Der Kunstradfahrer triumphiert seit 2016 bei allen Wettkämpfen, die er bestreitet. Niederlagen kassiert der sechsmalige Weltmeister nur bei Sportlerwahlen. Die fehlende Anerkennung tut weh, kann Lukas Kohl aber nicht ausbremsen.
Es gibt einen Abend im Jahr, da feiert der deutsche Sport eine große Gala – und sich selbst. Trikots und Rennanzüge bleiben im Schrank, getragen werden Ballkleid und Smoking. Das Kurhaus in Baden-Baden bietet auch an diesem Sonntag den festlichen Rahmen, es wird opulent aufgetischt. Und trotzdem geht es auch hier am Ende um Ergebnisse. Denn gekürt werden die Sportlerin, der Sportler und die Mannschaft des Jahres. Es ist eine Auslese der Besten, über die sich oft trefflich diskutieren lässt, auch mit einem der Allerbesten.
Lukas Kohl ist seit Jahren Gast bei der Gala, und diesmal hätten die Veranstalter auch ihm gerne die große Bühne geboten. Doch sie war zu klein für den Kunstradfahrer, den sie ehrfürchtig „Lukinator“ nennen. Kohl, der sechsmalige Weltmeister, hätte im Kurhaus einen Teil seiner großartigen Kür zeigen sollen, alleine im Fokus, vor laufenden Kameras. Doch dafür reichte der Platz nicht aus, weshalb er auch 2022 nicht im Scheinwerferlicht stehen wird, sondern wieder im Schatten der anderen. „Es gibt keinen Zweifel, dass er mehr verdient hätte“, sagt Klaus Dobbratz, der Chef der Neckartailfinger Agentur Internationale Sportkorrespondenz (ISK), von der die Sportlerwahl organisiert wird. „Für mich ist er der beeindruckendste und beste deutsche Athlet der vergangenen sechs Jahre.“ Nur bekommen das (zu) viele nicht mit.
Lukas Kohl: „Ich bin kein Sprücheklopfer“
Dabei ist das, was Lukas Kohl (26) leistet, einmalig. Im November 2016 war er bei der WM in der Stuttgarter Porsche-Arena Zweiter der Qualifikation. Es ist der letzte Wettkampf gewesen, den er nicht als Sieger beendet hat. Ein paar Stunden später gewann er sein erstes WM-Gold – und ist seither ungeschlagen! Der Wirtschaftsingenieur aus dem oberfränkischen Ebermannstadt holte alle Titel, egal bei welcher Meisterschaft, und er fuhr dabei fast immer auf einem unglaublich hohen Niveau. In der Geschichte des Kunstradsports gibt es nur wenige Athleten, die es geschafft haben, die magische Marke von 200 Punkten zu übertreffen. Kohl, der mit 216,40 Zählern den Weltrekord hält, ist das in mehr als hundert Wettkämpfen gelungen, in diesem Jahr erstmals sogar bei allen 26 Auftritten. „Er reizt das absolute Maximum aus, und das bei jedem Start“, sagt Bundestrainer Dieter Maute , „was die Konstanz angeht, ist er der beste Kunstradfahrer der Geschichte. Mir fällt kein Sportler in Deutschland ein, der seine Disziplin in ähnlicher Form beherrscht oder erfolgreicher wäre.“
Trotzdem muss Lukas Kohl damit leben, dass die Sportjournalistinnen und Sportjournalisten, deren Stimmen die Wahl entscheiden, andere Leistungen stets höher gewichten. Leicht fällt ihm das nicht. „Ich bin kein Sprücheklopfer und keiner, der sich selbst lobt, weshalb ich trotz meiner verrückten Erfolgsgeschichte nie von mir behaupten würde, der beste Sportler Deutschlands zu sein“, sagt der Unbesiegbare, „und dennoch tut jede Abstimmung, in der mir die Anerkennung versagt bleibt, richtig weh. Ich schaue mich dann immer im Saal um, finde aber keinen, der Ähnliches erreicht hat. Das ist schon ein Stück weit unfair.“ Aber natürlich auch erklärbar.
Immer in der Nähe des Weltrekords
Kunstradfahren ist eine Randsportart, nicht olympisch, mit einem geringen Grad an Aufmerksamkeit und einer begrenzten Zahl an Athleten. Allerdings, darauf legt der Bundestrainer wert, liegt die Dominanz von Lukas Kohl nicht etwa daran, das es ihm an Konkurrenten fehlt. „Derzeit ist die Leistungsdichte enorm, vor allem in Deutschland“, sagt Dieter Maute, der zur Veranschaulichung einen Vergleich mit dem 100-Meter-Lauf wählt: „Bei uns gibt es einen Ausnahmeathleten, der sich immer in der Nähe des Weltrekords von 9,58 Sekunden bewegt und alle Rennen gewinnt, doch danach kommen ein Trio mit 9,7 Sekunden und weitere Starter mit 9,8 Sekunden. Das ist absolut außergewöhnlich.“ Und trotzdem keine Garantie, nicht abgehängt zu werden.
Lukas Kohl, so ist zu hören, wird zwar bei der Wahl der Sportler des Jahres diesmal seine bisher beste Platzierung einfahren, aber trotzdem nicht unter die ersten zehn kommen. „Damit“, sagt er, „muss ich mich abfinden.“ Und neue Ziele suchen.
Das ist eine lösbare Aufgabe für den Dominator, der schon allein deshalb stets voll motiviert ist, weil er seine Sportart lebt. „Wir setzen die Physik außer Kraft, zeigen die höchste Form des Turnens. In jedem Wettkampf muss man vor allem sich selbst besiegen“, erklärt er. „Es gibt nichts Geileres!“ Weshalb Kohl 2023 weitermachen und seine fantastische Serie ausbauen will, auch wenn es ihn viel kostet.
Es gibt nichts zu verdienen – im Gegenteil
Der Supersportler arbeitet in Vollzeit als Controller, Beruf und Berufung gerecht zu werden ist ein höchst schwieriger Spagat – der sich nicht mal auszahlt. Im Gegenteil. „Es geht im Kunstradfahren um andere Werte als um das Finanzielle“, sagt Lukas Kohl, „mich stört nicht, dass es nichts zu verdienen gibt, sondern nur, dass wir noch Geld mitbringen müssen.“ Etwa, wenn ein Weltcup in Hongkong stattfindet und Flug- sowie Hotelkosten an den Athleten hängen bleiben: „Das darf nicht sein!“
Es ist aber die Realität in einer Disziplin, die trotz ihrer Attraktivität so gar nicht zur Glitzerwelt des Sports gehört, welche sich Jahr für Jahr in Baden-Baden präsentiert – und die auch diesmal wieder akzeptieren muss, dass im dortigen Kurhaus die Bühne den anderen gehört.