Seinen „Weihnachtsgesang“ hat Wilhelm Nagel der „Seminarübungsschule in Esslingen“ gewidmet. Foto: Stadtmuseum Esslingen - Stadtmuseum Esslingen

In der Reihe „Historische Schätze“ stellt das Stadtmuseum – passend zur Weihnachtszeit – ein Notenheft des Esslinger Musikers und Komponisten Wilhelm Nagel vor. Seinen Weihnachtsgesang hat er ausdrücklich für „Frauen- oder Schülerchor“ geschrieben.

EsslingenDass sonore Männerstimmen weihnachtliche Weisen intonieren, passte für den Esslinger Komponisten und Musiklehrer Wilhelm Nagel offensichtlich nicht zusammen. Das von ihm gemeinsam mit Walther Schulte von Brühl veröffentlichte Notenheft, das im Dezember im Stadtmuseum in der Reihe „Historische Schätze“ gezeigt wird, haben die beiden ausdrücklich als „Weihnachtsgesang für Frauen- oder Schülerchor“ tituliert. Gewidmet war das 1899 erschienene Notenheft der „Seminarübungsschule in Esslingen“ – eine Einrichtung, die den Esslinger Bürgern zunächst nicht ganz geheuer war, wie Christian Rilling, stellvertretender Leiter der Städtischen Museen herausgefunden hat. Ein mit geschmücktem Christbaum und Geschenken beladener Weihnachtsmann ziert das Titelblatt des Notenheftes, in dessen Innerem die Einzelstimmen und eine Partitur des dreistimmigen Chorstücks aufgeschrieben sind. Der Text preist den weihevollen Klang der Glocke in der Nacht, die den winterlichen Frieden auf Erden begleitet sowie die Geburt des Heilands und die damit verbundene Freude. „Componirt“ wurde das Stück von Wilhelm Nagel, der 1871 geboren wurde und selbst am Esslinger Lehrerseminar studiert hatte. Sein Lehrmeister war der Komponist und Musiker Christian Fink, der 1860 zum Musiklehrer ans Esslinger Lehrerseminar sowie zum Musikdirektor an der Stadtkirche St. Dionys berufen worden war. Von 1872 bis zu seinem Tod im Jahr 1911 lebte er im heutigen Stadtmuseum im Gelben Haus. Davon zeugt noch heute eine Gedenkplakette an der Außenseite des Gebäudedteils Hafenmarkt 7, berichtet Christian Rilling.

Seit 1894 war Wilhelm Nagel Seminarhilfsmusiklehrer und studierte parallel zunächst am Konservatorium in Stuttgart, später in Berlin. Von 1905 bis 1945 arbeitete er Musiklehrer im Esslinger Lehrerseminar, 1915 kam ein Engagement als Organist und Chordirektor an der Stadtkirche St. Dionys hinzu. „Nagel war einer der führenden württembergischen Chorleiter, Bundeschormeister des Schwäbischen Sängerbundes und Komponist zahlreicher Lieder sowie weltlicher und geistlicher Chorwerke“, so der stellvertretende Museumsleiter. Den Text zu Wilhelm Nagels Komposition steuerte der Journalist und Dichter Walther Schulte vom Brühl. Hinter diesem Pseudonym verbarg sich Walther Schulte-Heuthaus, zu dessen Werk neben Romanen und Erzählungen, Kinderbücher, Gedichte sowie Theaterstücke gehörten. Das Notenheft, das im Dezember im Stadtmuseum vorgestellt wird, wurde im November 1899 an den Organisten der Stuttgarter Stiftskirche Heinrich Lang gesandt, wie eine handschriftliche Widmung des Komponisten verrät. Auch der Organist der Stiftskirche, der später zum Professor ernannt wurde, hatte im Esslinger Lehrerseminar bei Christian Fink gelernt und am Stuttgarter Konservatorium studiert. So liegt die Vermutung nahe, dass Nagel und Lang sich aus Studientagen kannten.

Die „Seminarübungsschule“, der Nagel sein Chorwerk gewidmet hatte, gehörte zum Esslinger Lehrerseminar. Das war am 20. Mai 1811 an der Stelle des heutigen Behördenzentrums als erstes „Schullehrerseminar“ in Württemberg gegründet worden. „Damit war die Ausbildung der Lehrer im 1806 gegründeten Königreich auf ganz neue Grundlagen gestellt“, erklärt Christian Rilling. In 40 bis 50 Wochenstunden erhielten die Seminaristen ihre theoretische Ausbildung in Fächern, die sich von Religion über Deutsch, Mathematik, „Realien“ – darunter verstand man damals Naturkunde, Erdkunde und Geschichte – Pädagogik, Methodik, Zeichnen bis hin zu Katechetik und Musik erstreckten. Praktische Erfahrungen sammelten sie in der im Erdgeschoss des Seminars eingerichteten „Musterschule“, die 1868 zur „Seminarübungsschule“ umgewandelt wurde. Dort bekamen die Seminaristen nicht mehr nur Einblick in die Arbeit eines Lehrers. In der drei-klassigen Schule unternahmen sie ihre ersten eigenen Unterrichtsversuche. Die anfängliche Skepsis der Esslinger Bürger gegen diese Einrichtung legte sich schnell. Dass der Schulunterricht künftig von gut ausgebildeten und hoch motivierten Pädagogen abgehalten werden würde, ließ die Anmeldezahlen am Seminar in die Höhe schnellen.

Unter dem Titel „Historische Schätze“ stellt die Eßlinger Zeitung Objekte und Neuerwerbungen der Städtischen Museen Esslingen vor. Die Objekte sind vom ersten Dienstag des Monats an im Gelben Haus am Hafenmarkt zu sehen.

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