch so geschrieben hat: „Alles kann besser werden“ beispielsweise. Oder „Bist Du am Leben interessiert“. Oder „Bitte hör’ nicht auf zu träumen“. An diesem Abend stehen seine besten Lieder im Vordergrund. Die vier live gespielten Stücke aus seinem neuen Album gehören nicht dazu. Am allerwenigsten „Anmut“, zu dem sich Naidoo den Rapper Klotz auf die Bühne holt. Mit dessen flauer Stimme gerät die fade Interpretation zum schlechtesten Song des Abends. Immerhin fügen sich „Mein Glück ist besiegelt“ und das rhythmische „Gute Zeiten“ fast nahtlos in das 25 Lieder umfassende Programm ein. Naidoo nimmt mit ihnen den leichteren Weg, im poppigeren Sound und ohne streitbare Texte. Mit dem versöhnlichen „Ich danke allen Menschen“ als Zugabe reicht er sogar jenen Leuten die Hand, die ihn wegen seiner religiösen, politischen oder gesellschaftlichen Ansichten scharf angreifen. Kein „Raus aus dem Reichstag“, kein „Der Abgrund“ und kein „Marionetten“ – Lieder, deretwegen er an den Pranger gestellt wird – kommen ihm deshalb über die Lippen. Auch verbal zündelt er keine Sekunde. Überhaupt nimmt er sich bei seinen teils schon einsilbigen Zwischenmoderationen reichlich zurück, ganz anders als vor zwei Jahren.

Fulminantes Best-of-Programm

Stattdessen konzentriert sich Naidoo auf ein dramaturgisch perfektes, fulminantes Best-of-Programm. Hauptsächlich gestützt auf seine Werke „Nicht von dieser Welt“ (1998), „Zwischenspiel“ (2002), „Telegramm X“ (2005) und „Alles kann besser werden“ (2009), die er in den Fokus rückt. Er startet unprätentiös und im Halbdunkel a cappella mit „Führ’ mich ans Licht“, zelebriert mit seinem Bassisten auf einer Mini-Bühne in der Arenamitte. Bereits da zerschneidet seine Stimme die flirrende Luft. Anschließend bahnt er sich durchs Publikum den Weg zur Bühne, singt dort „Zeilen aus Gold“, den Klassiker „20000 Meilen“ und das traurige „Söldnerlied“. Es ist ein ausgewogenes Set, gleichwertig austariert zwischen gefühlvollen Balladen wie „Sie sieht mich nicht“ und mitreißenden Gänsehaut-Hymnen wie „Ich kenne nichts“, mit dem das zweistündige, von komplex-tiefgründiger Lyrik durchsetzte Konzert seinen Kulminationspunkt erreicht.

Binnen kurzer Zeit sind die Fans selig, fast ehrfurchtsvoll erstarrt vor dem dunkelhäutigen Sänger mit indisch-südafrikanischen Wurzeln und dieser superben Stimme, die so klar, so rein erstrahlt wie selten. Es ist ein Leuchten in der Musik und in den Gesichtern des Publikums. Für ein Konzert dieser Größenordnung herrscht freilich eine ungemein intime Atmosphäre, die ab und an von Naidoos knackiger Sechs-Mann-Band aufgebrochen wird, weil sie den Soul und Pop des Mannheimers mit einem urbanen Sound aufpeppt. Zusammen mit Naidoos Virtuosität und Vielfalt holen sie den Himmel in die Halle.

Die Zugaben läutet Naidoo nochmals in der Arenamitte ein, mit einer Hommage an Reinhard Mey. Das Cover „Über den Wolken“ zelebriert er akustisch, nur von Konzertgitarre und kleinen Congas begleitet. Den Schlusspunkt setzt er dann mit seiner Hymne „Bevor Du gehst“. Die Fans hätten nichts dagegen gehabt, wenn er noch länger geblieben wäre. Bei aller tiefgründigen Inhaltsschwere war es doch ein Konzert voller Leichtigkeit. Wie Himmelslaternen, die zwar eher flüchtiger Natur sind, deren Bilder aber noch lange in Erinnerung bleiben.

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