Trotzig und herausfordernd: Aber wer war Käthe Kollwitz wirklich? Selbstbildnis von 1889/91 Foto: Käthe Kollwitz Museum Köln

Jeder kennt ihren Namen: Käthe Kollwitz. Aber warum hat man sie in Ost und West eigentlich zur Vorzeigekünstlerin erhoben? Eine Ausstellung in Frankfurt will der berühmten Künstlerin endlich gerecht werden.

An diesem Namen kommt man kaum vorbei: Käthe Kollwitz. Straßen, Schulen und Plätze wurden nach ihr benannt. Es gibt einen Asteroid namens Kollwitz und 2017 wurde sogar ein ICE auf ihren Namen getauft. Mehr Nachruhm ist kaum möglich. Beim Merchandising fällt Käthe Kollwitz dagegen denkbar schlecht aus. Anders als bei anderen Künstlern finden sich ihre Motive weder auf Kaffeetassen noch auf Bettwäsche, Taschen oder Kugelschreibern.

Geht man nun durch das Städel in Frankfurt am Main, versteht man sofort, warum das so ist: Die Kunst von Käthe Kollwitz ist düster – und das nicht nur, weil ihre Zeichnungen und Drucke vor allem in Schwarz-Weiß gehalten sind. Kollwitz kultivierte die Vorstellung des Lebens als Tragödie. Bei Kollwitz sind Umarmungen immer so eng und verzweifelt, als wolle man dem anderen die Luft abdrücken. Hände sind bedrohlich groß und Köpfe hängen so tief, als sei das Genick gebrochen.

Eine große Sonderausstellung will mit Klischees aufräumen

Auch wenn sie von vereinzelten kritischen Stimmen als „pessimistische Elendsmalerin“ bezeichnet wurde, gilt die 1867 geborene Käthe Kollwitz als berühmteste deutsche Künstlerin ihrer Zeit. Die große Sonderausstellung „Kollwitz“ in Frankfurt will jetzt aufräumen mit Klischees über sie. Denn Kollwitz sei in Ost- und Westdeutschland vereinnahmt worden. In der DDR wurde sie als Vorreiterin des kritischen Sozialismus gefeiert, in der BRD habe man sie als humanistisches Vorbild stilisiert, die politische Dimension ihrer Arbeit aber verschwiegen.

In Frankfurt will man Käthe Kollwitz nun – endlich – gerecht werden. Dazu wurden mehr als hundert Werke zusammengetragen, darunter Selbstporträts, auf denen sich auch schon die junge Künstlerin stets ernst, wenig zugänglich und fast trotzig zeigt. Frontal, direkt, selbstbewusst – aber nie fröhlich. Nur auf einer seltenen Studie von 1888/1889 griff sie ausnahmsweise zur Farbe und zeigte eine fröhliche Szene: eine Gesellschaft im Biergarten. Eine Ausnahme, denn diese offenbar rebellische junge Künstlerin verweigerte sich Motiven gegenüber, die ihre Kollegen selbstverständlich wählten: Landschaften, Stillleben und gefällige Szenen aus dem Alltag.

Schwermut, so weit das Auge reicht

Bis heute gilt die Malerei als Königsdisziplin, Käthe Kollwitz aber zeichnete lieber – zum Beispiel „Gretchen“, den Inbegriff weiblicher Tragik. Nicht nur hier lauert der Tod, sondern auf vielen Blättern – auch lange bevor Kollwitz ihren Sohn im Ersten Weltkrieg verlor. Von Beginn an durchzieht ihr Werk Schwermut, und es drängt sich die Frage auf, warum diese extreme Düsternis? Wieso diese fast zwanghafte Zuspitzung des Elends und warum der Verzicht auf jegliche hellen, positiven Momente?

Fragen, die die Kuratorin Regina Freyberger nicht stellt, sondern sich auf rein künstlerische Aspekte kapriziert. Obwohl sie das Werk eigentlich nüchtern ausleuchten will, wird es doch auch vereinnahmt, weil es rein kunstwissenschaftlich befragt wird. Da geht es um „ansteigende“ und „abfallende“ Bewegungsmomente, um „reiche Texturen von Schmirgel, Stoff- oder Papierdurchdruck“. Die existenzielle Dimension der Motive wird reduziert auf Körper, die die Künstlerin in die Waagrechte „verklemmte“, wie es heißt.

Elend auf den Effekt hin inszeniert

Dabei wird weder die Person Kollwitz plastisch noch die Motivation ergründet, wieso sie die düsteren Seiten der Wirklichkeit so stark auf den Effekt hin inszenierte. Als sie etwa aufrief, den hungernden Russen zu helfen, zeichnete sie diese nicht nur abgemagert, sondern nackt, als hätten sie vor Hunger die eigene Kleidung essen müssen.

Kollwitz selbst ist übrigens keineswegs in solch betrüblichen Verhältnissen aufgewachsen. Der Vater bekam als Jurist wegen seiner politischen Ansichten keine Anstellung beim Staat, musste sich als Maurermeister verdingen, aber er war ein freigeistiger Mann, der Käthe schon früh künstlerisch förderte. Sie begeisterte sich bereits als Jugendliche für das proletarische Milieu in Königsberg. Zur Ausbildung ging sie nach München in die Damenakademie des Künstlerinnen-Vereins München. Abends trieb man sich in den Bierkellern herum, machte Ausflüge „und fühlte sich frei, weil man seinen eigenen Hausschlüssel hatte“, wie sie später verriet.

Umzug ins arme Berlin

Als Kollwitz schließlich nach Berlin ging, zog sie mit ihrem Mann, einem Arzt, bewusst in ein Arbeiterviertel, wo er eine Kassenpraxis eröffnete. Käthe fand ihre Motive nun direkt vor der Haustür: arme, ausgemergelte Arbeiter. Sie machte schnell Karriere, was für eine Künstlerin in dieser Zeit doppelt bemerkenswert war. Mit Anfang dreißig wurde sie sogar schon vorgeschlagen für die Kleine Goldene Medaille. Das ging Wilhelm II allerdings doch zu weit: Orden, meinte der Kaiser, gehörten „auf die Brust verdienter Männer“.

Fantastische Aussicht

Terrasse
Sie existierte schon immer, jetzt aber hat das Städel Museum endlich seine Dachterrasse für das Publikum zugänglich gemacht. Dazu wurden in das denkmalgeschützte Gebäude Treppen eingebaut. Die neue Besucherterrasse ist mit einem Museumsticket zugänglich und bietet einen perfekten Panoramablick auf die Stadt.

Ausstellung
Bis 9. Juni, geöffnet Di bis So 10 bis 18 Uhr, Do 10 bis 21 Uhr.